/Von Christian Pfannenschmidt

Mein Vater hat einen Diamanten, der größer ist als das Hotel Ritz-Carlton F. Scott Fitzgerald

Perlgrau ist der Nachmittagshimmel, aus den Läden blitzt es rubinrot und smaragdgrün; Menschen, mit Taschen und Töten beladen, eilen vorbei an den Zeitungsständen, an den Händlern, die fröstelnd heißdampfende Maronen verkaufen, an den Touristenbussen und Autoschlangen. Achtlos rennen sie vorüber an Angelinas Salon de The, wo Paloma Picasso in laschen Salatblättern stochert und alte Damen Cremeschnittchen auswählen, vorüber am Ritz, vor dessen Portal Chauffeure in Limousinen warten, vorbei auch am Juwelier Cartier in der Rue de la Paix, wo gerade in diesem Augenblick Madame Gilberte Gautier, die Märchenerzählerin, im zweiten Stock den holzgetäfelten Salle de Jeanne Toussaint betritt und hinter einem Schreibtisch Platz nimmt.

Paris, kalte Stadt. Die Menschen draußen, erfüllt vom geschäftigen Treiben, ahnen nichts davon, daß hier drinnen nun eine alte Dame von damals erzählen wird, als die Kunden noch Könige waren, Prinzen, Sultane und Maharadschas, als die Diamanten noch die besten Freunde der Frauen zu sein schienen, bessere noch und beständigere als jene, die sie ihnen schenkten.

Eben noch ist Gilberte Gautier hinuntergestiegen in den Keller, zum Archiv. Tausende von Auftragsbüchern stehen dort, und aus den achthundert alten, besonderen hat sie ein paar wenige ausgewählt und nach oben bringen lassen: Sie sind ihr kostbar wie Juwelen. Entsprechend liebevoll umfaßt Gilberte Gautier die schweren, in Schweinsleder gebundenen Chroniken aus einer Epoche, in der Goldschmiede nicht Industrieware fertigten, sondern Kunststücke, als jedes einzelne hernach von Hand und mit Tinte in feinster Schrift aufgelistet wurde.

Bücher wie Grabsteine. Hinter jeder Zeile verbirgt sich eine Geschichte, eine Liebesgeschichte. Bücher wie Märchen. Von Reich und Arm erzählen sie, von Glück und Glanz, von Riesen und kleinen Mädchen, Aschenputtel und Sterntaler, Tausendundeiner Nacht und Tagedieben; Geschichten wie aus dem Kintopp, voller Dramatik und Komik, über reiche Amerikaner und verarmte Russen, verzickte Diven und verrückte Damen, von kostbaren Stücken, den schwarzen Perlen etwa, die Unglücksbringer waren, und dem legendären Hope-Diamanten, auf dem ein Fluch lasten sollte.

„Ach ja, der Hope“, sagt Madame Gautier, und lehnt sich genüßlich in ihrer Bergère zurück, von wohlig-gruseliger Erinnerung erfüllt. Da war doch eine der skurrilsten Kundinnen des Hauses Cartier, Evalyn Walsh McLean, verwöhnte Tochter eines steinreichen amerikanischen Goldschürfers, die mit 200 000 Dollar und ihrem Ehemann im Jahre 1908 auf Hochzeitsreise nach Paris kam. Die schöne junge Dame, die als Kind stets mit einer Kutsche zur Schule vorgefahren kam, holte von Papas Penunzen bei Cartier zunächst den Stern des Ostens, einen nahezu 95karätigen Tropfendiamanten. Und weil man auf einem Bein bekanntlich nicht stehen kann, orderte sie zwei Jahre später den legendären Hope, der einst zum Kronschatz Ludwig XIV. gehört hatte. Der Stein schien seinen Besitzern stets Unglück zu bringen, und um Evalyn Walsh McLean die Entscheidung, 180 000 Dollar dafür zu zahlen, etwas zu erleichtern, ließ Pierre Cartier, Chef des Hauses und Sohn des Firmengründers, im Kaufvertrag die Klausel einbringen: Die Kundin hat im Falle eines Unglücks Rückgaberecht.