Von Klaus Pokatzky

L azarus moderte schon vier Tage im Grabe. Daß ihr Bruder stinke, sagte selbst Martha, als Jesus endlich nach Bethanien gekommen war. Doch der blieb frohen Mutes und hieß die Trauergäste den Stein, der vor der Höhlengruft lag, hinwegzuheben. Als das geschehen war, rief Jesus in die Gruft hinein: „Lazarus, komm heraus!“ Und Lazarus kam aus seiner Höhle, Hände und Füße verbunden, das Angesicht mit einem Schweißtuch umwickelt.

1947 Jahre später, 2600 Kilometer nordwestlich von Bethanien, kommt es zu einer neuen Operation Lazarus. Dichtgedrängt und in gespannter Erwartung stehen an die 200 Menschen im Halbkreis vor einer Pforte, die direkt in den Sonnenberg führt, eine Anhöhe in Luzern, hoch über dem Vierwaldstätter See. Alle paar Minuten keuchen zwei Männer in blauen Uniformen den Gehweg zum Höhleneingang hinauf. Sie schleppen auf Bahren Menschen, die schrecklich anzusehen sind, Menschen mit blutenden Beinen und aufgeschlitzten Bäuchen.

Wenn die blauen Männer an der Pforte angekommen sind, klopfen sie energisch; dann wird ihnen auf getan, und sie. verschwinden im Berg. Krachend fällt die Tür hinter ihnen zu. Jedesmal haben sie Probleme mit einer Schwelle. „Ah“ und „oh“ stöhnen dann die Unglücklichen auf den Bahren, halten sich Beine und Bäuche. Unter den Zuschauern gibt es Gelächter.

Die „Übung Lazarus“ ist kein antireligiöses Happening, sondern eine Übung des schweizerischen Zivilschutzes. Auf den Tragen liegen keine richtigen Schwerverletzten, sondern Figuranten, die kurz zuvor in den Kantonsspitälern moulagiert, also für ihre Rolle mit Wachsmodellen von menschlichen Organen, mit Knochen und Fleischstücken vom Schlachthof präpariert wurden.

So sind die 200 Menschen vor dem Tor zum Berg auch keine sadistischen Schaulustigen. Sie sind Bürger, die, wie die orangefarbenen Ausweise an ihren Jacken und Mänteln zeigen, offiziell eingeladen wurden, mit eigenen Augen zu sehen, was man mit ihren Steuergroschen im Ernstfälle aus dem Sonnenberg alles machen kann.

Durch den Berg führt die Nationalstraße 2. Sie ist – in Friedenszeiten – ein Teilstück der Autobahn von Basel nach Mailand. Im Falle atomarer, biologischer oder chemischer Katastrophen aber, so hat man sich das beim Bau (von 1970 bis 1976) gedacht, kommt ihr eine ganz andere segensreiche Funktion zu: Der Berg beherbergt in einer siebenstöckigen Kaverne, die in den Fels gesprengt wurde, ein Notspital für die Menschen der Umgebung, und in den beiden Straßenröhren sollen im Katastrophenfall über 20 000 Leute in Massenunterkünften Schutz und Geborgenheit finden.