DIE ZEIT

Wenn all unsere Fundamente zerbrechen

Zuweilen enthüllt sich in Banalitäten die Signatur eines Zeitalters. „Heavy Metal“, „Einstürzende Neubauten“, „Erste Allgemeine Verunsicherung“ – diese Namen kurrenter Rock- und Popgruppen spiegeln ein gehöriges Stück heutigen Lebensgefühls wider.

Peinlich

Der Westdeutsche Rundfunk hätte doch, wie offenbar ursprünglich geplant, einen letzten Frühschoppen veranstalten können, bei dem zwei Teilnehmer, die der Meinung sind, Höfer müsse sofort abtreten, ihre Argumente austauschen mit zwei anderen, die finden, daß annähernd vierzig Jahre angewandter Demokratie jene häßlichen Sünden aufwiegen, deren er angeklagt wird.

Nach Moskau

Er hat es geschafft. Die Einladung zum Besuch im Kreml, ein Gespräch mit Generalsekretär Gorbatschow inklusive, wurde Franz Josef Strauß pünktlich zur Bescherung am Heiligabend auf den Gabentisch gelegt.

Verbraucht

Menschen lügen sich die Wirklichkeit so zurecht, daß sie nicht mehr schmerzt als unbedingt nötig. An diese Binsenweisheit erinnert uns die neue Sprachprägung „verbrauchende Forschung“.

Worte des Jahres

„Die Hetzjagd auf den lebenden Uwe Barschel, bei der es nicht um Wahrheit ging, sondern um ,Fertigmachen‘ – die Hetzjagd war schlimm.

Hilferufe aus dem Hungerland

Dunkel und bedrohlich heben sich die Flugzeuge gegen den ersten roten Streifen am eritreischen Morgenhimmel ab. Zwei Hercules-Maschinen, den 18-Tonnen-Bauch gefüllt mit Mehl aus England, warten auf Starterlaubnis.

Wolfgang Ebert: Lauter Volltreffer

Ferner hatten wir nie den geringsten Zweifel, daß es Präsident Mubarak in Kairo gelingen würde, den Irak und den Iran so zu versöhnen, daß sie sogar ihre Konsonanten K und N miteinander tauschen würden.

Kleinstadtpolitik: Filziges aus dem Allgäu

Von politischem Anstand ist in letzter Zeit viel die Rede in der schwäbisch-bayerischen 38 000-Einwohner-Stadt Memmingen, einer ehemals Freien Reichsstadt am Rande des Allgäus.

Katastrophenangst hat Konjunktur

Prognosen, das galt auch im Jahr 1987, sind gerade im Bereich der Wirtschaft ein kompliziertes Geschäft. "Frage fünf Ökonomen", so erkannte der Amerikaner Edgar R.

Datenschutz: Alles unter Kontrolle?

Der Passus ist kurz, doch seine Folgen werden gravierend sein. Ganze elf Zeilen mißt in dem zwanzigseitigen Konzept, das Bundesarbeitsminister Norbert Blüm kürzlich für die Reform des Gesundheitswesens vorgestellt hat, ein Abschnitt mit dem Titel: „Mehr Transparenz über Kosten und Leistungen schaffen.

Bonner Kulisse

Den Kommentar des Jahres sprach Bundeskanzler Helmut Kohl, nachdem ihm die fünf Professoren des Sachverständigenrats das Jahresgutachten 1987/88 überbracht hatten.

Weltwirtschaft: Ein rätselhafter Pakt

Lang hat es gedauert, am Ende kam sie doch noch – die Erklärung der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben größten Industrienationen über ihre künftige wirtschafts- und währungspolitische Zusammenarbeit.

Alternativbetrieb: Ein leises Servus

Noch immer geht die Wende um. Nicht nur in der Politik, die sich seit fünf Jahren geistig-moralisch runderneuert, nicht nur in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, in der neuerdings erst der stolz zur Schau getragene Kaschmirpullover zeigt, daß einer etwas leistet.

Italien: Mit Subventionen in den Ruin

Wir haben unseren Teil schon gegeben", riefen die 77 000 Streikenden der italienischen Stahlgruppe Finsider erbost. Seit zwei Wochen protestieren sie gegen den Abbau von weiteren 25 000 Arbeitsplätzen innerhalb der nächsten drei Jahre.

Der Vorschlag der Experten

Die Mehrheit der Kommission spricht sich dafür aus, das Fernmeldenetz und den Telephondienst im staatlichen Monopol zu belassen.

Zeit und Geld: Zweiter Markt für Kleine

Um kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zum Kapitalmarkt zu erleichtern, schlägt der baden-württembergische Wirtschaftsminister Martin Herzog einen zweiten Börsenmarkt vor.

Markt-Report: Nur gezielte Käufe

Die Mehrzahl der deutschen Börsianer hat das Jahr 1987 in dem Glauben beendet, auf dem Aktienmarkt das Schlimmste hinter sich zu haben.

Per astra

Lenz: Ich habe eine empirische Untersuchung durchgeführt und mich da insbesondere auf die längerfristigen Zyklen von Jupiter und Saturn konzentriert.

MANAGER UND MÄRKTE

Weiter aufsteigen kann er nun wohl nicht mehr: Alfred Herrhausen, das steht schon im alten Jahr fest, wird vom März 1988 an alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank sein und damit ganz oben auf der Karriereleiter stehen.

Unabhängig in die Pleite

Die Selbständigkeit brachte Ghana kein Glück: der wirtschaftliche Niedergang bis zum Ende der siebziger Jahre

Der Wellenzähler

Ein großer Häuptling hatte einen sehr geschickten und klugen Verwalter. Der führte dem Häuptling die Geschäfte, so daß dieser unbesorgt mit anderen Häuptlingen über die wichtigen Dinge des Lebens reden konnte.

Zeitmosaik

Das Theatergebäude steht in Flammen. Die Hitze macht es unmöglich, näher heranzugehen. Die Feuerwehrpferde scheuen, zerren am Geschirr.

Die Macht der Oper

HENNE: In Ihrem Büro einer von der Feuerwehr, dann so ein Riese vom Opernchor, als ich durchs Schauspielfoyer schlich. "Los, sing ein hohes C oder verpiß dich!" brüllte er und erwischte mich noch mit seinem Gummischwert.

Beton mit Rüschen

Das Nikolaiviertel und andere historische Bauplätze in Ost-Berlin: Glanz für eine 750jährige Hauptstadt

Schallplatten

Eine Reverenz vor der keineswegs minderwertigen Kunst des Swing, der die auf Abschottung bedachte E-Musik zu beschleunigter Symbiose drängte – durch Darius Milhaud ("La création du Monde") und Igor Strawinsky ("Ebony Concerto") als den stilgewandten Europäern, durch die Amerikaner George Gershwin ("Rhapsody in Bitte" – Originalversion) und Leonard Bernstein ("Prelude, Fugue & Riffs"), die fern von der abendländischen Tradition intuitiv mit "schwarzer" Musik verwuchsen.

Kunstkalender

Calouste Gulbenkian, der berühmte „Mister five percent“ (so genannt, weil er je eineinviertel Prozent der Aktien der vier großen Erdölgesellschaften besaß), war ein Kunstsammler mit ganz eigenem Geschmack.

Der Traum vom Alptraum

Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles gesehen an kühnen Versuchen, Gott und die Welt und die Kunst in gewaltigen Themen-Ausstattungen zusammenzudenken und sichtbar zu machen: da gab es das Gesamtkunstwerk, die Staufer, die Preußen, die Welfen, die Geburt der abstrakten und die der phantastischen Kunst, die Wechselwirkungen von Musik und Kunst: jedes Thema ein Kosmos, eine endlose, phantastische Weite zwischen Mythologie und Kunst, Geschichte und Literatur, Philosophie und Psychologie; jedes Thema in der Ausstellungsrealität auch zwangsläufig unvollendet, fragmentarisch.

Golem in New York

Der Rebbe einer Gemeinde von Chassidim, die allesamt Überlebende des Holocaust sind, bittet einen Besucher, einen assimilierten Juden aus New York, ihm die Pistole aus seiner Hosentasche zu geben.

Vier Wege aus Prag

Zur Wiederveröffentlichung von Hans Natoneks Roman „Kinder einer Stadt“/Von Karl-Markus Gauß

Fernseh- Vorschau: Die Mitläufer

Erwin Leisers 1985 entstandener Film „Die Mitläufer“ ist keine Neugestaltung des Materials, mit dem er 1960 „Mein Kampf“ zu einem bewegenden Dokument montierte.

Ohne Zweifel

Anthonis van Dyck hat ihn gemalt: Jacques le Roy. Heute kennt diesen Mann niemand mehr, aber damals, in den ersten Jahrzehnten des 17.

Eine Krankheit, nicht mehr

Jahreswechsel: Wir schreiben das Jahr 8 nach Aids. Vor sieben Jahren wurde zum ersten Mal in der Bundesrepublik bei einem Patienten eine Immunschwäche diagnostiziert, die damals niemand kannte.

Kasparow Sieger im Schach-Marathon: Viermal das letzte Wort

König g hoch 2 – mit einem sanften Königsschritt beendete Garry Kasparow nicht nur die letzte atemberaubende Partie des Wettkampfes um die Weltmeisterschaft gegen den Herausforderer Karpow in Sevilla, er zog gleichzeitig den Schlußstrich unter ein dreijähriges zermürbendes Schachmarathon, durch das er sich in vier Wettkämpfen und 120 Partien hindurchquälen mußte, bevor er sich jetzt drei Jahre lang auf den Weltneisterlorbeeren ausruhen oder – was bei ihm wahrscheinlicher ist – austoben darf.

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