"1918 die schlimmsten Fehler gemacht" – Seite 1

Eingezwängt zwischen Tradition und Tolerierung

Von Peter Reichel

Wer an einen Untergang nach heroischem Widerstand denkt, etwa an den Verzweiflungskampf der österreichischen Arbeiter im Februar 1934 oder an die Verteidigung Madrids durch die spanische Volksfront", der muß bitter enttäuscht sein. "Wir leisteten keinen Widerstand. Wir warfen dem siegreichen politischen Gegner keine Prügel in den Weg ... Wir waren beiseite getreten und wähnten uns sicher im Schutz der Gesetze und einer Verfassung, zu der sich der Sieger feierlich bekannt hatte ... Dann aber, von heute auf morgen, waren wir nichts. Man erklärte uns für vogelfrei. Man machte wie auf entsprungene Sträflinge Jagd auf uns. Der unbändige Haß unserer Gegner brannte uns das Schandmal des flüchtigen Verbrechers auf ... Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, an allen Gliedern zerschmettert, aus allen Himmeln gestürzt ..."

Das schrieb der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete und spätere bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner kurz nach seiner Flucht ins rettende Schweizer Exil. Schmerzerfüllte, aber wohltuend unprätentiöse Erinnerungen, frei von narzißtischem Selbstmitleid und heroischem Rechtfertigungspathos. Ein wichtiges autobiographisches Zeugnis, das – zusammen mit den Aufzeichnungen von Julius Leber – zu Recht immer wieder zitiert wird, weil es die scheinbar ausweglose Lage der SPD gerade wegen seiner Subjektivität so beklemmend eindrucksvoll charakterisiert.

Aber war diese Situation eigentlich so ausweglos, wie viele glaubten? Oder war sie so hoffnungslos, weil die meisten den Glauben an die Rettung der Republik und an die Selbstbehauptung der eigenen Organisation schon verloren hatten? Oder hatten sie den Gegner unterschätzt und glaubten, wenn schon nicht die Republik, dann würden zumindest sie selbst ungeschoren davonkommen? Wie auch immer. Die Fragen deuten an, daß die Rollen, die SPD und KPD in den späten Weimarer Jahren spielten, umstritten sind. Kontrovers beurteilt werden bis heute vor allem die Tolerierungspolitik der SPD gegenüber Brüning, die Anpassung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) an die politische Rechte und nicht zuletzt das Problem der gescheiterten Einheitsfront von SPD und KPD.

Diese Fragen stehen also nicht von ungefähr im Mittelpunkt des dritten, seine Geschichte der "Arbeiter und Arbeiterbewegung der Weimarer Republik" abschließenden, voluminösen Bandes, den der Freiburger Neuhistoriker Heinrich August Winkler seit 1984 vorgelegt hat:

Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933; Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1987; 1027 S., 118,– DM.

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Erfreulicherweise wird das Ende der Arbeiterbewegung hier nicht auf eine Geschichte der Sozialdemokratie reduziert. Es geht Winkler um die Zerstörung und Selbstzerstörung der ersten deutschen Demokratie aus der Sicht der gesamten, wenn eben auch gespaltenen Arbeiterbewegung. Dabei macht er an entscheidenden Stellen kein Hehl aus seiner Sympathie. Bei aller Zurückhaltung in der politischen Wertung, bei aller analytischen Distanz zu seinem Thema, die ihm die Profession des Historikers abverlangt, seine stille, im Für und Wider gebrochene Passion gilt der Sozialdemokratie. Einer Partei, deren Führung es wohl gut meinte, die aber glücklos blieb, immer weniger Bündnispartner fand und so zunehmend in die Isolierung geriet: "Die SPD war nie so staatserhaltend wie in der Zeit, als der Staat weniger denn je der ihre war. Sie verteidigte die Republik auch dann noch, als die Mehrheit des Volkes sich längst von Weimar abgewandt hatte und es im Bürgertum kaum noch Kräfte gab, die entschlossen waren, die Nationalsozialisten fernzuhalten." Der biedere Buchumschlag scheint das noch unterstreichen zu wollen: Die staatstragend eingefärbte Schrift des Buchtitels steht auf nebelgrau-changierendem Grund. Einfallslos. Trostlos.

Winkler hat seine Studie mehr chronologisch als systematisch angelegt. Er folgt eher den politischen Akteuren und Entscheidungen in den Parteien, Parlamenten und Regierungen als den Bewegungen an der gesellschaftlichen Basis.

7,8 Millionen Arbeitslose

Doch er beginnt mit einem höchst anschaulichen und informativen Kapitel über die Auswirkungen der großen Krise auf die materiellen Lebensverhältnisse und die Bewußtseinslage der Arbeiter, besonders der Arbeitslosen unter ihnen. Sie standen am untersten Ende der sozialen Stufenleiter. Aber eine soziale Hierarchie gab es selbst noch unter den Ausgestoßenen. Die Bezieher regulärer Arbeitslosenunterstützung hatten – so wenig sie bekamen – mehr als die zumeist jugendlichen Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung. Hinzu kamen die – bloß für die Statistik – "unsichtbaren" Arbeitslosen, die aus Scham über ihre Arbeitslosigkeit nicht zum Wohlfahrts- oder Fürsorgeamt gingen. Ende Februar 1933, also auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung, waren 7,8 Millionen Menschen ohne Arbeit. Winkler korrigiert die allgemein auf sechs Millionen bezifferte Gesamtzahl deutlich nach oben.

So akribisch er hier und besonders auch bei der Analyse des Arbeiterwählerverhaltens sein Zahlenwerk aufbereitet, er begnügt sich doch nicht mit der sachlich-nüchternen Seite des dramatischen Geschehens. Winkler schöpft immer wieder aus dem reichen Fundus von Reden und Reportagen, Briefen und Biographien, Tagebüchern und Tageszeitungen. Das geht natürlich zu Lasten des Umfangs, kommt aber der erzählerischen Qualität seiner Geschichtsschreibung sehr zugute.

So zitiert er beispielsweise aus dem Bericht eines amerikanischen Journalisten, der im Winter 1931/32 im "roten" Berliner Wedding mit der Frau des Kommunisten Max gesprochen hatte. Wie sie es denn fertigbringe, sich, ihren Mann und ihre fünf Kinder von 15,85 Mark Arbeitslosenunterstützung in der Woche zu ernähren, wollte der wissen. "Bevor ich ans Essen denke, muß ich 85 Pfennig vorn wegnehmen, die Max in der Woche für Tabak kriegt", antwortete die Frau. "Für die Miete müssen wir 3 Mark wöchentlich zahlen; Gas 70 Pfennig; 50 Pfennig in der Woche Ratenzahlung ... und 30 Pfennig Handtuchmiete; 1 Mark 30 für Zeitungen und eine Mark Parteibeitrag. Das macht 6 Mark achtzig, übrig bleiben 8 Mark 20, und davon müssen sieben Menschen essen."

Kein Einzelfall. So oder noch schlechter ging es Millionen. Einer Erhebung des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands zufolge blieben nach Abzug der empfindlich hohen Miete damals "durchschnittlich 29 Pfennig täglich je Person zur Bestreitung des Lebensunterhaltes". Von einer mehr oder weniger "verschleierten Hungersnot" war die Rede. Das soziale Elend schlug sich vor allem in den Polizeiberichten nieder. Die Kriminalität nahm drastisch zu. Und in der internationalen Statistik der Selbsttötungen nahm Deutschland einen traurigen Spitzenplatz ein.

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Die Arbeitslosigkeit bedrohte alle abhängig Beschäftigten, aber das Risiko war doch ungleich verteilt. Die Arbeiter waren stärker betroffen als die Angestellten, Männer mehr als Frauen, die Beschäftigten in Industrie und Handwerk mehr als die im agrarischen und Dienstleistungsbereich. Je elementarer der Bedarf, für den/die Angehörigen eines Berufes arbeiteten, desto geringer (war) ihre Arbeitslosenquote – und umgekehrt."

Das konnte – je länger es dauerte – nicht folgenlos bleiben. Über den Gegensatz von Besitz und Nichtbesitz an Produktionsmitteln hatte sich die bürgerliche Klassengesellschaft formiert. Am Gegensatz von "Arbeitsbesitzern" und Arbeitslosen, ja am Gegensatz der Lebensverhältnisse überhaupt, brach nun die proletarische Klassensolidarität mehr und mehr auseinander, die bereits in den Weltkriegs- und Revolutionsjahren ideologisch schwer erschüttert worden war, was zur politischen Spaltung der Arbeiterbewegung geführt hatte. Von daher war es kein Wunder, wie der Austromarxist Max Adler schrieb, daß "in Deutschland die Arbeitslosen fast parteimäßig den Kommunisten zugetrieben wurden" und sich so der politische Konflikt zwischen SPD und KPD durch die ökonomische Spaltung noch verschärfte.

Der beginnenden "sozialen Verbürgerlichung" sozialdemokratischer Arbeiter stand aber nicht nur die Verelendung breiter proletarischer Schichten gegenüber, sondern auch die zunehmende Existenzangst des alten, selbständigen Mittelstands und der neumittelständischen Schichten, der Angestellten und Beamten. Nutznießer der Verschärfung dieser Klassengegensätze war vor allem die NSDAP. Anders als nicht wenige marxistische Theoretiker ursprünglich erwartet hatten, gingen die materiell bedrohten und orientierungslos gewordenen Mittelschichten nicht zu den "linken" Parteien, sondern strömten ins "rechte" Lager.

Erst frisch proletarisiert

Schon damals kamen sozialdemokratische Intellektuelle, voran Carlo Mierendorff, einer der "jungen Rechten" in der SPD, und der Soziologe Theodor Geiger, zu bemerkenswert scharfsinnigen Einsichten in die Sozialstruktur der NSDAP-Wählerschaft und in die Mentalität des bürgerlichen Mittelstandes. Einsichten, die von der modernen Wahlforschung vielfältig bestätigt und weiter differenziert worden sind. Gleichwohl wird die NSDAP auch weiterhin zur Partei der Arbeitslosen stilisiert, die sie nicht war. Ebensowenig war sie eine reine mittelständische Protestbewegung. Sie hat darüber hinaus gerade auch solche Arbeiter und Handwerker mobilisieren können, "die erst frisch proletarisiert waren und noch ganz bürgerlich dachten". Arbeiter, die in dörflich-kleinstädtischer Umwelt lebten, kirchlich orientiert waren, "national" dachten oder lange unpolitisch blieben.

So komplex also die gesellschaftlichen Bedingungen waren, denen die NSDAP ihren Aufstieg verdankt, die Erfahrung von Massenarbeitslosigkeit und Menschenelend war – so Winkler zu Recht – eine "Bedingung der Möglichkeit ihres Erfolges", zumal sie zur Verschärfung der Spaltung und damit zur Schwächung der Arbeiterbewegung beitrug. Eine weitere Bedingung war die letztlich gescheiterte Tolerierungspolitik der Sozialdemokraten.

Das Ende der Weimarer Republik begann spätestens am 14. 9. 1930, als es zu einem politischen Erdrutsch kam, der sich allerdings lange vorher angekündigt hatte. Bei deutlich gestiegener Wahlbeteiligung waren die Nazis die eindeutigen Gewinner. Die bürgerlichen Mitte-Rechts-Parteien hatten ebenso klar verloren, mit Ausnahme der Katholiken. Verluste mußte auch die SPD hinnehmen, während die KPD entsprechend zulegte.

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Dieser Wahlausgang ließ nur zwei parlamentarische Mehrheiten zu. Entweder kam es zu einer Verständigung zwischen der SPD und den Parteien, die "hinter" der Regierung Brüning standen, oder die NDSAP mußte an der Macht beteiligt werden, was die Sozialdemokraten unbedingt verhindern wollten. Unbedingt? Um jeden Preis?

Sie entschieden sich jedenfalls für die Tolerierung Brünings, eine Politik, die – so Winkler – der SPD "ein Maß an Selbstverleugnung" abverlangte, das "in der Geschichte ohne Beispiel war". Eine bis heute heftig umstrittene Entscheidung, denn sie hat – wie ihre Kritiker meinen – die Destabilisierung und Entparlamentarisierung der Weimarer Republik nur beschleunigt. Auch Winkler sieht dieses Dilemma: "Wer vom parlamentarischen System retten wollte, was noch zu retten war, konnte das ab Herbst 1930 nur noch durch eine weitgehende Ausschaltung eines Parlaments tun, in dem die Anhänger der parlamentarischen Demokratie in der Minderheit waren." Das erscheint politisch ebenso widersinnig wie ausweglos, Gleichwohl ist Winklers Urteil eindeutig, ohne Einschränkung und Kritik: Für die SPD habe es seit Herbst 1930 zur Tolerierungspolitik keine realistische Alternative gegeben, um so weniger, wenn sie ihre letzte Machtposition, Preußen, nicht verlieren wollte, und damit ihre Kontrolle über die preußische Polizei, ein zuverlässiges Instrument im Kampf gegen die NSDAP.

Aber die SPD tolerierte Brüning nicht nur als "kleineres Übel" und aus Angst vor dem Verlust der Regierungsmacht in Preußen. Winkler weist nachdrücklich darauf hin, daß es vor allem in der Wirtschaftspolitik einen breiten Konsens gab. Brüning, SPD und Gewerkschaften setzten auf sparsame Haushaltspolitik. Scharf kritisiert er den "Fatalismus" der SPD, die der zunehmenden Arbeitslosigkeit tatenlos zusah. Der größte Fehler ihrer Tolerierungspolitik sei gewesen, daß sie "jedwede Krediterweiterung in den Geruch der Inflation" und ein Arbeitsbeschaffungsprogramm praktisch zu Fall gebracht habe. Resigniert resümiert er: "Als Kraft, die einen Ausweg aus der Krise zu weisen vermochte, hatten sich die Sozialdemokraten selbst ausgeschaltet."

Dabei bestand um die Jahreswende 1931/32 für Brüning und die deutsche Politik durchaus ein nicht unerheblicher Handlungsspielraum. Die Alternative hieß: Aufgabe der unflexiblen, auf sofortiger Streichung aller Reparationen bestehender Politik gegenüber den Westmächten, mit der Aussicht auf ein mehrjähriges Moratorium und einer wahrscheinlich sehr viel erträglicheren Reparationsregelung, oder Fortsetzung eines harten Kurses nach außen und jener rigiden Deflationspolitik im Innern, die zunehmende Verelendung und politische Radikalisierung bedeutete.

Winkler erkennt hinter Brünings starrer Haltung einen "ausgeprägten neurotischen Grundzug". Der katholische Kanzler habe darunter gelitten, in den Augen vieler Protestanten und eben auch des Reichspräsidenten, als "Deutscher zweiter Klasse" zu gelten. Er wollte das Gegenteil beweisen, Deutschland wieder zur Großmacht machen, was dem ehemaligen Frontoffizier nur durch heroische Opferbereitschaft und Disziplin aller Deutschen und eine unnachgiebige Außenpolitik möglich schien. Sie sollte die Zahlung der Reparationen einstellen und eine Revision des Versailler "Diktat"-Vertrages durchsetzen. Deutschland war von der Schuld am Weltkrieg freizusprechen. So empfanden die meisten seiner Landsleute, also auch viele Sozialdemokraten. Sie konnten und wollten jedenfalls nicht zurückstehen. Auch in ihren Reihen wirkte wohl nach, daß sie Jahrzehnte als "vaterlandslose Gesellen" diffamiert worden waren.

Die Tolerierungspolitik blieb letztlich so erfolglos wie ihre Logik von Anfang an widersinnig war. Je länger die SPD an ihr festhielt, desto offensichtlicher wurde ihr Scheitern. Wollte sie verhindern, daß Hitler im Frühjahr 1932 Reichspräsident wurde (immerhin wählten ihn im zweiten Wahlgang mehr als 13 Millionen – ein Drittel aller abgegebenen Stimmen), mußten sie die Kandidatur des greisen Monarchisten und Republikgegners v. Hindenburg unterstützen. Mehr noch, sie mußten ihn, den sie 1925 zu Recht bekämpft hatten, nun zum Rückgrat der Republik stilisieren, das er nicht war und nicht mehr werden konnte. Denn hinter seinem Rücken hatten sich längst jene alten, "ostelbischen" Eliten formiert, die die ebenso "chaotische" wie "schwächliche Systemzeit" beenden und – unter Einbeziehung der NSDAP – einen "autoritären Staat" errichten wollten. Die Gegenrevolution des protestantischen Preußen-Deutschlands holte zu ihrem letzten Schlag aus. Es galt den alten "Reichsfeinden" Bismarcks: den Katholiken, den Demokraten und den Sozialisten.

SPD ohne Widerstand

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Der Sturz Brünings machte das Scheitern sozialdemokratischer Tolerierungspolitik offenbar. Der Staatsstreich, mit dem sein Nachfolger v. Papen die gewählte preußische Regierung Braun-Severing absetzte, ließ den Abgang der SPD von der politischen Bühne mehr zu einer Farce als zu einer Tragödie werden, wie Winkler schreibt. Denn Widerstand leistete sie nicht, sieht man einmal von ihrer Verfassungsklage ab, ein ebenso kläglicher wie vor dem Hintergrund ihres legalistischen Denkens konsequenter Schritt. Und Widerstand leistete sie schließlich auch nicht, als das eintrat, was sie doch unbedingt verhindern wollte: die Übertragung der Macht auf Hitler.

War Widerstand denn möglich? Winklers Antwort ist auch hier ein eindeutiges Nein. Er gerät damit nun aber in Widerspruch zu seiner eigenen Interpretation sozialdemokratischer Tolerierungspolitik, deren eigentlicher Sinn es doch war, die Faschisten von der Macht fernzuhalten. Auch wenn er Fehldeutungen und -entscheidungen der SPD benennt und ihr Versäumnis kritisiert, die Republik in den Revolutionsjahren nicht ausreichend gegen ihre Feinde gesichert zu haben, seine Darstellung ist doch nicht frei von apologetischen Zügen. Am Ende gerät ihm die SPD mehr und mehr zum Opfer der Verhältnisse. Diese verständnisvolle Sicht bewahrt sie vor allzu scharfer und schonungsloser Kritik. Um so härter attackiert Winkler die Gewerkschaften und die Kommunisten.

Es ist aufregend und ernüchternd zugleich, wenn man erfährt, daß und wie die Freien Gewerkschaften Schritt für Schritt die Anpassung an die "Rechte" vollzogen, einzig bestrebt, ihre Organisation zu retten. Was im Herbst 1930 mit einer betont nationalistischen Erklärung zur Frage der Reparationen begann, fand seinen Höhepunkt in einem öffentlichen Unterwerfungsakt, dem vom Bundesvorstand des ADGB beschlossenen Aufruf zum 1. Mai 1933: "Wir begrüßen es, daß die Reichsregierung diesen unseren Tag... zum deutschen Volksfeiertag erklärt hat... Der deutsche Arbeiter soll am 1. Mai standesbewußt demonstrieren ... Das deutsche Volk soll an diesem Tage seine unbedingte Solidarität mit der Arbeiterschaft bekunden ..." Einen Tag später besetzten SA und SS in ganz Deutschland die Gewerkschaftshäuser.

Auch mit den Kommunisten geht Winkler hart ins Gericht. In ihren Reihen waren früh scharfsinnige Analysen der faschistischen Bewegungen entstanden (erinnert sei nur an Clara Zetkin und an August Thalheimer, der für seine bonapartismustheoretischen Arbeiten aus der Partei ausgeschlossen wurde). Aber das hinderte sie natürlich überhaupt nicht daran, in Verfolgung ihrer von Moskau vorgegebenen Generallinie den Hauptkampf gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung als den "Sozialfaschismus" zu führen. Dies schloß sogar die begrenzte Zusammenarbeit mit den Nazis ein, etwa beim Berliner Verkehrsarbeiter-Streik im November 1932 oder beim Volksentscheid für die vorzeitige Auflösung des preußischen Landtages im August 1931. Dennoch darf nicht übersehen werden, daß es von Anfang an auch in der SPD entschiedenen Widerstand gegen gemeinsame Aktionen mit der KPD gab. Haß und Mißtrauen waren gegenseitig und hatten ihre tiefen Wurzeln in den blutigen Kriegs- und Revolutionsjahren.

Der Aufruf der KPD vom 30. Januar an alle anderen Arbeiterorganisationen zum Generalstreik kam zu spät. Zwar hatte Rudolf Breitscheid im April 1930 erklärt, die Arbeiterschaft werde sich bei einem Verfassungsbruch zur Wehr setzen. Aber den drohenden Untergang vor Augen, war sie wie gelähmt. "Man muß den Roten nur die Zähne zeigen, dann kuschen sie", notierte Goebbels am 20. Juli 1932 in sein Tagebuch. Wie groß die Bereitschaft zum Losschlagen auch immer gewesen sein mag, die organisierten Arbeitermassen warteten auf ein Zeichen aus Berlin. Und die meisten Führer der Sozialdemokraten warteten auf ein Signal der Arbeiter. "Revolutionen werden nicht gemacht, sie kommen", paraphrasierte der SPD-Vorsitzende Otto Wels jenes treffend-widersprüchliche Diktum Karl Kautskys, wonach die SPD eine revolutionäre, aber eben keine Revolution machende Partei sei.

Ihre Stunde verpaßt

In der Agonie der Weimarer Republik wiederholte sich 1918 nicht. Nachholen ließ sich das Versäumte nun nicht mehr, wenngleich ihre Gegner im Sommer 1932 befürchtet hatten, daß die Sozialdemokraten eben dies versuchen würden. Goebbels’ Tagebucheintrag dazu war ebenso erleichtert wie triumphierend: "Die Roten haben ihre große Stunde verpaßt. Die kommt nie wieder!" Und er behielt recht.

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Gespalten in zwei vor allem mit sich selbst beschäftigte und sich gegenseitig bekämpfende Organisationen, auseinanderdividiert in Beschäftigte und Arbeitslose, hin- und hergerissen zwischen Legalismus, Opportunismus und Radikalismus, war die Arbeiterschaft zu einer spontanen und solidarischen Aktion antifaschistischen Widerstands nicht fähig. Der Komintern ausgeliefert, schlug die KPD auf den falschen Gegner ein. Ihrer Tradition verhaftet, wurde die SPD Opfer ihrer Tolerierungspolitik, dazu verurteilt, ihrem und dem Untergang der Republik nahezu tatenlos zuzusehen.

"Unsere Politik war seit 1923 sicher im ganzen und großen durch die Situation erzwungen", meinte der führende Theoretiker der Weimarer SPD, Rudolf Hilferding, Ende 1933. Er fügte jedoch sogleich hinzu, daß nach 1914 und nach 1918 "die schlimmsten Fehler gemacht" worden seien. Damals habe es noch Handlungsmöglichkeiten gegeben, sei "Politik plastisch" gewesen. Im berühmten "Prager Manifest" der Exil-SPD schrieb er wenig später: "Daß sie den alten Staatsapparat fast unverändert übernahm, war der schwere historische Fehler, den die während des Krieges desorientierte deutsche Arbeiterbewegung beging." Dieser Fehler rächte sich nun. Er rächte sich bitter und auf verheerende Weise.

Ein eindrucksvolles Werk

So inflationär der Gebrauch von Superlativen in der heutigen Literatur- und Buchkritik auch ist, hier sind sie nicht nur erlaubt, sondern geradezu unvermeidlich. Schon der Umfang ist ja ein einziger Superlativ: Drei Bände mit zusammen zweitausendsiebenhundert Seiten für jene bewegten fünfzehn Jahre deutscher Arbeiterbewegung zwischen 1918 und 1933, die mit der "halben" Revolution von 1918/20 und der Beteiligung der SPD an der Staatsmacht vielleicht ihren Höhepunkt erlebte, mit der Zerschlagung ihrer Organisationen durch den Faschismus aber zweifellos auch den bis dahin tiefsten Punkt ihrer Geschichte.

Nicht weniger eindrucksvoll und bewundernswert ist die souverän verarbeitete Materialfülle, ist aber auch Winklers sprachliche und konzeptionelle Gestaltungskraft. Trotz oder wegen seines intensiv genutzten Zettelkastens und der Vielzahl von Zitaten: ein erfreulich lesbares Buch. Zudem eine überaus anregende Lektüre.

Gerade aber wegen seiner herausragenden Qualität und der hohen Maßstäbe, die es setzt, befördert dieses Werk nicht nur die kritische Diskussion, es fordert sie auch heraus. So kann man fragen, ob es nicht ergiebiger gewesen wäre, die systematischen Teile gegenüber den großen ereignisgeschichtlichen Kapiteln aufzuwerten und zu erweitern, beispielsweise um Abschnitte, die sich noch eingehender mit der Arbeiterschaft als Kulturbewegung beschäftigen, aber auch mit dem Verhältnis von Arbeiterbewegung und Weimarer Kultur und Kunstszene überhaupt. Zu fragen wäre auch, warum Winkler seine umfangreiche Geschichte nicht in den Rahmen einer theoretischübergreifenden Deutung stellt. Sein unverhältnismäßig knappes Nachwort möchte Weimar in eine solche Perspektive rücken. So umsichtig Winklers Darstellung, so differenziert seine Argumentation und Urteilsbildung, der hier noch einmal herausgestellte Tenor seines Buches, daß es vor allem die anderen waren, die Weimar zu Fall brachten, die Aristokraten und die bürgerlichen Kräfte, die Kommunisten und die Nazis sowieso, bleibt diskussionsbedürftig, gerade bei aller Sympathie für die SPD. Weimar war zuerst und zu Recht "ihr Staat". Sie wird sich daher der Frage nie entziehen dürfen, was sie getan beziehungsweise unterlassen hat, die Republik vor ihren unzuverlässigen Freunden zu schützen und gegen ihre erklärten Widersacher zu behaupten.