Dies hat die Arbeiter im vergangenen Sommer freilich nicht daran gehindert, massenhaft die Arbeit niederzulegen, Fabriken zu besetzen und sich mit der Polizei anzulegen. In Ulsan, der im Süden der koreanischen Halbinsel gelegenen Industriestadt, die von neun großen Unternehmen des Konglomerats Hyundai beherrscht wird, verweigerten fast 70 000 Beschäftigte die Arbeit. 2000 Arbeiter der Daewoo-Werft legten am 19. August die Arbeit nieder und zogen mit Gabelstaplern und Lastwagen durch die Straßen. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurde ein Arbeiter getötet. In der Hauptstadt Seoul rührten Angestellte internationaler Luxushotels keine Hand mehr, Verkäuferinnen in Kaufhäusern blieben ihren Jobs fern, und die Busfahrer holten nach massiven Streikdrohungen elf Prozent höhere Gehälter heraus.

Im ganzen Jahr 1986 hatte es nur 267 Arbeitskämpfe gegeben, hingegen vom 1. Juli 1987 bis Ende September kam es zu 3200 Streiks und Fabrikbesetzungen. „Die Arbeiter hatten keine politischen Ziele. Mit dem Juni-Revolutiönchen hatten sie nichts zu tun. Ihnen ging es nur um wirtschaftliche Verbesserungen“, urteilt der deutsche Botschafter Jürgen Kleiner.

Trotzdem: Die Arbeiter waren durch die nach wochenlangen Straßenschlachten und Demonstrationen am 29. Juni versprochenen größeren politischen Freiheiten zu eigenen Aktionen ermutigt worden. Ihnen war nicht entgangen, daß sie trotz Lohnerhöhungen von 7,5 Prozent im April schlechter abgeschnitten hatten als ihre Bosse. 1986 waren die Gewinne in der Industrie durchschnittlich um 32,8 Prozent gestiegen, in der Stahlindustrie hatten sie sich sogar verdreifacht. Und im ersten Halbjahr 1987 hatten die 250 börsennotierten Unternehmen 69 Prozent mehr verdient als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres.

Mit diesen Zahlen im Gedächtnis, forderten die Arbeiter zum Teil astronomische Lohnerhöhungen um dreißig Prozent und mehr. Die offiziellen Gewerkschaftsvertreter spielten bei den Auseinandersetzungen keine Rolle, kein Arbeiter traute ihnen. Jetzt rächte es sich, daß es keine allseits akzeptierten Arbeitervertreter und keine praktikablen Spielregeln für Arbeitskämpfe gab.

„Niemand hat irgendwelche Erfahrung mit diesen Sachen und keiner traut dem anderen über den Weg“, klagt Park Young Ki. „Weitere Konflikte sind unausweichlich, weil es so viel Zeit kostet, alles zu ändern.“ Ein vom Volk in freien Wahlen gewählter Präsident und eine ebenso gewählte Regierung (im Februar soll die Parlamentswahl stattfinden) können die Forderungen der Arbeiter nicht länger mit Tränengas und Schlagstöcken beantworten.

Daß es zu weiteren Arbeitskämpfen kommen wird, ist schon deshalb gewiß, weil die Arbeitnehmer auf den Geschmack gekommen sind. Im Durchschnitt haben sie auf die Lohnrunde vom Frühjahr einen Nachschlag von dreizehn Prozent bekommen.

Zwar haben die Arbeitskosten nur einen Anteil von 8,5 Prozent an den gesamten Produktionskosten, wie eine Untersuchung von 1800 Großunternehmen ergab. Dennoch können weitere Lohnerhöhungen der Größenordnung dieses Jahres viele koreanische Unternehmen aus dem internationalen Wettbewerb werfen. Denn gerade für kleine Unternehmen mit weniger kapitalintensiver Fertigung sind die Lohnkosten entscheidend. „Ein Lohnanstieg von fünf bis zehn Prozent kann schon dafür sorgen, daß die koreanische Schuhindustrie ihre Exportmärkte verliert“, meint Florian Schuffner, Geschäftsführer der deutsch-koreanischen Handelskammer in Seoul. Und einige der Großunternehmen, wie die Werften von Hyundai und Daewoo, machen ohnehin Verluste, andere, wie die Elektronikindustrie, arbeiten mit ganz mageren Gewinnmargen.