Aus purem Eigennutz versuchen Gewerkschaften und Arbeitgeber, flexiblere Ladenschlußzeiten zu verhindern

Verbände haben die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Und daß diese Interessen einzelner Gruppen in unserer Gesellschaft nicht immer mit denen der Allgemeinheit übereinstimmen, dafür gibt es Beispiele.

Der aktuellste Fall ist die uralte und doch immer wieder neue Debatte um den Ladenschluß. Die Verbraucher würden die Hetze des abendlichen Einkaufs nach Feierabend gern vermeiden. Die Verbände des Handels und der Beschäftigten, Arbeitgeber und Gewerkschaften also, waren sich jedoch bisher weitgehend einig: Eine Liberalisierung der Ladenschlußzeiten sollte es nicht geben. Inzwischen beginnt die gemeinsame Front allerdings zu bröckeln. Denn der Versuch der Gewerkschaften, den Feierabend per Tarifvertrag festzuschreiben, bringt die Vertretung der Einzelhändler in Bedrängnis, weil sich Ladenbesitzer, die dem Verband nicht angehören, einer solchen Regelung nicht unterwerfen müßten.

Vor diesem Hintergrund sind auch die gerichtlichen Auseinandersetzungen um Arbeitskampfmaßnahmen zu sehen, die derzeit zwischen der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und vielen großen Handelsunternehmen laufen. Zwar kommen die Reibereien den Verbrauchern zugute, wenn in der Vorweihnachtszeit auf die Art ein Streik von HBV-Mitgliedern wohl unmöglich wird. Doch kein Verbraucher sollte sich täuschen lassen. Nicht „König Kunde“ hat eine der beiden Parteien auf seine Seite gezogen, nur die schiere Angst der Unternehmer vor noch härterer Konkurrenz erlaubt ihm fürs erste, wenigstens in den gewohnten Zeiten ungehindert Weihnachtseinkäufe zu machen.

Das Interesse der Mehrheit schert auch die Gewerkschaften wenig – die DAG kämpft ausnahmsweise an der Seite der HBV. Beide Organisationen ziehen an einem Strang – zu Lasten des Verbrauchers, zu Lasten womöglich auch von Arbeitslosen, die froh wären, für ein paar Stunden in der Woche eine Beschäftigung im Einzelhandel zu finden. Doch dies scheint die Arbeitnehmerverbände, die sich sonst gern als Anwalt der Arbeitslosen brüsten, nicht zu beeindrucken.

Natürlich reißt sich niemand darum, abends bis zehn Uhr oder länger, zu arbeiten. Millionen Arbeitnehmern in Fabriken und Krankenhäusern, Restaurants und Verkehrsbetrieben aber bleibt dies regelmäßig oder zeitweise nicht erspart. Niemand verlangt von den Beschäftigten des Handels, daß sie länger arbeiten sollen als andere, oder daß der späte Dienst am Kunden zum gleichen – gewiß kärglichen – Stundenverdienst wie am Tage verrichtet werden soll. Im Gegenteil. Wenn sich die Gewerkschaften für bessere Bezahlung und kürzere Arbeitszeit einsetzten, könnte auch der Kunde davon profitieren, der sich von unzufriedenen Verkäuferinnen und Verkäufern häufig mehr als Bettler, denn als König behandelt fühlt.

Im übrigen: Liberalisierung der Ladenschlußzeiten ist nichts anderes als eine Form der Flexibilisierung. Und daß die nicht einfach als Teufelswerk der Arbeitgeber abgetan werden, sondern durchaus auch im Interesse der Arbeitnehmer liegen kann, haben Gewerkschaften anderer Branchen inzwischen gemerkt. Nebenbei: Auch ihre Mitglieder sind Verbraucher, die Spaß am geruhsamen Einkaufen nach Feierabend haben, es sei denn, sie selbst bieten ihre Dienste in den Abendstunden an. Auf ihr Verständnis für den Streit um den Ladenschluß können die Kollegen im Einzelhandel wohl genauso wenig rechnen wie auf das der Verbraucher. Erika Martens