Von Gerhard Spörl

Hannover, im Dezember

Die heimische Bergmannskapelle spielte ein altes Bergmannslied, und die dreihundert Gäste ließen sich noch einmal die Feinheiten des kleinen Wunderwerkes aufzählen, das die Techniker nach Buschhaus gezaubert hatten. Der Aufsichtsratsvorsitzende erinnerte genüßlich an die turbulente Geschichte des Kohlekraftwerkes. Man hatte das Projekt ja wirklich über die Jahre gegen manchen Widerstand durchgeboxt, vielen grünen Unkenrufen zum Trotz – eine Pionierleistung in Sachen Umweltschutz, obendrein ein Beispiel für die vermeintlich geglückte Synthese von Ökologie und Ökonomie.

Auch Ernst Albrecht, rechtzeitig im Hubschrauber eingeschwebt, geriet in Bekennerlaune. Wenige Auseinandersetzungen hätten ihn so viel Kraft gekostet wie Buschhaus. "Unsägliche Freude" überkomme ihn, da die Leute in dieser Region dank des Kraftwerks nun Arbeit fanden. Und dann fiel jener Satz, der sich im nachhinein wie unfreiwillige Selbstverspottung anhört: Zum "Wallfahrtsort" tauge Buschhaus nunmehr, "zu dem die Menschen von weither kommen werden". Sprach’s und drückte strahlend einen Knopf, der das Kraftwerk samt seiner Rauchgasentschwefelungsanlage symbolisch in Gang setzte.

Es war der 25. Juni 1987, genau 12.16 Uhr, so hält es das Mitteilungsblatt des Kraftwerkbetreibers "Braunschweigische Kohlen-Bergwerke" (BKB) fest. Buschhaus begann wie gewünscht und wie geplant zu arbeiten. Oder doch nicht? Mittlerweile muß sich Ernst Albrecht fragen, welcher Veranstaltung er dort im Festzelt auf dem Parkplatz vor dem Kraftwerk eigentlich beigewohnt hat. Der Betriebsleiter jedenfalls machte vor wenigen Tagen eine feinsinnige Einschränkung: "Wir haben gar nicht die Inbetriebnahme der Rauchgasentschwefelungsanlage gefeiert, sondern nur deren Errichtung."

Davon ahnten im Juni der Ministerpräsident und seine Minister angeblich nichts; Werner Remmers zum Beispiel, im Kabinett verantwortlich für Umwelt, sagt heute mit erboster Ironie, ihm sei damals der Eindruck vermittelt worden, Buschhaus gehe mit allem Drum und Dran in Betrieb. Dazu gehört unbedingt die Rauchgasentschwefelungsanlage. Sie muß verhindern, daß allzuviel Schwefeldioxid aus dem 307 Meter hohen Kamin weit übers Land treibt, mit den bekannten Folgen: Waldsterben, Pseudokrupp.

Man muß sich das vorstellen: Ein halbes Jahr nach dem feierlichen Akt weiß der Umweltminister nicht, ob das anderthalb Milliarden Mark teure Symbol- und Prestigeobjekt überhaupt wie vertraglich vereinbart läuft. Inzwischen ist man eifrig dabei, den Fall zu rekonstruieren. Das dürfte nicht schwerfallen. Im Kamin des Kraftwerks ist eine Meßstation installiert, ein verplombter elektronischer Rechner; er zeichnet getreulich auf, was durch den Schlot zieht. Zahlen kursieren denn auch schon: Neunmal überbot das Kohlekraftwerk den Tageswert von 400 Milligramm pro Kubikmeter; an 76 Tagen fiel die Rauchgas-Entschwefelungsanlage völlig aus; von 2274 Betriebsstunden ist sie präzise 550 Stunden gelaufen. Konsequenz: Im Juni durften die Herren Minister sehr wohl die Gesamteinweihung des Kraftwerks miterleben. Nur hat die Anlage leider nie richtig funktioniert.