Von Jörg Albrecht

Hanau, im Januar

Im Café am Marktplatz sitzen dichtgedrängt die Menschen und löffeln Torte. Draußen singt der Chor der Nazarenerkirche "Ich habe meinem Leben einen Sinn gegeben". Ein junger Mann verteilt Handzettel mit Informationen über "Dianetik, die moderne Wissenschaft für geistige Gesundheit" und die Freie Christengemeinde wirbt um Mitglieder. Die Hanauer brauchen dringend Gottvertrauen. Ihr Vertrauen in die ortsansässige Atomindustrie wird zur Zeit einer schweren Prüfung unterzogen.

Nach und nach stellte sich heraus, daß die Firma Transnuklear jahrelang auf illegale Weise Atommüll über die deutsch-belgische Grenze verschob und das Ganze mit Geldern in Millionenhöhe schmierte. Hier gab es 200 000 Mark für "Unvorhergesehenes", dort 25 000 "Akquisitionsgebühr". Rund 2000 Fässer mit falsch deklariertem Inhalt wurden bisher gefunden – nur die Spitze eines Eisbergs, vermuten Branchenkenner. In der Bundesrepublik existiert ein Altbestand von mindestens 40 000 Kubikmetern schwach- und mittelradioaktiver Abfälle. Rund 200 000 Fässer Strahlenmüll stehen herum, ohne daß irgend jemand sagen könnte, was damit auf lange Sicht passieren soll. Die Hanauer Müllmänner haben in diesem unübersichtlichen Geschäft Bakschischmethoden angewandt. Rund hundert Mitarbeiter von Energieversorgungsunternehmen und Kraftwerken standen auf ihren schwarzen Listen. Wie viele inzwischen stillschweigend entlassen worden sind, weiß niemand so recht. Zwei von ihnen, ein Bestochener und ein Bestecher, haben Selbstmord begangen.

Dabei schien die Angelegenheit schon ausgestanden. Die Affäre war im Frühjahr 1987 aufgeflogen. Der Transnuklear stand damals die Betriebsprüfung ins Haus. Einem neuen Geschäftsführer, der sich dafür wappnen wollte, fielen Unregelmäßigkeiten auf. Um sich rehabilitieren zu können, zeigte sich die Transnuklear selber an. In dieser Phase schien es nur um zwielichtige Geldgeschäfte zum Zwecke der Auftragserlangung zu gehen; die Transnuklear hatte sich seit Ende der siebziger Jahre tatsächlich zur Nummer eins auf dem Markt hochgerackert.

Seit Anfang Dezember sieht die Sache anders aus. Die Preussag meldete in Hannover, daß in einem ihrer Kernkraftwerke falsch deklarierte Fässer lägen. Von Tag zu Tag wurden immer mehr falsche Lieferungen entdeckt. Jetzt war nichts mehr gewiß. Fieberhaft ging die Suche nach dem kobalt- und plutoniumdurchsetzten Atommüll weiter. Je mehr Einzelheiten bekannt werden, desto undurchsichtiger wird das Ganze. Fünfzehn Millionen sind unter der Hand gezahlt worden. In wessen Auftrag? Und wem nützte am Ende das Geschäft? Wer wußte davon? Nur ein paar Transnuklear-Angestellte oder auch die Muttergesellschaft Nukem? Oder sogar die Kernkraftbetreiber? Längst geht es nicht mehr nur um Untreue, Betrug und Steuerhinterziehung, sondern um die Usancen in der Atomindustrie insgesamt, um Sicherheit und Glaubwürdigkeit der ganzen Branche.

In Hanau droht einstweilen kein politisches Erdbeben. Zu einer spontanen Demonstration vor den Feiertagen kamen zweihundert Demonstranten auf den Marktplatz. Das war auch schon alles. Hundertmal so viele waren es im November 1986 gewesen, nur stammten die Teilnehmer der bis dahin größten Hanauer Demonstration fast alle aus anderen Städten.