mußte/Von Gabriele Peters

Die Geschichte endete für Carl von Linné so peinlich wie für die Hamburger Honoratioren. Man schwieg sie also tot. Dabei hatte sie im Frühjahr 1735 recht hoffnungsvoll begonnen. Linné, der junge vielversprechende schwedische Wissenschaftler, hatte Jahre harter Arbeit an der medizinischen Fakultät von Uppsala hinter sich und einen großen Teil seiner Systema naturae zu Papier gebracht. Dieses Werk sollte zur Grundlage für eine systematische Gliederung des Tier- und Pflanzenreiches werden und wenig später die Welt bewegen.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten hatten bereits Aufsehen im Ausland erregt. Nirgendwo war er jedoch so aufmerksam zur Kenntnis genommen worden wie in Deutschland und dort insbesondere in Hamburg. Hier hatte sich Professor Johann Peter Kohl seiner angenommen, seines Zeichens Privatgelehrter und Herausgeber der Hamburgischen Berichte für gelehrte Sachen, allerorten als „Kohlblätter“ bekannt. Kohl hatte sich bemüht, die in Schweden auf Kosten der Societät von Uppsala herauskommenden Schriften von Linné in Kommission zu übernehmen. So kam es, daß der 28jährige Linné bereits „6 mal mit grösztem Lob“ in den Hamburgischen Berichten angeführt worden war, bevor die Hamburger je seiner ansichtig wurden – erst später erfuhr man, daß Linné alle seine Laudationes selbst zu verfassen pflegte. Hamburg hatte, wie Kohl feststellte, „zu allererst den Ruhm dieses berühmten Mannes“ verbreitet, „dieses Medicus und Botanicus, der sehr vieles in der Kräuterwissenschaft leisten wird und schon wirklich leistet“.

Was Wunder also, daß Linné Anno 1735 hoffnungsfroh und selbstbewußt nach Hamburg reist. Dort wird er in den angesehensten Kaufmannsfamilien herumgereicht. Stolz präsentiert man ihm Bibliotheken, Sammlungen und Parks. Professoren und Doktoren hofieren, ja feiern ihn, allen voran Johann Peter Kohl. Zu den Bewunderern Linnes zählt auch Johann Albrecht Fabricius, Professor der Beredsamkeit und Sittenlehre, und Verfasser der Lehre der Hydrotheologie. Und der Professor ger Bürgermeister Anderson, Verfasser eines Werkes über den grönländischen Walfang. Die Herren verbringen vergnügliche Abende miteinander. Es gibt 75jährigen Rotwein und Linné revanchiert sich, indem er sauber auf Papier geklebte lappländische Insekten und Pflanzen herumreicht, oder, in Rentierhäute gehüllt, lappländisches Jagdgeheul anstimmt.

Was liegt näher, als diesem Gast das Prachtstück aller Hamburgischen Naturalienkabinette vorzuführen: die siebenköpfige Hydra. Diese Hydra ist zweifellos etwas Besonderes. Jahrzehntelang stand sie auf dem Altar einer päpstlichen Kirche in Prag, wurde dann von dem schwedischen Feldmarschall Hans Christoffer Graf von Königsmarck im Dreißigjährigen Krieg entwendet, und aus dem Erbe Königsmarckscher Nachfahren erwarb sie schließlich der reiche Hamburger Kaufmann Natorp für mehrere Tausend Reichstaler. Bereits fünfzehn Jahre vor Linnés Hamburg-Besuch hatte der Gelehrte Albertus Seba in Leyden mit großem Erstaunen von der Hamburger Hydra gehört; fasziniert bildete er sie in seinem herrlichen Thesaurus ab: ein etwa einen halben Meter großer Kupferstich – das einzige existierende Abbild des geheimnisvollen Tieres.

Linné bekommt es leibhaftig in Hamburg zu sehen. Er schreibt: „Von der Bibliothek gingen wir, um Hydram a Seba descriptam (die von Seba beschriebene Hydra) zu besehen... Die Füsze hatten 4 einzelne Zehen, ohne Hufe. 7 Köpfe und Hälse, ohne Flügel. Zähne wohlbemerkt dem Marder ähnlich... Viele sagen, daß diese (Hydra) die einzige auf Erden war und dankten Gott, daß sie sich nicht vermehrt hat. Länge 2 Ellen (1,50 Meter), keine Ohren, keine Nasenlöcher. Was innen ist, weiß ich nicht.“ Und dann: „Nemo ante me fallaciam detegere potuit!“ – niemand vor mir hat entdeckt, daß es eine Fälschung ist!

Die Hamburger Honoratioren sind schockiert. Allen voran Natorp, der sein Wertstück gerade mit einem Vermögen von 10 000 Talern beliehen hat. Nach dem Votum Linnés ist es kaum mehr 100 wert. In die Haut einer monströsen Schlange waren sieben Wieselköpfe und wahrscheinlich einige Kilo Sägespäne gestopft worden.