Von Ursula Bode

Als vor acht Jahren das hannoversche Sprengel-Museum eröffnet wurde, konnten Besucher weitab vom festlichen Gewoge auf eine kleine Runde älterer Damen und Herren treffen, die von vergangenen Zeiten berichteten. Viele waren es nicht, die stehenblieben und zuhörten. Dabei versäumten sie die letzte Zusammenkunft von Künstlern und Kunstfreunden, die einmal zur Avantgarde der zwanziger Jahre in der traditionell als öde verschrieenen Provinzialhauptstadt gehört hatten. Geschichten vom Aufbruch waren es, von Freund und Feind, ein bißchen Klatsch bei Kaffee und Keksen, erhellende Bemerkungen, verklärte, auch nüchterne Erinnerung, und Schwitters, die Schlüsselfigur, war als imaginärer Gast immer zugegen.

Kurt Schwitters und die "abstrakten" – das seien doch die Schicken gewesen, die von der feinen Gesellschaft Geförderten, merkte eine alte Malerin an, die einmal zur anderen Seite gehört hatte, zu den Realisten, den Proletariern, den Künstlern der Neuen Sachlichkeit, und ein kleiner Abgrund tat sich auf am Tisch, immer noch und obwohl doch alle im neuen Museum ihren Platz gefunden hatten: die "abstrakten" wie die Sachlichen und der strahlende Merz-Künstler Schwitters natürlich erst recht.

Kleines Zentrum der Moderne

1986 und 1987 sind die zwanziger Jahre in Hannover wieder aufgelebt, und der Zufall will es auch, daß das Jahr von Schwitters’ 100. Geburtstag das traurige Jubiläum vom Ende der Kunst in Nazi-Deutschland markiert. Die große Schwitters-Retrospektive hatte das Sprengel-Museum vom "Museum of Modern Art" in New York übernommen, 1986, zum 99. Geburtstag, wie es einem Dadaisten wohl zusteht. 1988 wird im hannoverschen Museum die aus dem Busch-Reisinger Museum in Harvard kommende Ausstellung von Werken El Lissitzkys zu sehen sein – auch er ist eine der Schlüsselfiguren, die bereits in den frühen zwanziger Jahren den Geist der großen Utopie nach Hannover trugen, die Gedanken einer universellen und internationalen Kunst, von elementarer Abstraktion und befreiender Gegenstandslosigkeit.

Aus eigenen Beständen und mit zahlreichen Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen, mit Hilfe zahlreicher Dokumente und Beispielen angewandter Kunst veranstaltet das Sprengel-Museum nun eine Schau, die weit mehr ist als eine lokalpatriotische Erinnerung. Die Ausstellung "die abstrakten hannover – Internationale Avantgarde 1927-1935" informiert vielmehr vorbildlich über den im heutigen Kunstbetrieb nicht mehr vorstellbaren Tatbestand, daß vor sechzig Jahren eine Handvoll Künstler samt einer Reihe intellektuell wie wirtschaftlich förderlicher Mäzene in einer vergleichweise abgelegenen Stadt ein kleines, aktives und international wirkendes Zentrum damals modernster Kunst bilden konnten.

Rund 225 Arbeiten sind versammelt, darunter auch eine Reihe von Werken russischer und holländischer Konstruktivisten und von Bauhaus-Künstlern, die sich in der offenen Museumslandschaft zu verflüchtigen drohen und dabei der ihnen zugeteilten Aufgabe, ein erläuterndes Umfeld zu bilden, nicht nachkommen können. Daß das "Abstrakte Kabinett", die ständig präsentierte Rekonstruktion des 1927 im Provinzialmuseum eingerichteten "Kabinetts der Abstrakten", in die Ausstellung einbezogen wurde, versteht sich von selbst. Das Kabinett, von El Lissitzky entworfen, vom damaligen Museumsdirektor Alexander Dorner als Demonstrationsraum für die von ihm geförderte, Leben und Kunst einigende Avantgarde verstanden, besaß Signalwirkung, weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinweg.