Bin ich nun arbeitslos, oder bin ich es nicht?“ Karsten Koppe, Chef des Arbeitsamtes Frankfurt, antwortete mit einem Achselzucken. „Ich weiß es nicht. Ihr Fall ist in meinen Vorschriften nicht vorgesehen.“

Der Fall hieß Reiner Burger, damals 32 Jahre alt, dynamisch, karrierebewußt, seit zwei Wochen ohne Job und schwer vermittelbar. Am 6. April 1983 hatte ihm der Bundesvorstand der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) die fristlose Kündigung seines Arbeitsvertrages als Leiter des DAG-Bezirks Frankfurt ausgesprochen. Vier Tage später wählten die Delegierten den Gefeuerten auf dem DAG-Landesverbandstag in Fulda zum neuen Leiter des Landesverbandes Hessen. Burger durfte das Amt nie antreten. Der DAG-Bundesvorstand verweigert ihm bis heute den Anstellungsvertrag.

Burger hatte einen Fehler gemacht: Er war in Fulda ohne die Genehmigung des damaligen Bundesvorsitzenden Hermann Brandt gegen den seit neun Jahren glücklos amtierenden Landeschef Gerhard Vetter angetreten. Als sich abzeichnete, daß sich Burger von Drohungen nicht einschüchtern ließ, sondern seine Kandidatur aufrechterhielt, wurde er kaltgestellt. Unter den Folgen dieses Machtkampfes, der mit einer weitreichenden Betrugsaffäre verknüpft ist, leidet die DAG bis heute.

Dabei hatte es Brandt doch nur gut mit Burger gemeint. Schon bald sollte das Nachwuchstalent den DAG-Landesverband Rheinland-Pfalz / Saar übernehmen. Als dieser Plan 1982 in der DAG Hessen publik wurde, formierte sich Widerstand. „Unter den Kollegen fanden Gespräche statt, inwieweit man zusehen könne, daß ich den Landesverband verlasse, während im eigenen Land man mit dem Landesverbandsleiter seit langem unzufrieden sei“, notierte Burger.

Gerade erst hatten die Hauptamtlichen wieder erlebt, wie wichtig Vetter seine Aufgabe nimmt. Im Frankfurter DAG-Haus hatte er eine Pressekonferenz angesetzt. Thema: das Hessische Personalvertretungs-Gesetz. Doch als die Journalisten anrollten, fiel Vetter auf, daß er sich unpäßlich fühlte und lieber seine Ruhe haben wollte. „Sagen Sie denen, ich sei nach Hanau gefahren, um mich um die Opfer des Explosionsunglücks bei Heraeus zu kümmern“, wies er seinen Organisationsleiter Heinrich Erbel an. Dem blieb nichts anderes übrig, als seinen Chef zu bitten, wenigstens keinen Lärm in seinem Büro zu verursachen, denn die Wand sei nur dünn.

Burger wurde bedrängt, gegen Vetter anzutreten. Vetter zog die Konsequenz: Mit Schreiben vom 7. Juni 1982 tat er kund, er stehe für eine erneute Kandidatur neun Monate später in Fulda nicht zur Verfügung.

In Wirklichkeit hatte Vetter keineswegs die Waffen gestreckt. Es gelang ihm in monatelanger Arbeit, wenigstens drei Abteilungsleiter auf seine Seite zu ziehen. Diese verkündeten, sofern sich „bestimmte Dinge“ änderten, könne man durchaus mit Gerhard Vetter weiterarbeiten.

Burger wollte keinen Krach; am 29. Juli 1982 zog er seine Kandidatur zurück. Zwei Monate später erklärte Vetter, er habe seine Verzichtsentscheidung „unter falschen Voraussetzungen“ getroffen und stehe nun doch für eine weitere Amtszeit zur Verfügung.

Ein Stöhnen ging durch den Landesverband. Bei Reiner Burger klingelte das Telephon pausenlos: Um Gottes willen solle er den ungeliebten Patriarchen vom Chefsessel verdrängen. Ernst Neureuther, der ehrenamtliche Vorsitzende der DAG Hessen, forderte Burger auf, „im Interesse der Sache“ gegen Vetter anzutreten. Außerdem, so Neureuther, habe Vetter mittlerweile ein Kesseltreiben inszeniert gegen alle, die seinen Konkurrenten unterstützten. Am 21. Januar 1983 gab Reiner Burger seine erneute Kandidatur gegen Vetter bekannt.

– Wenige Tage später meldete sich ein Anrufer aus der Hamburger DAG-Zentrale: Der damalige Bundesjugendleiter Rudi Helfrich, heute Geschäftsführer der Bildungseinrichtungen auf Bundesebene, warnte Burger, der Vorstand koche etwas gegen ihn aus. DAG-Vorstandsmitglied Karl Kaula (Organisation, Finanzen, Verwaltung), ein enger Freund Vetters, habe intern die Losung ausgegeben: „Die Kandidatur von Burger werden wir zu verhindern wissen. Wir werden schon etwas finden.“

Helfrich schlußfolgerte: „Mach’ dich auf etwas gefaßt. Da braut sich was zusammen.“

Gerüchte über anonyme Briefe tauchten auf, in denen von finanziellen Manipulationen Burgers die Rede war. Im Februar 1983, wenige Wochen vor dem Wahlgang in Fulda, standen Revisoren in der Bockenheimer Landstraße auf der Matte und verlangten Einsicht in die Bücher des von Burger geleiteten Bezirks.

Die wochenlangen Prüfungen führten zunächst zu einem unerwarteten Ergebnis: Edgar Hammer, der Landesgeschäftsführer des gemeinnützigen DAG-Bildungswerkes, schloß einen Auflösungsvertrag zum 31. März 1983, um eine fristlose Kündigung zu vermeiden. Es hieß, er habe Gelder veruntreut.

Hauptziel blieb jedoch Burger. Anhand der Revisionsergebnisse hielt man ihm vor, von ihm geleitete Veranstaltungen der DAG unkorrekt abgerechnet zu haben. Belege seien verschwunden, und es bestehe der Verdacht, daß er 66 331,80 Mark unterschlagen habe. Burger entgegnete, Hammer müsse diese Belege haben, aber der habe sich auf die Malediven abgesetzt. Außerdem hätten die Revisoren Quittungen, die ihn entlasteten, beiseite geschafft.

Im entscheidenden Punkt, in der Kandidatur gegen Vetter, zeigte Burger keine Wirkung: Der 32jährige blieb bei seinem Plan, am 9. April gegen Vetter anzutreten. Daraufhin wurde Burger von seinem Amt als Bezirksleiter Frankfurt suspendiert; der Bundesvorstand erteilte ihm Hausverbot.

Der Betriebsrat der DAG verweigerte seine Zustimmung zu diesen Schritten gegen Burger. Einen Tag später, am 6. April 1983, kündigte die DAG das Arbeitsverhältnis mit Reiner Burger fristlos und erstattete gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt Anzeige wegen des Verdachts der Untreue. Kommentar von DAG-Chef Hermann Brandt: „Damit ist eine Kandidatur für den Kollegen Burger unmöglich gemacht.“

Das war ein Irrtum. Burger fuhr als Privatmann nach Fulda und nahm auf der Gästetribüne Platz. Den Vorabend hatte er damit verbracht, letzte Einflußversuche des Bundesvorsitzenden – „Wir werden schon eine Lösung finden, zum Beispiel können Sie Leiter der Berufsgruppe Raumfahrt werden“ – abzulehnen. Brandt ordnete an, daß die DAG Burgers Hotelkosten in Fulda übernimmt – vergebens.

Im Saal erlebte Brandt sein Waterloo. Ausgepfiffen zu werden war für ihn, der schon zu Lebzeiten „das Denkmal“ genannt wurde, eine

„Reiner Burger ist einer der fähigsten Funktionäre, die die DAG jemals hervorgebracht hat. Und trotzdem könnt ihr ihn heute nicht wählen!“ rief er in den Saal. Buhrufe antworteten ihm: „Fahr heim, Hermann!“

„Nur über meine Leiche wird Burger Landesverbandsleiter“, beschwor Brandt die Delegierten. Die gerieten endgültig aus dem Häuschen. Mehrheitlich beschlossen sie, Burger Rederecht zu gewähren. Der ging von der Gästetribüne ans Pult und zog zwei Original-Quittungsbelege über insgesamt 18 400 Mark aus der Tasche.

„Die wurden mir gestern per Hauspost anonym aus der Hamburger Zentrale zugeschickt. Anscheinend hat da jemand ein schlechtes Gewissen bekommen.“

Der Saal kochte. Einer rief „Burger!“, und Burger kandidierte. Von 78 Delegierten stimmten 43 für ihn, 29 votierten für den Amtsinhaber Gerhard Vetter, sechs enthielten sich der Stimme.

Reiner Burger, der fristlos gekündigte DAG-Bezirksleiter, war gewählt zum neuen Leiter des DAG-Landesverbandes Hessen.

Burger wurde gefeiert wie ein König. Die Delegierten spendeten dem jungen Mann mit dem Bart stehend Ovationen. Für sie verkörperte der gelernte Versicherungskaufmann die junge, die aktive, die bessere DAG; Burger war der Richtige, den verknöcherten Laden auf Vordermann zu bringen, das blasse Image des Angestellten-ADAC aufzupolieren, neue Mitglieder zu gewinnen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Paroli zu bieten, die Stagnation unter dem selbstherrlichen Vetter zu beenden.

Die junge DAG hatte sich gegen das Establishment durchgesetzt – dachte sie. Sie hatte die letzte Warnung von Hermann Brandt ignoriert. „Wenn Sie Burger wählen, ist das ein demonstrativer Akt. Aber er wird nicht einen Tag amtieren.“ In diesem Punkt sollte der Bundesvorsitzende recht behalten. Burger zu verhindern – das hatte er inzwischen zu seiner Sache, zur Chefsache erklärt. Es ist ihm gelungen.

Der Bundesvorstand verweigerte dem gewählten Landesverbandsleiter den Dienstvertrag. Statt dessen aktivierte die Zentrale den pensionierten Funktionär Heinz Knetter und schickte ihn als kommissarischen Landeschef an den Main. Vetter wurde Leiter der Revisionsabteilung in Hamburg.

Gegen diesen Schachzug war Burger machtlos. Nichtaushändigung eines Dienstvertrages – dagegen war vorerst nichts auszurichten. Als auch Burgers letzte Hoffnung, der aus ehrenamtlich tätigen Kollegen bestehende DAG-Gewerkschaftsrat, auf Vorstandskurs einschwenkte, blieb ihm nur der Rechtsweg. Burger ging zum Frankfurter Hausanwalt des DGB, Wolfgang Apitzsch. Beim Frankfurter Arbeitsgericht reichte er Klage ein – gegen die fristlose Kündigung, denn die Vorwürfe seien unbewiesen, und gegen die „Nichtbestellung zum Landesverbandsleiter durch die Gremien der DAG“.

In diesem Verfahren – es wurde bis zur Klärung der Vorwürfe ausgesetzt und ruht bis heute – wollte sich Burger unter anderem auf einen Brief von Klaus Grawunder stützen, den dieser als Landesjugendleiter Hessen am 17. März 1983 nach Hamburg an Bundesjugendleiter Rudi Helfrich geschickt hatte, zu einem Zeitpunkt also, als die Zeichen in der Bockenheimer Landstraße bereits auf Sturm standen.

Grawunder war verunsichert durch den plötzlichen Abgang des Kollegen Hammer vom Bildungswerk der DAG und sah die Zeit gekommen – auszupacken. „Da ich nicht die Absicht habe, mir gegebenenfalls in meinem Bereich ungerechtfertigte Vorwürfe machen zu lassen, sehe ich mich veranlaßt, Dich auf folgende Situation in der Landesverbandsleitung beziehungsweise der Landesjugendleitung hinzuweisen“, las Helfrich.

Seit 1979 habe die DAG Hessen Zuschüsse in Höhe von achtzig Prozent vom Staat für Schreibkräfte der Jugendbildungsreferenten kassiert, die gar nicht existierten. Statt dessen seien die Namen von Sekretärinnen aus den Abteilungen öffentlicher Dienst und Organisation eingesetzt worden. „Antrag und Abrechnung wurden durch den Landesverbandsleiter, den Kollegen Vetter, veranlaßt und von diesem unterschrieben“, berichtete Grawunder an die Zentrale.

Des weiteren seien aus Mitteln der Landesjugend „nicht unerhebliche Anschaffungen“ für die Landesverbandsleitung finanziert worden, allein für Literatur zum Beispiel sechstausend Mark in den Jahren 1979 bis 1982.

Schließlich habe Vetter seinen Landesjugendleiter genötigt, angebliche „Porto- und Telephonkosten“ aus dem Jugendtopf an die Landesverbandskasse abzuführen – 12 200 Mark 1980, 5138,40 Mark 1981. Vetter habe die Tatsache ausgenutzt, daß der Staat die Jugendarbeit der Gewerkschaften großzügig unterstützt, um dieses Geld in den normalen DAG-Bereich umzuleiten.

Was den Betrug mit den Personalkosten-Zuschüssen angeht, stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt in ihrer Anklageschrift vom 30. Juli 1986 gegen Reiner Burger fest: „Die Ermittlungen ergaben, daß diese Behauptung (Grawunders – d. Red.) objektiv den Tatsachen entspricht.“

Laut Burger bekommen bereits Neulinge in den ersten Monaten ihrer Ausbildung bei der DAG Hessen beigebracht, wie die Gewerkschaftskasse zu Lasten des Staates geschont werden kann.

Gerade Gerhard Vetter habe es als erste und wichtigste pädagogische Aufgabe angesehen, seine jungen Leute mit den günstigsten Abrechnungsmethoden gegenüber der öffentlichen Hand vertraut zu machen, schreibt Burger in einem Vermerk. Vorrangig sei dies dadurch geschehen, daß „DAG-Veranstaltungen jeglicher Art als Bildungsmaßnahmen deklariert wurden und damit öffentlich abrechnungsfähig waren“.

Dabei, so habe es Vetter dem Nachwuchs eingebleut, seien wichtige Regeln zu beachten. Nach dem Hessischen Erwachsenenbildungsgesetz gibt es nur Geld vom Staat, wenn die Veranstaltung mindestens sechzehn Teilnehmer zählt. Außerdem spielt das Thema eine Rolle, die Dauer der Veranstaltung und – im Jugendbereich – das Alter der Teilnehmer.

Der Landesverbandsleiter hatte es in der Hand, das Verfahren zu optimieren. Teilnehmernamen wurden erfunden, wenn eine Teilnehmerliste – etwa eines Seminars „Einführung in das Sozialrecht“ – statt der erforderlichen sechzehn nur elf Namen aufwies. Die ursprünglichen Teilnehmerlisten durften weder Datum noch Gegenstand der Tagung tragen. Allein so waren sie gegenüber den Behörden universell verwendungsfähig.

Sammelstelle der Listen war Edgar Hammers Bildungswerk. Dort wurden die Teilnehmerlisten zwischengelagert, bis Aufwandsrechnungen – Fahrtkosten, Hotel, Restaurant und so weiter – eingingen, die zwar aus ganz anderen Anlässen stammten (Feiern, nicht zuschußfähige Tagungen, Partys), sich aber mit den vorhandenen Listen zu zuschußfähigen Anträgen kombinieren ließen. Diese Anträge wurden dann beim hessischen Sozialministerium, beim Kultusministerium, beim Jugendamt der Stadt Frankfurt und in einigen Fällen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD eingereicht.

In der Bezirksleitersitzung vom 8. September 1982 wurde noch einmal ausdrücklich daran erinnert, alle Listen ausschließlich an Herrn Hammer zu schicken.

Manchmal gelang es der DAG Hessen jedoch auch, ein Nichts zu einem zuschußfähigen Ereignis auszubauen. „In einigen Fällen wurden Anwesenheitslisten durch Mitarbeiter der DAG... total gefälscht“, fand die Staatsanwaltschaft heraus. „So war es an der Tagesordnung, daß man Mitarbeiter der DAG in Hessen, die nie an einem Seminar teilgenommen hatten, um ihre Unterschrift auf der Anwesenheitsliste bat oder die Kaufhäuser in den Städten aufsuchte, um bei den gewerkschaftlich organisierten Angestellten Unterschriften auf den Anwesenheitslisten zu sammeln. So war man immer im Besitz einer Anzahl von Belegen, die man dann willkürlich irgendwelchen Veranstaltungen zuordnete, um entsprechend abrechnen zu können.“

Als Ergebnis faßte Staatsanwalt Konrad Eckhard zusammen, daß in Hessen „in keinem einzigen Bezirk der DAG korrekt abgerechnet wurde“. „Besonders auffällig“ findet Eckhard die „Selbstverständlichkeit, mit der die unkorrekten Abrechnungen vorgenommen und vorgelegt wurden“. „Fast alle“ DAG-Angehörigen hätten sich „unrechtlich“ verhalten. „Das macht doch jeder so“, sei eine gängige Erklärung bei den Vernehmungen gewesen.

Damit ist der Schuß von DAG-Chef Brandt auf Burger nicht nur nach vorn losgegangen. Als „einer der fähigsten Funktionäre, die die DAG je hervorgebracht hat“ (Brandt), beherrschte Burger die Melkmaschine für die Behörden am geschicktesten. Auf Burger entfallen die meisten Fälle von Täuschungen der staatlichen Stellen. Er räumt das auch ein: „Das ist doch ganz klar, weil mein Bezirk Frankfurt der größte und aktivste war mit allein 15 000 der insgesamt 40 000 DAG-Mitglieder in Hessen.“

Als sich allerdings abzeichnete, daß er als einziger strafrechtlich belangt werden sollte, während seine ehemaligen Vorgesetzten ungeschoren davonkommen sollten, ging Burger zum Gegenangriff über und berichtete den Behörden in wochenlangen Vernehmungen über Zustände und Zusammenhänge bei der DAG.

Als Konsequenz aus Burgers Aussagen ließ die Staatsanwaltschaft ihre ursprüngliche Anklage gegen Burger fallen und leitete unter dem Aktenzeichen 71 Js 1188/85 ein Ermittlungsverfahren gegen „Verantwortliche der DAG“ ein. Am 24. April 1985 wurden gleichzeitig sämtliche Bezirke der DAG Hessen mit Büroräumen in Frankfurt, Kassel, Darmstadt, Wiesbaden und Gießen auf richterliche Anordnung durchsucht.

Tags darauf fuhr Staatsanwalt Eckhard mit einem Beamten des Landeskriminalamtes nach Hamburg, um weiteres Material in der DAG-Zentrale am Karl-Muck-Platz sicherzustellen. Berge von Papier wanderten in die Archive der Behörden, Material, „das die Richtigkeit der Angaben des Burger bestätigte“ (Eckhard).

Im hessischen Landeskriminalamt, das die Federführung übernommen hatte, wurden mehrere hundert Fallakten gebildet. An Polizeistationen in ganz Hessen gingen Fragebögen. Damit ausgestattet, interviewten Polizeibeamte mehr als 2000 angebliche oder tatsächliche Teilnehmer an Seminaren der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, zum Teil telephonisch.

Keine große Hilfe war bei den Recherchen die Buchhaltung der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft. Sie befand sich, in einem „chaotischen Zustand“, monierte der Ankläger, „sämtliche Unterlagen, sofern sie überhaupt noch vorhanden sind, (mußten) erst in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen werden ... Abrechnungen, Quittungen und ähnliches (waren) zumindest zum damaligen Zeitpunkt bei der DAG offensichtlich unüblich“.

Bei den Behörden reifte dennoch alsbald die Erkenntnis, daß Burger die Wahrheit sagte, wenn er behauptete, bei seinen Betrügereien nicht anders gehandelt zu haben als alle anderen DAG-Funktionäre auch. „Genau wie Burger es ... vorträgt, haben die Verantwortlichen der DAG Manipulationen begangen, so weit sie es nur konnten ... Sinn der Manipulationen war primär, die von den öffentlichen Stellen in Aussicht gestellten finanziellen Mittel voll auszuschöpfen, was bei ordnungsgemäßer Abrechnung schwergefallen wäre.“

Damit war die Darstellung der DAG-Spitze, Reiner Burger habe auf eigene Faust den Staat betrogen und sei als schwarzes Schaf zu betrachten, nicht länger haltbar.

Die Ermittlungen förderten auch eine schwarze Kasse der DAG Hessen zutage. Sie existierte in Form eines Sonderkontos beim Wiesbadener Bürobedarfs-Großhändler WiePa. Auf diesem Konto liefen Beträge von 12 000 bis 17 000 Mark auf, die dem Zugriff und der Kontrolle des normalen Gewerkschaftsapparates entzogen waren.

Gespeist wurde das Konto über ersparte Rabatte, die bei den umfangreichen Einkäufen von Möbeln, Büromaterial und ähnlichem bei WiePa entstanden. Die DAG ließ sich eine offizielle Rechnung ausstellen, von deren Endsumme keine Rabatte abgezogen worden waren. Diese Rechnung wurde bei den Behörden mit der Bitte um einen Zuschuß eingereicht. Intern buchte die Firma WiePa dann einen Rabatt von zwanzig bis dreißig Prozent vom Rechnungsbetrag um auf das Sonderkonto DAG. Das Guthaben diente dem Landesverband zum Einkauf von Dingen, die normalerweise weder durch Eigenmittel der DAG zu beschaffen wären noch durch öffentliche Mittel.

Bürger berichtet von einem Fall, daß sich Landesverbandsleiter Vetter bei der WiePa eine neue Einrichtung für sein Chefzimmer zugelegt habe, bestehend aus Schreibtisch mit schwarzem Leder, Konferenztisch, acht schwarzen Ledersesseln, Chefsessel, Beistelltisch und so weiter. Dieses Inventar erschien jedoch nie auf einer Rechnung. Vielmehr wurden dort laut Burger Stühle aufgelistet, angeblich bestimmt für einen Raum der DAG-Jugend Frankfurt, wohin auch die Rechnung ging, um sie anschließend zu fünfzig Prozent dem Jugendamt der Stadt Frankfurt aufs Auge zu drücken. Staatsanwalt Eckhard: „Falls Sie den Begriff ,Selbstbedienungsladen‘ hören wollen – das können Sie von mir haben.“

Bei alldem wurde es der DAG sehr leichtgemacht. Sämtliche bei staatlichen Stellen eingereichten Belege wurden gar nicht oder nur sehr oberflächlich in Augenschein genommen. „Von einer Prüfung“, so die Staatsanwaltschaft, „kann keine Rede sein. Ein Blick hätte genügt, den Betrug zu erkennen.“

So fiel es im Frankfurter Römer weder auf, wenn ein Wissensdurstiger vom Jahrgang 1926 an einem Jugendlehrgang (Höchstalter 25) teilnahm und die DAG für ihn kassierte, noch wurde ein Beamter der Landesregierung stutzig, wenn derselbe Name zweimal auf einer Anwesenheitsliste auftauchte.

Ein anderes Mal reichte die DAG eine mit viel Mühe frisierte Abrechnung für ein Erwachsenenseminar versehentlich als Jugendbildungsmaßnahme bei der Stadt ein – die Überweisung kam prompt. Folgerichtig nahm auch niemand Anstoß, wenn Tote wie die 1979 verstorbene Emmi F. drei Jahre danach noch einmal etwas für ihre Bildung taten. Frau F. erwies sich, obwohl längst verblichen, für die Behörden als zuschußfähig. Hätte die DAG Donald Duck mit der Bitte um Unterstützung angemeldet – auch für seine Fortbildung hätte Vater Staat gesorgt.

Das bunte Treiben mit den Listen und das Fehlen einer brauchbaren Buchhaltung macht es den Anklägern schwer, den entstandenen Schaden auch nur annähernd zu ermitteln. Vermutlich geht er in die Millionen. „Ob und wie hoch von einer Dunkelziffer ausgegangen werden muß, kann nicht beurteilt werden ... wahrscheinlich (konnten) nicht alle fehlerhaft abgerechneten Seminare aufgespürt werden“ (Eckhard).

Unterdessen begann in Frankfurt die große Abrechnung mit allen, die der DAG-Spitze soviel Ärger bereitet hatten. Landesjugendleiter Grawunder zum Beispiel, der Vetters Geister-Sekretärinnen entzaubert hatte, trat „in beiderseitigem Einverständnis mit der Landesverbandsleitung“ von seiner Position zurück und fristet seitdem sein Dasein als Sekretär in Offenbach. Grawunders Hoffnung, dank seines Briefes „keinerlei Verantwortung für die von Vetter veranlaßten Transaktionen“ übernehmen zu müssen, erfüllte sich nicht. Ein Dutzend weiterer Hauptamtlicher wurde auf andere Planstellen verbracht.

In strafrechtlicher Hinsicht kamen dagegen alle Akteure mit Ausnahme Burgers glimpflich davon.

In fünfzehn Fällen wurden die Verfahren gegen Zahlung von Geldbußen eingestellt; Vetter, heute Referent beim DAG-Bundesvorstand in Hamburg und zuständig für Organisation und Revision, hatte die Höchstsumme von 12 000 Mark an die Staatskasse abzuführen.

Von einer Wiedergutmachung der DAG gegenüber dem Staat ist bisher trotz lange zurückliegender Versprechungen nichts bekannt. Am 8. Januar 1986 hatte der derzeitige Chef der DAG Hessen, Karl Eugen Becker, seinen Gang nach Canossa angetreten, zu Günther Steinhäuser, im Wiesbadener Sozialministerium zu SPD-Zeiten Staatssekretär. Es sei, so notierte Steinhäuser nach dem Gespräch in einem Vermerk, laut Becker bei der DAG zu

„Unkorrektheiten“ gekommen, was die DAG Hessen „sehr“ bedaure. Becker habe dem Land Hessen angeboten, „den entstandenen Schaden zu ersetzen“.

Das ist bis heute nicht geschehen. Vielmehr vermitteln alle übers Ohr gehauenen Stellen den Eindruck, als sei ihnen das Bekanntwerden von Massenbetrug bei der DAG gar nicht recht. Nach Auskunft der Rechtsabteilung des hessischen Sozialministeriums werde nach wie vor „geprüft, ob ein Schaden entstanden ist“. Den Staatsanwalt wundert dies nicht: „Bei den Schlampereien, die in den Ämtern gelaufen sind ...“

Dabei hat auch Konrad Eckhard zurückstecken müssen. Sein Plan, Massenbetrug bei der DAG bundesweit auffliegen zu lassen, in sämtlichen DAG-Bezirken der Bundesrepublik unter der Leitung des Bundeskriminalamtes durchsuchen zu lassen, scheiterte offenbar an organisatorischen

Schwierigkeiten. Die Schaltkonferenz der Landeskriminalämter, die Eckhard vorschwebte, kam nicht zustande. Damit bleibt die Frage offen, woher etwa der legendäre Reichtum („Die haben einfach alles“) des DAG-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen stammt, in dieser „Oase der Bezuschussung“ (Burger). Burger ist der Staatsanwaltschaft als einziger Angeklagter geblieben. Alle anderen haben anscheinend nichts mehr zu befürchten – „trotz der Schwere der Vorwürfe und der Höhe des Schadens“, wie Staatsanwalt Eckhard in seiner Anklageschrift gegen Burger schreibt.

Reiner Burger ist angeklagt des Betruges und der Untreue in 132 Fällen. Alle anderen hätten lediglich den Staat zugunsten der DAG erleichtert, Burger dagegen habe in die eigene Tasche gewirtschaftet – zur Finanzierung „seines über seinen Verhältnissen liegenden Lebensstiles“, wie die Anklage vermutet. Burger habe beispielsweise Teilnehmerbeiträge nach Seminaren nicht an die Gewerkschaft weitergeleitet. Die genaue Summe soll die Hauptverhandlung erweisen; Eckhard spricht von Beträgen zwischen 50 000 und 100 000 Mark.

Hier wurde Burger zumindest zum Teil Opfer der chaotischen DAG-Buchhaltung. Stets, wenn Einzahlungsbelege nicht aufzufinden waren, wurde die Differenz zu Burgers Lasten gebucht; als Beweis sollen im Prozeß Umsatzzahlen seines Privatkontos und sein „sehr teurer Wagen (Mercedes 280 SE)“ gelten.

Das hatte sich der verhinderte Landesverbandsleiter anders gedacht. Ohne seine Bereitschaft auszupacken, stünde Burger jetzt weit besser da; vermutlich wäre auch er mit einer Geldbuße davongekommen, hätte er nicht mit seinen Aussagen die Begehrlichkeit eines jungen Staatsanwaltes geweckt. Der bekommt nun seine Show – genauso wie Burgers Wahlverteidiger Egon Geis. Der Anwalt, der sich gern in schlagzeilenträchtigen Verfahren engagiert, verteidigte schon den Baumaschinen-Bankrotteur Horst Dieter Esch und vertritt derzeit auch die Interessen des in den VW-Devisenskandal verwickelten Frankfurter Geldmaklers Joachim Schmidt.

Vor der 17. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt beginnt nun am 12. Januar 1988 mit dem Fall Burger einer der aufwendigsten Prozesse der deutschen Justizgeschichte. An 2521 Zeugen aus dem In- und Ausland ließ Richter Rolf Schwalbe seit Juni 1987 Ladungen versenden. Als Anlage fanden die 2521 Damen und Herren ein Merkblatt, dem sie verschärfte Bedingungen entnehmen mußten.

So klärt der Richter seine Zeugen auf, während der Dauer des Prozesses dürften sie ohne Schwalbes Erlaubnis nicht wegfahren; Terminverlegungswünsche seien zu unterlassen. „Dem Gericht ist dabei wohl bewußt, daß persönliche Behinderungen wie Urlaubsverschiebungen, geschäftliche und berufliche Einschränkungen und so weiter bestehen und von den Zeugen hingenommen werden müssen.“ Denn: „Selbst wenn Ihnen der Name Burger nichts sagt, so ist Ihr Erscheinen unumgänglich notwendig“, auch ein „etwaiges Nichtwissen Ihrerseits“ könne „prozeßerheblich“ sein.

Bis 28. Dezember 1988 ist terminiert; pro Sitzung sind sechzig Zeugenvernehmungen vorgesehen.