„Arche-Literatur-Kalender 1988“

Katherine Anne Porter suchte die Ruhe in einem Landgasthaus in Pennsylvania, Simone de Beauvoir dagegen die Geräusche im Café, um zu schreiben. Thomas Mann berichtet Hermann Hesse in einem Brief von seiner Freude über das schönste Arbeitszimmer seines Lebens und „dem alles verschönernden Licht“ in Kalifornien. Franz Kafka sehnt sich dagegen (in einem Brief an Feiice) nach einem dunklen Kellerraum als Arbeitsstätte. Und Agatha Christie enttäuschte stets den Wunsch der Reporter, sie an ihrem Arbeitsplatz zu photographieren; „... damit konnte ich nicht dienen. Ich brauchte nichts weiter als einen festen Tisch und eine Schreibmaschine. Ein Schlafzimmerwaschtisch mit Marmorplatte gab einen vorzüglichen Arbeitsplatz ab, aber zwischen den Mahlzeiten leistete mir auch der Eßzimmertisch gute Dienste.“ Der Arbeitsplatz des Dichters, der Schriftstellerin: Ihm ist der Arche-Literatur-Kalender 1988 gewidmet. Da sieht man sie an ihrem Schreibtisch sitzen: Franz Fühmann etwa am billigen Klapptisch in chaotischem Raum, Colette am Bett-Tisch, gestützt von weichen Kissen, Gertrude Stein am schönen Sekretär. Und dazu liest man von Raum- und Haussuche, Arbeitszimmerregeln (bei Brecht) und Klagen über die Enge (von Rahel Varnhagen). Jede Woche gibt es ein Photo, eine Zeitung, Illustration, „dazu ein Zitat aus einem Brief, Tagebuch oder Gedicht“. Hängen kann man diesen schönen Kalender (Arche Verlag, Zürich 1987; 28,– DM) natürlich nicht nur neben den Schreibtisch; Küchen-, Eß- oder Schlafzimmertische tun es auch. Manuela Reichart

Gisela Zoch-Westphal: „Aus den sechs Leben der Mascha Kaleko“

Mascha Kaleko war im Berlin der dreißiger Jahre ein Star. Mit Berliner Witz und Charme schrieb die junge, schöne Lyrikerin Gedichte für die legendäre Vossische Zeitung – Gedichte über das Großstadtleben, den Büroalltag, die Abende im „Möblierten“, das Leben am Rande der Hinterhöfe. Ihr Stammcafé war das Romanische Café, in dem die literarische Avantgarde von Tucholsky bis Ringelnatz verkehrte, und zu ihren Bewunderern gehörte Hermann Hesse ebenso wie Thomas Mann. Eigentlich müßte das Leben dieser Dichterin, die 1939 in die Vereinigten Staaten emigrierte und 1975 in Zürich starb, einen idealen Stoff für eine Biographie bilden. Doch das Buch, das jetzt die Nachlaßverwalterin Gisela Zoch-Westphal geschrieben hat (arani-Verlag, Berlin 1987; 227 S., Abb., 29,80 DM), ist ziemlich langweilig: eine Sammlung von Dokumenten und Photographien, eine karg ausgeschmückte Aufzählung von Lebensdaten und Lebensereignissen und schließlich ein paar nichtssagende Briefe und Tagebuchauszüge. Schade für den Leser: Weder das Berlin der dreißiger Jahre entsteht vor seinen Augen, noch ein Porträt der Dichterin, über die doch mancher gerne mehr erfahren hätte.

Irene Mayer-List

Antonio Fian/Nikolaus Korab: „Schreibtische österreichischer Autoren“

Einen ungewöhnlich lakonischen Titel hat dieser schmale Band mit fünf Erzählungen des Kärntners Antonio Fian bekommen. Fian, der im Frühjahr mit reizvollen Kalendergeschichten debütiert hat, bringt einen neuen Ton in die österreichische Gegenwartsliteratur, die er zugleich mit schwarzem Humor persifliert: von einer steirischen Autorin ist da die Rede, deren geniale Schnitzkunst unbeachtet bleibt, oder von einem Romancier aus dem Innenviertel, der in seiner Hütte die Natur in Form von Phototapete, Badewannentümpel und ausgestopften Gemsen erst unbeholfen nachbildet und diese Nachbildung dann abschreibt. Eigentliches Thema aller Texte ist der Realitätsverlust, der sich auf den „Schreibtischen österreichischer Autoren“ (Verlag Droschl, Graz 1987; 100 S., 22,–DM) breitmacht. Die Photos von Nikolaus Korab lassen dies freilich nicht unbedingt vermuten. Fians Hintersinn wird auf ihnen durch die Poesie schöpferischer Unordnung ergänzt. Wer nichts von ihnen gelesen hat, könnte beim Durchblättern dieses Buches meinen, sie schrieben alle gleich, die Mayröcker und Kofler, Fian und Muster, Artmann und Waterhouse – weil sie an ganz ähnlichen Tischen sitzen. Aufgeräumt ist nur der von Peter Handke. Erich Hackl