Essen erwartet den Papst. Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hat meinen Antrag zur Ackreditierung abgelehnt; ich habe kein Medium genannt, das der aktuellen Berichterstattung dient, ich wollte des Papstes Finger sehen, nichts Aktuelles, nichts Aufsehenerregendes, ich hatte mir etwas davon versprochen, seine Finger anzuschauen. Ich hätte ihn weder in den Finger gebissen, noch hätte ich ihm die Finger ausgerissen, da kann das Sekretariat unbesorgt sein; nun aber muß ich auf Zehenspitzen stehen, wenn das Papamobil mit der gläsernen Kuppel weiß und engelgleich durch die Rüttenscheider Straße rauscht. All die aktuellen Verbreitungen, all die unmittelbaren Informationen werden übermorgen vergessen sein, übermorgen abend schon wird die Zeitung von übermorgen in der Mülltonne liegen, nie wieder gelesen. Womöglich hätte ich etwas Atemberaubendes über Woytylas Finger herausgefunden, womöglich wäre mir selbst etwas Wunderbares widerfahren, etwas besonders Überwältigendes, und Essen, das mich zum Chronisten bestellt hat, wäre es gewesen, dem ich es hätte danken dürfen.

Ludwig Hang: „Essener Tagebuch“ vom 2. Mai 1987, erschienen in dem Band „Und über uns der grüne Zeppelin“, Rigodon-Verlag, Essen

Wolfgang Liebeneiner

Als die Zuschauer des ZDF kürzlich ihren „Wunschfilm“ wählen durften unter Hustons „Freud“ und Liebeneiners „Wasserdoktor (Sebastian Kneipp)“, galt das überwältigende Votum dem Wasserdoktor. Das warf ein Licht auf deutsche Wünsche, deren Mehrheiten dieser Regisseur immer zu bedienen wußte. Als seine „Königin Louise“ sich in Gestalt von Ruth Leuwerick vom Krankenlager zu Verhandlungen schleppte („Der Zar soll unsere Ostgebiete erhalten!“), hatte Bundeskanzler Adenauer nach seiner Moskaureise die absolute Mehrheit im Bundestag errungen. Liebeneiner machte, quer durch alle Genres oder Themen, alles. 1905 im damaligen Schlesien geboren, hatte er in Ophüls’ Film „Liebelei“ den todessüchtigen Leutnant gespielt, sich dann auf deutsche Musiker verlegt, bevor er als Regisseur der perfekten Mittelmäßigkeit Karriere machte: mit Komödien des Konformismus, Abenteuerfilmen zur Aufrüstung der Wehrmacht, Geschichtsepen über große Männer und Propagandastreifen für staatliche Euthanasie. Goebbels bestellte ihn zum Produktionschef der Ufa und zum Leiter der Filmakademie in Babelsberg. Bei Kriegsende war der vielversprechende Titel „Das Leben geht weiter“ fast abgedreht. Es ging weiter, mit Remakes der Melodramen aus dem Dritten Reich, eingebettet in den schalen Glanz der Restauration. Seit langem hatte sich dieser Regisseur Fernsehproduktionen vom Schlage „Nachbarn und andere nette Menschen“ verschrieben. Sein Lebensthema blieb die fürchterliche Nettigkeit. Am 29. November ist Wolfgang Liebeneiner in Wien gestorben.

Letzte Meldung

„Bundeskanzler Kohl schaut mit Zuversicht auf die Weltpolitik. Der Kanzler rühmt die Beziehungen zu Ungarn. Das Verhältnis zu Amerika sei ausgezeichnet, sagt Kohl, und er hebt seine freundschaftliche, vertrauensvolle Beziehung zu Reagan hervor. Die Koalition? Sie leiste gute Arbeit; in der ganzen Welt werde die Bundesregierung gerühmt. Gemeinsam seien CDU Und CSU, sagt Kohl, die mit Abstand stärkste Kraft im Staat. Dabei werde es bleiben. Die CDU bleibe Partei der Mitte, sie sei für alle sozialen Schichten da. So sei die Union ins Leben getreten, so werde sie bleiben.“ Alle diese Sätze lesen (oder läsen) wir in einem Exklusiv-Hintergrund-Gespräch, das Johann Georg Reißmüller für die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit Bundeskanzler Helmut Kohl geführt hat (oder habe). Wie wir aus Kreisen der FAZ-Redaktion erfahren (oder erführen), wolle die FAZ auch in Zukunft prinzipiell keine Interviews, dafür aber differenzierte Hintergrundgespräche publizieren. Nur so lasse sich der kritische Abstand zwischen Journalismus und Politik auch in Zukunft gewährleisten. Die FAZ bleibe Zeitung der Mitte, so sei sie ins Leben getreten, so werde sie bleiben.