Selbstzeugnisse eines „Euthanasie“-Arztes, eines Anatomieprofessors und eines Diplomaten / Ausgewählt und kommentiert von Gabriele Goettle

„Mein liebes Putteli!

Wieder ist ein harter Arbeitstag zu Ende. Ich sitze allein in meinem Hotel und habe soeben zum Abendessen gekochten Kabeljau mit Salzkartoffeln und Senf-Sauce zu mir genommen. Jetzt leiste ich mir 1/2 Flasche „1934er Crettnacher Eucharienberg“ von den Ufern der Saar. (...) Die heutige Arbeit ging wieder ziemlich flott. Das Haus „Arafna“ mit 68 Insassen ist fertig geworden, von denen ich 34 gemacht habe. (...) Meine heutige Tätigkeit erstreckte sich also auf erhebliche Todeskandidaten ...“

Friedrich Mennecke 1941, Selektion in Bethel, an seine Frau

„Von morgen (Sbd.) bis Montag früh ruht unsere Arbeit, weil wir den evangelischen Sonntagsfrieden in Bethel nicht stören wollen.“

Brief vom darauffolgenden Tag

„Als Dr. Steinmayer und ich – wir arbeiten heute allein im KZ – um 18 h Schluß machten, holte ich vom Bahnhof mein Köfferchen ab und ging zum „Deutschen Haus“. Das gefiel mir absolut nicht. Das Zimmer war unter aller Würde!!...“

Mit „Küßlis“ aus Oranienburg an das „Puttli-Muttilein“, 1941

„O Mausi, das mit dem Lufttorpedo ist ja gruselig! (..) In den zwei Autos fuhren wir gleich nach Dachau hinaus. Wir fingen heute aber noch nicht an zu arbeiten, da die SS-Männer erst die Köpfe der Meldebögen ausfüllen sollen. (..) Es sind 2000 Mann, die sehr bald fertig sein werden, da sie am laufenden Band angesehen werden.“

Mit „Küßlis“ und „Ahoi!!“ an die „liebste Mutti“ (Gattin), 1941 .

„Es ist 17.45 h, ich habe mein Tagewerk vollbracht und sitze wieder im Hotel. (...) Die Arbeit flutscht nur so, weil ja die Köpfe schon getippt sind und ich nur die Diagnose, Hauptsymptome et cetera einschreibe. (...) Dr. Sonntag sitzt dabei und macht mir Angaben über das Verhalten im Lager, ein Scharführer holt mir die Pat. herein, – es klappt tadellos.“

An die „liebste Mutti“ aus Ravensbrück, vom „treuen Fritz-Pa“, 1941

„Ich sitze in der fabelhaften Halle dieses wirklich vornehmen Hotels in schwerem Ledersessel. (...) All dies Schöne und Gewaltige gerade in diesem Hotel, möchte ich nicht so allein erleben, sondern meine Mu soll auch dabei sein! (...) Die Vorbereitung der Bögen wird bis morgen früh soweit gediehen sein, daß es dann mit vollen Segeln losgehen kann. (...) Auch Gorgaß ist schon hier gewesen, er soll sich in Buchenwald ganz entsetzlich benommen haben, so daß die Lagerleitung auf ihn sehr erbost ist; er habe sich typisch als Metzger aufgeführt, nicht als Arzt, wodurch er unserer Aktion im Renommé geschadet hat. Diese Scharte ist jetzt von uns wieder auszubügeln.“

An das „herzliebste gute Muttilein“, aus Weimar vom treuen Pa“, 1941

„Somit habe ich gestern und heute zusammen 320 Meldebögen, die Dr. Müller bestimmt nicht in zwei vollen Tagen geschafft hätte. Wer schnell arbeitet, spart Zeit!“

Weimar, fünf Tage später, mit „Küßlis“ und „Ahoi!!“

„So Mutti, jetzt hat Pa aber wieder ein Gutachten zurechtgezimmert, über das er sich selbst freut. Der Mann wird wahrscheinlich zum Tode verurteilt.“

Res.laz. I. Nerven-Schuß Abt., Metz, vom „treuen Fritz-Pappi“, 1943

„Da bin ich nun wieder bei Dir, gute Mutti! Ich habe den ganzen Vormittag geimpft.“

Mit „Küßlis“ und „Ahoi!!“ von der Ost-Front, 1943

„Gestern habe ich mir den Leichenkeller und Verbrennungsofen, der auch im Keller ist, angesehen. Dieser Verbrennungsofen war für die Beseitigung von Leichenteilen bestimmt, die von den Präparierarbeiten übrig blieben. Jetzt dient er dazu, um hingerichtete Polen zu veraschen. Fast täglich kommt jetzt das graue Auto mit den grauen Männern, das heißt SS-Männer von der Gestapo und bringt Material für den Ofen. Da er gestern nicht in Betrieb war, konnten wir hineinschauen. Es lag darin die Asche von vier Polen. Wie wenig doch von einem Menschen übrig bleibt, wenn alles Organische verbrannt ist! Der Blick in einen solchen Ofen hat etwas Beruhigendes.“

Tagebucheintragung von Hermann Voss, 17. Juni 1941, Reichsuniv. Posen

„Gestern wurden zwei Wagen voller Polenasche abgefahren. – Vor meinem Arbeitszimmer blühen jetzt wunderschön die Robinien, geradeso wie in Leipzig.“

Eintrag vom 19. 6. 1941

„Unterredung mit dem Oberstaatsanwalt Dr. Heise wegen der Leichenbeschaffung für das anatomische Institut. Auch Königsberg und Breslau bekommen Leichen von hier. Es sind hier so viele Hinrichtungen, daß es für alle drei Institute genügt.“

Eintrag vom 30. 9. 1941

LIEBESLEBEN

„Na, Guterli, was Deine Fragen nach dem Entbehrenkönnen eines weiblichen Wesens betrifft, so kann ich Dir aus ganz freiem Herzen sagen, daß ich mit allen Fibrillen meines Herzens getrost und erhaben so lange damit warten kann, bis ich meine einzig gute u. schätzens- u. anerkennenswerte liebe Mutti wieder in greifbarer Nähe habe.“

Mennecke von der Ost-Front, 1943

„Juble ja wieder so vor Lust mein Kindi, und wenn ich Dich jetzt hier hätte, dann wär’s um Dich einfach geschehen!! Ich würde Dir bestimmt ein paar Rippen brechen, so gewaltig schäumt in mir die Lust zu Dir!!!“ *

Aus der Lungen-Heilanstalt St.Blasien, 1944,

* anläßlich eines erhaltenen Päckchens.

„Ich bleibe noch ein Weilchen liegen, bis... und dann stehe ich auf u. mache Sonntag! Innigste Küßlis noch aus den Daunen!! Dein treuer Paa!!“

Weimar 1941, freies Wochenende während der Arbeit im KZ-Buchenwald

HAUS UND GARTEN

„Um 14 h stand ich wieder auf, denn zum Schlafen kam ich nicht richtig (...) versorgte die Hühner und setzte mich auf den Balkon zum Strümpfestopfen bis 17 h. (.. .) Morgen früh habe ich noch viel im Garten zu tun: Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren + Zuckererbsen Pflücken.“

Frau Mennecke, Anstalt Eichberg, 1942

„Heute nachmittag habe ich fleißig im Garten gearbeitet. Es war herrlich.“

Tagebuch Hermann Voss, Leipzig, 1941

„Im Garten war Großbetrieb. Die Kirschenernte ging langsam zu Ende und die Pflaumenernte begann. Das Kirschenpflücken hatte den Kleinen sehr gefallen.“

Tagebuch Otto Bräutigam, 1941

ESSEN UND TRINKEN

„21.30 h: O Muttili, was hat Dein oller Pa – „Schmeckmir“ – in dieser letzten halben Stunde geschmatzt!! 4 Brötchen mit Butter zu den lOOgr Hack-Hack und dazu zwei Kirsch,...“

Mennecke, 1944 aus der Lungenheilanstalt St.Blasien

„Ich habe soeben ein delikates „Mutti-Brötchen“ verzehrt mit „Mutti-Butter“ und „Mutti-Wurst“. Das hat aber sehr nach Frieden geschmeckt.“

Mennecke 1942 aus Heidelberg, wo er bei dem „Euthanasie“-Spezialisten Prof. Schneider einen Lehrgang macht.

„Abendessen: dicke warme Fleischwurst + Wirsing + Kartoffeln. * (...)Und nun sitze ich hier in einem Café am Markt, habe eine Tasse Kaffee getrunken und zwei Stück Kuchen gegessen; jetzt habe ich ein Bier bestellt.“

Mennecke, 1941

* Im SS-Kasino des KZ Ravensbrück

„Brot und Brötchen gibt es ohne Marken. Heute habe ich zweimal, mittags und abends, Schnitzel gegessen, ohne Marken. (...) Gestern gab es Eintopfgericht: Bohnen mit Wurst, sehr billig, kräftig und schmackhaft.“

Tagebuch Hermann Voss, 25. 4. 1941, Posen

„Aber im Pfarrhaus erholten wir uns bei einer Tasse und Kuchen bald wieder.“

Ebenda, 15. 7. 1941

„... fand mich auf der Wolfsschanze ein. (...) Der Reichsführer SS erscheint plötzlich bei uns zu Besuch und erkundigte sich ob wir auch Kaffee und Kuchen bekommen hätten. Als ich dies verneinte, gab er die erforderlichen Anweisungen. ..“

Tagebuch Otto Bräutigam, 17. 6. 1941

KRIEG

„Dein Pa grüßt als leckeres „sauberes Schweinchen“, der ein für Ostfrontverhältnisse viel zu gutes Bad gemacht hat, – aber dennoch nicht gut genug, denn wenn man hier die schmutzigen Russen einherlaufen sieht, dann hat man als zivilisierter Mitteleuropäer um so stärker das Bedürfnis, sich reinlich zu halten.“

Mennecke, 1943

„Hier liegen wir nun in einem Frontabschnitt, der uns täglich das wahre und harte Gesicht der Ostfront in recht deutlicher Form zeigt.“

Mennecke 1943, an Professor Nitsche, mediz. Leiter und Obergutachter v. T4

„Nanu, auf Erbenheim und Amöbenburg wurden Di. Bombenteppiche gelegt?! O, weh!! (...) Daß Dr. Henkels ausgebombt sind, ist auch allerhand!!!“

Mennecke, St. Blasien 1944, ans „beste Muttilein“

„Ich bin gar nicht Gegner des Krieges. Kriege müssen sein, sonst verkommen die Völker.“

Hermann Voss, 18. 8. 1938, Tagebuch Leipzig

„Ich habe großes Glück gehabt. In erster Linie natürlich, daß die Bombe nicht in das Institut gegangen ist (.. .) und zweitens dadurch, daß meine Fensterscheiben nicht zerplatzt sind. Denn wären sie es, so hätte ich den ganzen Scherben- und Splittersegen auf den Kopf bekommen, so nah stand mein Bett am Fenster.“

Tagebuch, 9. 5. 1941, Institut der Reichs-Universität Posen

„Die Nachrichten von der Front lauten ziemlich beunruhigend. Die Stimmung ist gedrückt. Zur Ablenkung wurde der Bridge vom Vortage wiederholt.“

Tagebuch Otto Bräutigam, Dezember 1941, aus der Wolfsschanze

KULTUR UND REISE

„Mit dem Glanz und Kultur des Hotels hält das Café nicht ganz Schritt (...) der erste Geiger dürfte auch um einige Ellen besser sein.“

Mennecke, Weimar 1941, nach Feierabend in Buchenwald

„Ich habe heute morgen auf einem Forschungsspaziergang gesehen, wie gerade hier in Weimar alte Kultur mit moderner nationalsozialistischer Kultur vereinigt werden. (...) Überall stößt man hier auf Genies Liszt, Goethe, Schiller, Herder, Wieland, Hitler u. a. m., es ist lohnend.“

Mennecke, Weimar 1941, nach Feierabend in Buchenwald

„Ich saß auf der Fahrt also wieder mal auf dem Lokusdeckel und las etwas in Senecas Schriften unter dem Titel „Vom glücklichen Leben“. Ich mußte innerlich lachen über den Titel des Buches und über die Situation in der mich befand.“

Tagebuch Hermann Voss, Juni 1941

„Mit v. Etzdorf machte ich einen längeren Spaziergang an dem sehr hübschen Burgufer entlang. Vom sogenannten „Deutschen Eck“ dem Begräbnisplatz der Ärzte* der Irrenanstalt, in der der Generalquartiermeister untergebracht war, hatte man auf den tief gelegenen Bug mit seinen bewachsenen Ufern einen recht freundlichen Blick.“

Tagebuch Otto Bräutigam, Dezember 1942 in Winniza

* nachdem Ärzte und Patienten ermordet worden waren

FEIERABEND

„Ich bin bettfertig ausgezogen und habe eben ein schönes Fußbad gemacht und bandagierte in aller Gemütsruhe meine Hühneraugen.“

Mennecke, Fürstenberg 1942, nach anstrengender Woche im KZ

„Nicht nur frisch und munter bin ich jetzt, sondern auch populär, – und nun kanns wieder losgehen, um nach ein paar Stunden Arbeit ein schönes ruhiges Wochenende zu begehen.“

Weimar 1941 um 7.45 Uhr, bevor er seine „Arbeit“ begeht

„Ich erwärme mich ab und zu dadurch, daß ich den alten polnischen Schreibmaschinentisch mit Sandpapier abschleife. Unsere Muskeln sind ja die besten Wärmespender, vor allem deshalb, weil wir sie immer dabei haben.“

Tagebuch, Hermann Voss, Oktober 1941 im Institut in Posen, nachdem er die Muskeln von anderen, die er auch immer dabei hat, weglegte.

„Ankunft in Berlin. Zu Hause alles in Ordnung, die Kinder gesund. Amanda steckt auf Verlangen die Zunge heraus.“

Tagebuch Otto Bräutigam, Oktober 1941, nachdem auf der „Wolfsschanze“ wegen Maßnahmen gegen tschechische Saboteure getagt worden war.

KÖRPERPFLEGE

„Übrigens sind meine „Schweiß“-Füße total weg. Du wirst staunen! Lediglich die zweimalige Anwendung der Wehrmachts-Fußschutzsalbe (. .) hat genügt, um mich von diesem Übel zu befreien.“

Mennecke, 1943 von der Ost-Front

„So, Du hast keine Schweißfüße mehr, Lieb? Ich gratuliere Dir dazu! Das gefürchtete Übel, von dem wir im Winter sprachen, ist also bereits überwunden? Ja, wozu der Krieg doch gut ist.“

Die „treue Mutti-Eve“ an den „Herzliebsten Vati“

„Heute nach dem Mittagessen habe ich eine 3/4 Stunde oben dicht unter dem Dach auf unserer „Knochenbleiche“ gesessen und mich von der Sonne bescheinen lassen. Rechts und links von mir lagen gebleichte Polengebeine *, die ab und zu ein leichtes knackendes Geräusch hören ließen.“

Tagebuch Hermann Voss, April 1942 in Posen

* Die Skelette der erschlagenen Polen und Juden hängen vermutlich noch heute als „Lehrmittel“ in DDR- und BRD-Universitäten und Schulen.

SCHMERZEN

„Ich kann es Dir nicht verhehlen, daß ich abermals eine längere andauernde heftige Kolik hatte.“

Mennecke, Reserve Laz. Bruchsal, 1944

„Am Auto scheußlich die Finger geklemmt.“ Tagebuch Otto Bräutigam, Juni 1942

LUFTLAGEBERICHT

„Draußen weht heute der häßliche Ostwind.“ Mennecke, 1941 Fürstenberg

„Seit gestern herrscht hier ein eisiger Ostwind.“ Voss, November 1941

„Heftig greifen die Sowjets im Osten an, und blutig sind unsere Verluste.“

„Wir waren während der Nacht im Luftschutzkeller gewesen, was den Kleinen immer eine nette Abwechslung ist.“

Bräutigam, 1941 und 1942

Nach der Lektüre von 1616 Briefseiten des „Euthanasie“-Arztes Friedrich Mennecke fühlt man sich in dessen kleiner Welt wie zu Hause. Es hat etwas Beruhigendes zu wissen, daß sein Keller voll mit Eingemachtem ist. Sämtliche Kosenamen für die Gattin kann ich auswendig hersagen, und die aufgezählten Speisen bleiben im Gedächtnis, so als hätte man sie selbst gegessen.

Auch in den Tagebuchaufzeichnungen des Anatomen Hermann Voss und des Rosenberg-Mitarbeiters Otto Bräutigam findet man den Alltag freundlicher Bürger beschrieben, die ihrer jeweils anfallenden Arbeit nachgehen. Daß sie keine unbescholtenen Bürger blieben, scheint reiner Zufall, denn sie weisen alle Voraussetzungen dazu in hinreichender Vollendung auf.

Sie sind keine abnormen Einzelgänger, sondern gesellige Menschen mit Familie, Haus und Garten. Von dieser soliden Basis aus, versehen mit der Kraft des inneren Haltes, gehen sie hinaus ins feindliche Leben, verrichten ihre Arbeit und werden dabei selbst zum feindseligsten Teil ihres Lebens. Ihre Ideale und moralischen Empfindungen unterscheiden sich in nichts von den allgemeinverbindlichen Lebensauffassungen.

Dieser Art von Tüchtigkeit erschloß die nationalsozialistische Sozialpolitik bis dahin ungekannte Entfaltungsmöglichkeiten. Besonders den Akademikern wurden Laufbahnen ausgelegt, in denen sie sich mit Kleinigkeiten – wie beruflicher Kompetenz und moralischer Legitimation – nicht verzetteln konnten. Heil und Heilung, die nicht nur dem Akademiker, sondern dem „gesunden Volkskörper“ zukommen sollten, erforderten für ihre Verwirklichung eine unvoreingenommene Wertschätzung jeweiligen menschlichen Lebens. Sie war seit der Erprobung technisch umstandsloser Zerfetzbarkeit ganzer Menschenmassen, wie sie im ersten Weltkrieg praktiziert worden war, ohnehin nur noch eine pathetische Floskel.

Die individuelle Machtergreifung all der Entscheidungsberechtigten über Leben und Tod mußte in der Regel nicht befohlen werden. Ihre Mitarbeit ergänzte sich in idealer Weise mit den Beschlüssen der „Reichskanzlei“. Den Medizinern waren die Unterscheidungskriterien für lebenswertes und „lebensunwertes“ Leben längst geläufig. Dadurch, daß sie die „unheilbare Krankheit“ zugleich mit dem Kranken beseitigen konnten, erhielt ihre „Heilbehandlung“ einen „Genesungseffekt“, auf den sie unbefangen stolz waren.

*

Die berufliche Laufbahn von Akademikern schien in besonderem Maße ein ausgeprägtes Anpassungs-, Ordnungs- und Arbeitsideal in ihnen zu erzeugen. Die nationalsozialistische Arbeitsmoral entsprach ihnen vollkommen. Daß dem Tüchtigen die Welt gehört, egal, wobei er sich ertüchtigt, diese Lebensmaxime ist bis heute nicht irritiert. Der „Euthanasie“-Arzt, der am „Patientenmaterial“ Arbeitsunfähigkeit diagnostiziert und den Tod verordnet, fühlt sich durch das Beispiel seiner eigenen Funktionstüchtigkeit vollauf bestätigt. Daß die Prognose, die er seinen Opfern gestellt hat, genauestens auf ihn selbst zutrifft, käme ihm nie in den Sinn. Die üblichen Kurzdiagnosen lauteten: „Prognose ungünstig, da arbeitserziehungsunfähig. Asozialer Charakter, vollkommen einsichtslos, handelt unkontrolliert. Hat kein Interesse an seiner Umwejt.“ Menneckes helle Empörung über einen Kollegen, der sich im KZ „wie ein Metzger“ benommen hat, „statt wie ein Arzt“, wirkt durchaus echt. Ein Arzt soll weder sentimental noch brutal sein. Der Massenmord darf nicht gewissenlos betrieben werden. Und da Mennecke ihn gewissenhaft betrieben hat, hinderte ihn auch kein Konflikt am erquickenden Schlaf. „Wer schläft, hat mehr vom Leben“, schreibt er an sein „Muttilein“.

Auffallend ist die alles einebnende Routine, mit der ans Werk gegangen wurde. Mit derselben Kälte, mit der heute Leben gerettet wird, haben Mennecke und seine Kollegen Leben vernichtet. Das redliche Beachten der Vorschriften und des menschlichen Anstandes, der dadurch zum Ausdruck gebracht wird, deckt offensichtlich alle erforderlichen moralischen Qualitäten vollkommen ab.

*

Da, wo die Personen in ihren Selbstzeugnissen und Briefen so etwas wie überschwengliche Gefühle oder leicht lasterhafte Neigungen bekommen, geht es allemal um den Genuß der Aneignung. Lebensmittel, zumal günstig erworbene, verschaffen höchste Genugtuung, die sich nicht allein aus der Kriegssituation heraus erklären läßt. Besonders Mennecke verschlingt alles, was er sich nur einverleiben kann. Er „vertilgt“ – wie er es nennt – Kuchen und „Hack-Hack“, bis ihm die Knöpfe vom Braunhemd platzen. Als Stellvertreter seines Gewissensbisses frißt er sich lustvoll durch die SS-Kasinos von KZ’s und Heilanstalten. Das heftige Glück über „Kaffee und Kuchen“ ist so auffallend, daß deutlich wird, wofür sie in einer deutschen Seele stehen. Sie sind die Inkarnation vom feiertäglichen Nachmittagsfrieden und vermitteln das Gute schlechthin.

Auffallend in den Briefen und Tagebüchern ist, daß alle drei das innige Bestreben haben, nichts umkommen zu lassen. Weder das Obst im eigenen Garten soll verderben, noch das alte Brot, welches Mennecke seiner Mutter von der Front zuschickt. Schnur und Einwickelpapier von den Päckchen aus „Berlin“, in denen die Selektionsfragebögen versandt wurden, werden behutsam aufbewahrt bis zur anderweitigen Verwendung. Voss, der anfangs leichen- und studentenlos auf seinem Lehrstuhl in der „neugegründeten“ Reichsuniversität Posen saß, bekam bald ein ungutes Gefühl angesichts der vielen totgeschlagenen Polen. Er mußte zusehen, wie deren Körper im Keller seines Institutes sinnlos „verascht“ wurden. Daß in den Leichen die schönsten Skelette liegen, mit einem Verkaufswert von 40 RM, interessante Schädel für 5 RM und unzählige Organe und Gewebe zum Präparieren, davon überzeugte er umgehend den zuständigen Staatsanwalt.

Alle stehen in gespannter Erwartung mit gezücktem Eß- oder Sezierbesteck bereit, um sich ihren Teil abzuschneiden. Das Einlegen von Obst für den späteren Verzehr verschafft ebensolche Freude und Genugtuung, wie das Einlegen von Gehirnen und ganzen Körpern fürs spätere Sezieren oder Weiterschenken an Kollegen. Menneckes Stolz darüber, daß er dem berühmten Heidelberger „Euthanasie“-Spezialisten Schneider mit „seiten Eichberger Gehirnen“ aus einer kleinen Verlegenheit helfen konnte, schielt nur zum Teil auf zu erwartende Gegenleistungen. Bräutigam hingegen grämt sich, daß im eigenen Garten „das Kernobst reift“, während er durch dringende Ostarbeiten an der Ernte gehindert wird, denn „es war immer große Freude, wenn Vati doll schüttelte“.

Ungute Stimmungen werden der Wetterlage und später dem Luftlagebericht zugeschrieben. Alle drei erwähnen etliche Male „den Ostwind“, als wäre er „vom Russen“ persönlich geschickt. Der ist kalt, eisig, rüttelt und gibt keine Ruhe, bis er die Ziegel von den Dächern gerissen hat. Mennecke,als er im „Osten“ ist, schreibt, daß die „schweren Gewitter immer von Osten kommen“, während „der Kuckuck merkwürdigerweise immer von Westen her ruft“. Das Unterbewußte zeigt sich komisch wie immer, wenn es die Doppeldeutigkeit von Heimweh und Gerichtsvollzieher vorschlägt. Überhaupt schimmert ein heller Wahnsinn durch alle Zeilen hindurch. In den drei Dokumenten werden ständig „heraus“ und „hinaus“, „herauf“ und „hinauf“ miteinander verwechselt. Sie schauen zum Fenster heraus, obwohl sie gleichzeitig drinnen im Zimmer sind. Bräutigam schreibt, seine Kinder kletterten auf den Kirschbaum herauf, er selbst ist aber nicht oben, sondern steht unten. Es scheint so, als wüßten sie alle nicht recht, wo sie eigentlich überall sind.

*

Die Verwendungsfähigkeit solcher Charaktere ist für Kriegs- und Friedenszeiten gleichermaßen gewährleistet. Der „Euthanasie“-Gutachter Fritz Mennecke wurde zwar zum Tode verurteilt, würde aber zweifellos überlebt haben, hätte er sich nicht in Verkennung der politischen Fortentwicklung 1947 im Gefängnis umgebracht. Der Anatomie-Professor Hermann Voss machte weiterhin Karriere, ausgerüstet mit den Forschungsergebnissen, die er aus den Leichen der polnischen Widerstandskämpfer gewonnen hatte. Bis zu seiner Emeritierung 1962 war er Ordinarius der Universität Jena und „Hervorragender Wissenschaftler des Volkes“. Der Diplomat Otto Bräutigam wurde Ministerialdirigent und Leiter der Ostabteilung in der Adenauer-Regierungsmannschaft, bis er 1958 in den fernen Osten versetzt wurde. Er war eines der wenigen „Opfer“ der neuen Schicklichkeit. Bis zur Pensionierung saß der Träger des großen Bundesverdienstkreuzes in Hongkong.

(Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie; Herausgeberkollegium, verantwortlicher Redakteur Götz Aly; Rotbuch Verlag, Berlin 1987; 208 S., 24,– DM, im Abonnement 22,– DM;

Friedrich Mennecke: Innenansichten eines medizinischen Täters im Nationalsozialismus. Briefe 1935 – 1947; Hrsg. Hamburger Institut für Sozialforschung, 1987; 2 Bde., 2.700 S., 95,– DM)

Verantwortlich für das Extra: Mathias Greffrath