/ Von Rolf Zundel

Diese kühle Analyse gilt einer dramatischen Entwicklung. „Der Parteivorsitzende ist finster entschlossen“, berichtete ein Abgeordneter, ein anderer klagte: „In der Partei ist der Teufel los.“ Und manche in der Führung sehen stirnrunzelnd und mit wachsender Unruhe, wie das Parteischiff, das bisher so elegant an allen Untiefen der Koalitionsgewässer vorbeigesteuert war, nun plötzlich auf eine Klippe zutreibt. Niemand an Bord scheint fähig, in einem Schwenk in der letzten Minute die Havarie zu verhindern.

Die Rede ist natürlich vom Sonderparteitag am 12. Dezember, der als Vermummungsparteitag in die Geschichte eingehen wird und auf dem sich die FDP zwischen krassen politischen Alternativen entscheiden muß: zwischen Machtdisziplin und Überzeugung. An einer so unangenehmen Stelle ist die Partei schon lange nicht mehr gesichtet worden. Kein Wunder, daß selbst krisenerfahrene Liberale sich höchst ungemütlich fühlen.

Verständlich wird die Schwierigkeit der FDP erst dann, wenn die Erfolgsgeschichte etwas genauer betrachtet wird. Seit Martin Bangemann Vorsitzender der Partei ist, hat die FDP erstaunlich zugelegt – an Wählerprozenten und an Selbstbewußtsein. In Zahlen ausgedrückt: Damals war die Partei nur noch in fünf Landtagen präsent; FDP-Landesminister waren fast exotische Erscheinungen, heute regiert die FDP in fünf Bundesländern mit und stellt Abgeordnete in allen Landesparlamenten, Bayern ausgenommen. Die FDP hat in allen Wahlen Stimmen gewonnen, bei der Bundestagswahl im Januar erreichte sie über neun Prozent. In den Umfragen bewegt sie sich im Bund um die zehn Prozent – auch in Baden-Württemberg, wo die Frühjahrswahlen noch ein gutes Stück entfernt sind, und in der Regel sammelt die FDP ja erst in den letzten Wahlkampfwochen ihr volles Stimmenkontingent ein.

Im Erfolg lebt es sich angenehm. Die Partei hat – und dies ist nicht zuletzt das Verdienst von Bangemann – Frieden mit sich selber gemacht. Die Wunden der Wende sind vernarbt, Organisation und Finanzen sind in erfreulichem Zustand. Der Umgang in den Führungsgremien ist locker und sachlich geworden. Und vor allem: Die FDP hat sich optimal in die Koalition eingepaßt – unanständig gut, wie die Wahlanalytiker der Union finden. Sie bediene jenen politischen Opportunismus, der, solange die Kasse stimmt, für jedes modische Thema zu haben sei. Sie habe die schwierige Lage der Union schamlos ausgenutzt – nach dem Motto: Abrüstung und technischer Fortschritt für die FDP, Raketen und Arbeitslose für die CDU/CSU. Und sie leite jene Parteiverdrossenheit, die besonders die Volksparteien trifft, auf ihre Mühlen. Eine „Resteverwertungs-Partei“ nennt sie bissig Hans-Joachim Veen, der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Adenauer-Stiftung.

Die Volksparteien, den Problemen eines rasanten, unüberschaubaren Strukturwandels ausgesetzt, lassen freilich viele Reste. Die FDP, die am schönsten von der Zukunft träumt, von einer „neu heraufkommenden Gesellschaft“, die „in ihren tiefsten Triebkräften eine individualistische Gesellschaft“ sei (Genscher), aber die Folgen dieses Wandels für das soziale Gefüge und die staatliche Gemeinschaft am lockersten überspielt, ist zwar mangels Substanz nicht der Umschlagplatz der Moderne, aber sie bietet eine vorzügliche Projektionsfläche: Hoffnung und Unzufriedenheit finden dort immer einen Anhaltspunkt.

Vor diesem günstigen Stimmungshintergrund hat die FDP ihre Chancen in der Koalition erfolgreich genutzt. Auch wenn manche in der Partei, angesichts des sozialpolitischen Ausgabendrucks der Union und des steigenden Haushaltsdefizits, schon knurrend fragen, ob sich der Wechsel gelohnt habe – es ist eine Erfolgsgeschichte.