Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende November

Weeßt du, warum die det machen?“ fragte mich der junge Mann und meinte die Vorgänge um die Zionskirche. „Det ist doch klar: Die wollen bloß ihre Knaste wieder vollkriegen. Die sind doch nu alle leer, von wegen der Amnestie, und nu haben se keene Arbeiter mehr für all die schönen Fabriken, die sie da in die Knaste alle rinjebaut haben.“ Er schwärmte von der Mahnwache: „Da haben die mit Kerzen jestanden, mit 750-Jahre-Berlin druff. Ist det nich ne dufte Symbolik?“

Es war Samstagnachmittag, der verregnete Vortag zum ersten Advent in Ost-Berlin. Weil die Zionskirche aus „baubehördlichen Gründen“ geschlossen war, war man in andere Kirchen umgezogen. Die Leute von der „Kirche von unten“ zum Beispiel trafen sich in einer Friedrichsfelder Kirche. Ein Adventskranz hing an der Decke, daneben der beleuchtete Weihnachtsstern. Im Eingang standen große Tabletts mit Schmalzstullen. Geredet wurde hier aber nicht über die Zionskirche, sondern über die eigenen Probleme. So wurde ein Brief verlesen, der am nächsten Morgen in den Ostberliner Kirchen verteilt werden sollte und in dem die Mitglieder der „Kirche von unten“ erklärten, was sie anders machen wollen als die herkömmliche Kirche und warum. Den ersten Advent hatten sie dafür gewählt, weil sie hofften, an diesem Tag besonders viele Gemeindemitglieder beim Gottesdienst anzutreffen. Doch es fand sich kaum einer, der den Brief zur Kirche bringen wollte.

Der Pfarrer, mit dem ich nach Friedrichsfelde gefahren war, sagte auf der Rückfahrt: „Sie sehen ja vielleicht ein bißchen ungewöhnlich aus, ich meine ihre Kleidung und ihre Frisuren, aber wenn man sie so hört, sie sind alle so ernsthaft und engagiert. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, daß sie so schwer zu integrieren sind.“ Wie er die nächtliche Aktion in der Zionskirche einschätze? Jedenfalls ging es diesmal eindeutig von den staatlichen Stellen aus. Es gab keine Provokation von den jungen Leuten.“ Er glaube denen, die sagen, als die Männer von der Staatssicherheit in den Keller der Umweltbibliothek kamen, rollten da Exemplare des Umweltblattes aus der Maschine, ein Papier „zum innerkirchlichen Gebrauch“, nicht aber der Grenzfall, wie behauptet wurde. Er wollte nichts davon wissen, daß die Behörden mit der Absage des Gesprächs nach der Görlitzer Synode, dann mit den Durchsuchungen, zeitweisen Festnahmen, Berlin-Besuchsverboten der letzten Woche das friedliche Miteinander von Kirche und Staat aufkündigen wollten. „1978 war eine andere Zeit. Da gab es die ‚Kirche von unten‘ noch nicht. Das ist eine neue Entwicklung, ich denke, nicht nur in der Kirche: daß Leute mitreden wollen, den Mut haben, mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen.“

Und der Grenzfall „Na ja, das ist schon ein politisches Blatt“, sagte eine Freundin, die ihn ein paarmal gelesen hatte. „Aber im Grunde steht da auch nicht mehr drin als das, worüber sich Leute in der DDR zu Hause unterhalten: Wie es einem geht, wessen Reise in den Westen ohne Begründung abgelehnt wird oder wer mit staatlichen Stellen sonst irgendwie zu tun hat. Oder wie die Bäume in Borna aussehen, und wie die Luft riecht in Espenhaim. Aber das ist schließlich nicht top secret, das weiß doch jeder. Vielleicht ist der Ton manchmal ein bißchen sehr ruppig. Aber, mein Gott, dafür sind es junge Leute!“

Die Eliaskirche, Zentrum derjenigen, die sich in den letzten Tagen besonders für das engagiert hatten, was in Zusammenhang mit der Umweltbibliothek passiert war, war so voll, daß kaum ein Platz zum Stehen zu finden war. Jemand verlas einen Brief von Arbeitern aus Bitterfeld, die ihre Solidarität bekundeten. Aus Bitterfeld, einem Ort, der berüchtigt für seine besonders schadstoffbelastete Luft ist. Der Brief der Bitterfelder mußte für die Umweltschützer beinahe ein Orden sein, jedenfalls wichtiger als die Solidaritätserklärung vom französischen Schriftstellerkongreß. Der schmale Bert Schlegel, mit seinen millimeterkurzen Haaren, und der langhaarige, bärtige Wolfgang Rüddenklau – die beiden von der Umweltbibliothek, die am längsten festgehalten worden waren – waren wieder frei.