Die übliche Prozedur. Zwei Augen blinzeln im Dunkeln durch einen Spalt. Zwei Hände huschen über blaugetöntes Einerlei. Zwei Beine rennen einsam durch die Welt und werden von einer weißen Spirale eingeholt. Dann ein Blick ins Fadenkreuz: Tatort! Es ist Sonntagabend, die Mörder sind wieder unter uns, wir lehnen uns zurück: Der Kommissar wird’s schon richten.

Diesmal wird alles anders sein. Es ist Montagabend, 28. Dezember, kein Fadenkreuz, kein Kommissar. Statt dessen ein altes Dämchen mit Cowboyhut und Lodenmantel, das voller Tatortdrang hinter einem Baum lauert – und ein Schwein. Generalbundeskommissarin Susanne Schlau alias Inge Meysel und das niedersächsische Polizeisuchwildschwein Luise (em.) sind auf der Jagd. Nur suchen sie diesmal nicht den Täter, sie tasten nach dem "Tatort" selbst. Wer wird ihn erhaschen, den typischen toten Charme, den tatenlosen Taumel, den flüchtigen Ungeist dieser Serie, die die deutscheFernsehkultur repräsentiert wie keine andere, die verdiente Volksschauspielerin oder die emeritierte Sau? Kein Zweifel, Luise ist im Vorteil. Was den "Tatort" ausmacht, kann man nämlich nicht so leicht rekognoszieren wie die unverwechselbare Nase des Lieutenant Mike Stone aus San Francisco, denn die trägt er im Gesicht. Doch der "Tatort" hat Charakter, und den sieht man leider nicht.

Zum zweihundertsten Jubiläum der Serie, das am Abend zuvor mit Hajo Gies’ "Zahn um Zahn" begangen wird, machen sich die "Tatort"-Erfinder einen Spaß. "Blutrausch" heißt die Lustbarkeit, und wie Peter Schulze-Rohr, der mit Inge Drestler und Jockel Tschiersch zusammen den joke inszeniert hat, glaubhaft versichert, haben sich die Damen und Herren in den Sendeanstalten beim Schneiden und Vorkosten des bunten Bildersalats köstlich amüsiert. Nun sollen wir mitlachen. Oweh.

"Blutrausch" ist eine Art Abschlußprüfung für "Tatort"-Kundige, die ihre Kenntnisse demnächst bei "Alles oder nichts" gewinnbringend anlegen möchten. Eine Retrospektive als Ratespiel. Der Mann, der nachts auf einer Parkbank die Schlinge um den Hals des Mädchens legt, war das nicht...? Und Sunnyi Melles, die mit stierem Blick durchs Treppenhaus hastet, hieß sie damals nicht...? Und wer wird dort gerade vom Telephon aus seinem wohlverdienten "Tatort"-Schlummer gerissen – ist das nicht Trimmel-Marek-Veigl-Haferkamp-Fink, der Durchschnittskommissar, der Kommissarsdurchschnitt aus zweihundert Folgen? Gut geschnüffelt, Luise!

Eine Rahmenhandlung für die "Tatort"-Tortenstücke gibt es natürlich auch. So werden wir mit einer reichlich abgestandenen Eduard-Zimmermann-Parodie beschenkt, beobachten Inge Meysel und Luise beim Aufspüren des schurkischen "Blutrausch"-Anstifters (Kurt Weinzierl) und vernehmen die Worte des Bundeskanzlers, der seinen ausländischen Freunden den Untergang der alten "Tatort"-Garde verkündet: "Go home, I said to the doing-place inspectors, Mr. President Wie fein, wie lustig, wie lebensnah! Wie kommt es, daß ich nicht darüber lachen kann?

Vielleicht kommt es daher, daß der geheime Reiz der "Tatort"-Serie mit den highlights, die in diesem Jubiläumsscherz geboten werden, gar nichts zu tun hat. Vielleicht ist der "Tatort", bei aller unfreiwilligen Komik im Detail, eine tiefernste, todtraurige, sprich urdeutsche Angelegenheit. Vielleicht ist das beste an dieser Serie gar nicht der Blutrausch, sondern die verkaterte Öde in einem Essener Kommissariat oder das leergefegte Trottoir am Sonntagmorgen, auf dem Fahnder Veigl seinen Dackel Gassi führt.

Die ergreifendste "Tatort"-Szene, an die ich mich erinnere, stammt aus "Acht Jahre später" von Karl Heinz Willschrei und Wolfgang Becker, 1974 gesendet. Darin brät sich Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp zu Hause zwei Spiegeleier und trinkt dazu ein Glas Bier. Später legt er noch eine alte Marilyn-Monroe-Platte auf: "The river of no return". Das kommt nicht wieder. Andreas Kilb