Von Niels Gutschow

Der Krieg als Motor – der Berufsstand des Städtebauers und Architekten im Höhenflug. Es klingt wie eine Denunziation; denn vierzig Jahre später mag sich immer noch niemand an diese Zeit erinnern. In den Biographien klaffen nach wie vor Lücken. Wo waren sie denn, die Architekten, welche Geschäfte besorgten sie, sofern sie nicht an der Front waren?

Erstaunlich ist, daß, während ringsum erobert und verteidigt, getötet, geraubt, gequält, zerstört wurde, Architekten längst damit befaßt waren, für die Zeit danach zu planen – in Hitlers Deutschland, aber auch in den von ihm unterjochten Ländern und Städten. Es gehört offenbar zum Rausch der Vernichtung, sie sich als Chance der Erneuerung auszumalen und anzueignen. In den besetzten Gebieten waren indessen nicht nur die Kollaborateure der Nazis damit beschäftigt zu planen und zu entwerfen, sondern auch die Widerständler: um den Tyrannen zuvorzukommen.

In Deutschland hatte Adolf Hitler 1933 mühelos Städtebauer und Architekten mitziehen, wenn nicht gar mit reißen können. Wie viele Berufsverbände, so kam auch der Bund Deutscher Architekten der Gleichschaltung zuvor. Für die einen bedeutete dies Berufsverbot, die anderen bekamen Aufträge noch und noch. Als Hitler dann 1940 eine gigantische Inszenierung des scheinbar bevorstehenden Endsieges plante, kannte die Euphorie keine Grenzen. Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 – die Planer sprachen fortan von der Zeit „nach Compiègne“ – sollten nun die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Im selben Monat hatte Hitler verlangt: „Berlin muß in kürzester Zeit durch seine bauliche Neugestaltung den ihm durch die Größe des Sieges zukommenden Ausdruck als Hauptstadt eines starken neuen Reiches erhalten. In der Verwirklichung dieser nunmehr wichtigsten Bauaufgabe des Reiches sehe ich den bedeutendsten Beitrag zur endgültigen Sicherstellung des Sieges.“ München, Linz, Hamburg und Nürnberg sollten als „Führerstädte“ neu gestaltet werden, aber auch alle anderen Gauhauptstädte wetteiferten bereits im Bemühen, den „Sieg sicherzustellen“.

Deutschlands Planer und Architekten ließen sich von einer Welle der Begeisterung tragen, und es waren nicht nur die Großstädte, die eine städtebauliche Aufrüstung betreiben wollten. Für alle Bereiche der Planung prägte Karl Neupert, der Leiter der Hauptabteilung „Städtebau“ im Reichsheimstättenamt (das der Deutschen Arbeitsfront, DAF, unterstand), 1940 den Begriff von der totalen Planung. Gemeint war damit die Gestaltung aller Siedlungsgebiete im Reich, vor allem jedoch ging es darum, die „Germanisierung“ in den Ostgebieten „planerisch“ zu bewältigen – also die polnische Bevölkerung durch „Siedlungsplanung“ zu vertreiben und auszurotten.

Zu dieser Zeit waren bereits deutsche Architekten in Warschau, um die systematische Vernichtung, den „Abbau“ der Polenstadt und den Aufbau als „neue deutsche Stadt“ planend vorzubereiten. Wie kaum eine andere verbrecherische Handlung symbolisiert dieser sogenannte „Pabst-Plan“ (später so benannt nach dem Chef der deutschen Bauverwaltung Warschaus), von dem in Polen jedes Schulkind weiß, die Erniedrigung und Vernichtung eines Volkes. Wieder andere Architekten waren in der Organisation Todt (Kurz OT genannt) in der Planung für Brücken, Bunker und Hauptquartiere eingesetzt. Da wurde dann – eher nebenbei – die Autobahn zum Ural geplant und deren Raststationen wie germanische Fluchtburgen gestaltet, rechnete man doch damit, daß bis zur endgültigen „Pazifizierung“ des von „Horden verunsicherten Raumes“ noch zwanzig Jahre gebraucht würden. So standen also zahlreiche Architekten – vom Wehrdienst freigestellt – im Dienste einer „totalen Planung“, die den „totalen Krieg“ begleiteten und unterstützten.

Während zahlreiche Architekten in Himmlers Planungsstäben im Frühjahr 1940 den sogenannten „Generalplan Ost“ umzusetzen begannen, war im September desselben Jahres Hans Stephan als Abgesandter Albert Speers nach Norwegen gefahren, um dort den Wiederaufbau der im April abgebrannten Städte in rechte Bahnen zu lenken. Auch hier sollte durch Stadtplanung „der kulturelle Besitzstand Europas gegen das amerikanisierte Angelsachsentum und gegen den Bolschewismus verteidigt“ werden.

Nicht überall jedoch konnten sich die Planungsstäbe Himmlers oder die Emissäre Speers durchsetzen: In den Niederlanden war es wenige Tage nach der Kapitulation durch Einsetzung eines eigenen Wiederaufbau-Kommissars geglückt, sich durch rasches Handeln einer Bevormundung durch deutsche Planer zu entziehen. Schon kurz nach der Zerstörung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940, bei der die Innenstadt Rotterdams mit 25 000 Wohnungen vernichtet wurde, begann der Stadtarchitekt Willem Gerrit Witteveen mit der Planung für den Wiederaufbau. Als er drei Wochen später die erste Fassung dieser Planung vorlegte, war der gesamte Grund und Boden der Innenstadt bereits auf der Grundlage neuer Gesetze kommunalisiert worden, und zwar durch eine einfache Mitteilung an die Eigentümer und ganz ohne Diskussion oder gar Einspruchsmöglichkeit. Das war in der Tat ein unerhörter Akt – und eine gute Voraussetzung, um lang gehegte städtebauliche Träume endlich zu realisieren.

Auch in England gab es – schon bald nach der Bombardierung Coventrys am 14. November 1940 – Planungen für einen Wiederaufbau, bei denen längst gehegte Visionen von „der Stadt der Zukunft“ erprobt wurden. Englands Wiederaufbauminister Lord Reith forderte (für die kurz darauf entstandenen Pläne von Plymöuth und London), auf bestehende Gesetze keine Rücksicht zu nehmen. Das Motto hieß fortan: „A disaster – but an opportunity („eine Katastrophe – aber eine günstige Gelegenheit“). In der Tat schienen die Kriegsverwüstungen paradoxerweise fast überall Anlaß zu sein, sich weit über die Schadensgebiete hinaus der sogenannten „Elendsviertel“ zu entledigen. Bomben-Breschen in die Stadt des 19. Jahrhunderts wurden allenthalben mit Erleichterung quittiert. Wie sagten es die Planer in Plymöuth?: „Vor Plymöuth eröffnet sich nun die Chance einer großartigen Umgestaltung und Entwicklung, nämlich aus dem Grauen des Krieges einen Sieg für die Stadt der Zukunft zu machen.“ Solche großspurigen Worte lassen sich wohl aus jeder zerbombten Stadt Europas zitieren, gleichgültig, ob im Reich, in besetzten oder nicht besetzten Ländern.

Doch nicht nur in Europas Westen erfaßte die Planer Euphorie. Auch in Warschau wurde seit Oktober 1939 im Untergrund verzweifelt für die Zukunft einer von faschistischer Unterdrückung befreiten Stadt geplant. Während Berliner Architekten noch im Oktober 1942 mit suggestiven Kohlezeichnungen an der Stelle des abzureißenden Königsschlosses eine Volkshalle planten, und während die SS nach dem Aufstand im Herbst 1944 systematisch weiter zerstörte und mordete, arbeiteten polnische Architekten in den Kellern der Stadt an den Konturen einer besseren Zukunft. Die Technische Hochschule bestand weiter, Planer und Mitarbeiter der Warschauer Wohnungsbaugenossenschaft veranstalteten regelmäßig Seminare, die den gleichzeitigen „Arbeitsbesprechungen“ der Kollegen in Hamburg verblüffend ähneln. Hier wie dort wurden die Pläne aus London vorgestellt, hier wie dort wurde die „ewig gültige“ Topographie als Ausgangspunkt für die Stadt der Zukunft begriffen: In Hamburg ist es das Elbufer, in Warschau das Hochufer der Weichsel, das die Gedanken der Planer beflügelt. Aus dem Umkreis der Wohnungsbaugenossenschaft stammen in Warschau nicht nur die Planer, die im Februar 1945 das damals größte Planungsbüro der Welt zum Wiederaufbau der Stadt begründeten, sondern auch der erste Wiederaufbauminister, der erste Stadtpräsident von Warschau und Boleslaw Bierut, der erste Präsident der soeben gegründeten Volksrepublik. Schon am 8. März 1945 kann der Architekt Zygmunt Skibniewski dem Präsidenten den ersten Plan zum Wiederaufbau der grauenvoll zerstörten Stadt vorstellen – während deutsche Flugzeuge immer noch Angriffe fliegen.

Die Konturen dieser Planung sind deutlich „westeuropäisch“: Dem Lauf der Weichsel folgend, betten sich „Nachbarschaften“ in die Landschaft, von Industriegebieten sorgfältig durch Grünzüge getrennt. Das Prinzip der Gliederung und Trennung von Wohn- und Arbeitsvierteln wurde hier, wie in anderen Ländern Westeuropas, folgerichtig aufgenommen. Ganz offensichtlich sprechen polnische Planer die Sprache der Kollegen in London und Hamburg. Demgegenüber konnte sich Nikita Chruschtschow, der schon im März 1945 mit einer sowjetischen Expertengruppe erschien, nicht durchsetzen. Kleinlaut mußte er Stalins Ankündigung vom Vorjahr, der verbrüderten Volksrepublik den Wiederaufbau der Stadt zu schenken, zurücknehmen. Und die Vorbilder, die er für die Zukunft der Stadt aus Kiew mitbrachte, entsprachen allemal nicht den Ideen der Polen. (Wenige Monate vorher hatte übrigens ein Wettbewerb zum Wiederaufbau Kiews das Diktat vaterländischer Architekturvisionen bestätigt: Monumentale Stadträume – im Stil eines „ukrainischen Barocks“ – die verblüffend an das erinnerten, was deutsche Planer bis 1942 für deutsche Städte entworfen hatten.)

Der britische Luftangriff auf Lübeck in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 markiert eine entscheidende Wende in der Eskalation des Luftkrieges. War 1940 und 1941 die „Fliegerschadensbeseitigung“ im Rahmen der sogenannten Sofortmaßnahmen darauf aus, Verluste im Wohnungsbestand auszugleichen und, wie es damals hieß, „gegen die Bomben gegenan zu bauen“, so war jetzt zum erstenmal im Zentrum einer Stadt eine gravierende Bresche geschlagen.

Während Karl Gruber, Professor für Baukunst an der Technischen Hochschule in Darmstadt, für das zerstörte Viertel um St. Marien versponnene Architekturvisionen zu Papier brachte, welche die mittelalterliche „Rangordnung der Werte“, die Überordnung des Heiligen über das Profane, bestätigten, entwickelte man andernorts für Lübeck unversehens neue Perspektiven. Kommissionen des Arbeitsministeriums und des Innenministeriums kamen aus Berlin angereist, selbst Heinrich Himmler ließ sich durch die Ruinen Lübecks führen. In den folgenden Beratungen wurden Tradition und „gefühlsmäßige Erwägungen“ konsequent beiseitegeräumt. Statt dessen sprach man von einer einmaligen Gelegenheit, neue Verhältnisse zu schaffen, die freilich bei einer völligen Neuordnung der Stadt eine Aussiedlung der Hälfte der Bevölkerung notwendig machten – und das wurde auch ganz ernsthaft erwogen.

Diese Pläne zeigen, daß die anfangs nach Osten gerichteten Visionen inzwischen nach innen wirkten und auf die „totale“ Umgestaltung der eigenen Städte zielen.

Unmittelbar nach der Bombardierung Lübecks führte die neue Erfahrung des Luftkrieges erst einmal zu einem Planungsstopp. Alle Neugestaltungsplanungen mußten eingestellt, die großspurig angekündigte Inszenierung des Sieges einstweilen verschoben werden. Die großen Gipsmodelle, in denen die Träume von Macht und Tod bereits Konturen gewonnen hatten, wurden eingemottet.

Die weitere Eskalation des Luftkrieges, die Zerstörung von Köln, Hamburg und Kassel im Sommer des folgenden Jahres besiegelten das Schicksal der „Siegesarchitektur“. Visionen weitläufiger Architekturräume waren verflogen, verbissene Diskussionen um Backsteinformate und Baukultur vergessen. Fortan galt alles Bemühen der „Idee der Stadtlandschaft“. Seit 1940 war dieses Idealbild zukünftiger Städte von Wilhelm Wortmann in Bremen, Hans Bernhard Reichow in Stettin und Konstanty Gutschow in Hamburg entwickelt worden. Im Zeichen der Zerstörung bekommt diese, aus der Kulturgeographie in den Städtebau übertragene Vorstellung eine ungeahnte Aktualität. Über den Trümmern „zufälligen Menschenwerkes“, aus dem Untergang der steinernen Stadt soll nun die ewige Stadt entstehen, nicht mehr eng und ungeordnet, sondern, wie Rudolf Schwarz es 1943 ausdrückte, als „lebendig durchbaute Landschaft“.

Wie in Lübeck löste auch in Hamburg die Bombardierung der Stadt einen Schock aus. Von den Planern wurden die Bombenangriffe nicht als üblicher „Terror-Angriff“ abgetan, sondern im Sinne eines Naturereignisses als „Katastrophe“ empfunden. Orkanartige Feuerstürme ungekannter Gewalt hatten ganze Stadtteile vernichtet und vierzigtausend Menschen umgebracht. Alle Energie wurde den Hilfsmaßnahmen und Aufräumungsarbeiten gewidmet, an Planung wurde nicht im entferntesten gedacht. Für einen Moment jedenfalls waren alle von der Gewalt dieser „Katastrophe“ gebannt.

Einen Monat später aber meldete sich ein Landschaftsgestalter zu Wort. Er wollte „aus den zerstörten Gebieten erst wieder eine Landschaft gestalten“. Diese Landschaft sollte sich jedoch nur langsam aus einer Aufforstung entwickeln: „Erst nachdem diese zerstörten Gebiete über den Wald belebt worden sind, wird aus ihnen eine echte Stadtlandschaft, das heißt Häuser mit Gärten entstehen können.“ Erst nach dreißig Jahren erschien ihm also eine Bebauung in aufgelockerter Form wieder denkbar. Der Schock saß tief, der Eindruck der Katastrophe war so nachhaltig, daß die zerstörten Gebiete, die in Hamburg „leere Zonen“ hießen, als verseucht empfunden wurden. Ihre Wiederverwendung schien so etwas wie eine Neugeburt vorauszusetzen.

Im Frühjahr 1944 aber waren derartige Bedenken schon überwunden, und es folgte in geradezu atemberaubendem Wechsel geballte Zuversicht. Jetzt war auch in Hamburg von der Chance die Rede, die in Rotterdam und Plymöuth, und – wie wir jetzt erst wissen – auch in Warschau 1944 beschworen worden war, freilich unter gänzlich anderen Bedingungen. In einer programmatischen Erklärung zum „Neuen Hamburg“ sagte der Architekt Konstanty Gutschow (ehemals zuständig für alle Neugestaltungsmaßnahmen in der Stadt und jetzt Mitglied von Albert Speers „Arbeitsstab Wiederaufbauplanung zerstörter Städte“) im März 1944: „Dieses Werk der Zerstörung wird Segen wirken. Das Wort des Führers, daß die zerstörten Städte schöner als vorher wiedererstehen werden, gilt doppelt für Hamburg. Dem allergrößten Teil der baulichen Zerstörung weinen wir keine Träne nach.“

Im selben Jahr folgten in Hamburg zahlreiche Arbeitsbesprechungen unter Teilnahme von Städtebauern und Soziologen aus anderen Städten. Hamburg wurde in diesem Moment zum Zentrum hektischer planerischer Aktivitäten, die ungeachtet einer nun wortwörtlich „in Scherben fallenden“ Welt eifrig weiter betrieben wurden. Die geradezu zwanghafte Vertiefung in „Sachprobleme“ half so, die Wahrnehmung einer veränderten Wirklichkeit zu verstellen.

„Sache“ – das waren nun nicht nur Zahlen, Normen oder städtebauliche Richtlinien, sondern die Vision der zukünftigen Stadt, die eine „Stadtlandschaft“ von ewigem Bestand sein würde. So jedenfalls drückt sich Reichow in seinem missionarischen Eifer aus, wenn er diese „Stadtlandschaft“ etwa mit dem Wald vergleicht, „dessen Bäume und Schläge sich wandeln und erneuern, der als Ganzes aber ewig ist.“

Große Hoffnungen bemächtigten sich nun des Berufsstandes der Stadtplaner, der erst zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war und unter den Nationalsozialisten praktisch im Handstreich die lang ersehnten Kompetenzen errungen hatte. Wenn schon auf die Inszenierung des Sieges verzichtet werden mußte, so blieb – nach dem Untergang der alten Stadtbilder – Raum für ein viel umfassenderes Vorhaben: den Bau einer neuen Welt. Die Planer wußten die „Stadtlandschaft“ als unpolitisches Modell räumlicher Ordnung darzustellen, ewig und auf immer gültig, nicht mehr nur für ein tausendjähriges Reich, sondern, wie Reichow sagt, für Jahrtausende.

Die Planungen für London bestätigten in der Gewißheit, daß man sich auch in Deutschland auf dem richtigen Weg befand; die Auflösung der Städte in naturumsäumte Nachbarschaften war eine Perspektive weit über Drittes Reich und Krieg hinaus.

Diese Sicherheit, dieser Glaube an eine Mission sollten über eine ganze Generation hinweg dem Berufsstand des Planers die Zweifel an seiner Tätigkeit nehmen. In der Tat wirkte der „Geist von Compiègne“ lange nach, und die „Stadtlandschaft“ prägte das Leitbild des Wiederaufbaus.

Während schon die Rote Armee an der Oder und die Amerikaner in Aachen standen, wurde in Hitlers Deutschland besinnungslos weitergeplant, und in einem Ausweichbüro des Speerschen Wiederaufbaustabes in Bevensen wurde gearbeitet, bis die englischen Panzer vor dem Haus standen. Keinen Augenblick zweifelte man an der Zukunft. Nie wurde ein alternatives Gesellschaftsmodell auch nur in Ansätzen für möglich gehalten. Die Sache, eben die „Stadtlandschaft“, schien über all dem erhaben. So sind etwa Gutschows Planungen für Kassel und Wilhelmshaven vom April 1945 datiert, Werner Haspers Plan für das neue Kassel, Karl Elkarts Plan für das neue Hannover und Willi Schelkes Plan für das neue Mannheim vom März 1945.

Niederlage und Kapitulation, die von den Planern in der Regel als „Zusammenbruch“ erlebt und so auch bezeichnet wurden, zwangen im Sommer 1945, auf die in den Plänen vom Frühjahr noch eingezeichneten „Gauforen“ als Zeichen nationalsozialistischer Macht zu verzichten. Achsen und Aufmarschplätze brauchten jedoch nur wegradiert zu werden, um dem „zeitlosen“ Charakter der „Stadtlandschaft“ das Überleben zu ermöglichen. Als sei man fast unmerklich von einer Regierungsperiode in die nächste geschlittert, erwies sich sonst kaum etwas als verdächtig.

Das Ziel einer aufgelockerten und gegliederten Stadt blieb gänzlich unverändert erhalten. Nur die Plangraphik und das Vokabular mußten verändert werden. Die Einheit der zukünftigen Stadt, eben noch „Siedlungszelle“ genannt, hieß nun „Knolle“, „Schulbezirk“ oder „Kirchspiel“ und schließlich – in Übernahme des angelsächsischen Begriffs – „Nachbarschaft“. Die Sorge der Planer galt einer räumlich-organisatorischen Siedlungseinheit, die die Nationalsozialisten „Siedlungszelle“ genannt hatten und die in England zur gleichen Zeit neighbourhood und in Polen dzielnice mieszkaniowe hieß. Und schließlich konnte das Ziel, die Städte verkehrsgerecht umzubauen, wie es Albert Speer bereits im November 1943 in seiner Rede vor Funktionären gefordert hatte, ohnehin beibehalten werden.

Städtebauer und Architekten nach dem Kriege: Sieger und Besiegte sahen in der Zerstörung ihre große Chance zum Aufbau einer neigen, besseren Welt. Die Stadt des 19. Jahrhunderts, die Stadt ihrer Kindheit, hatte ihre Erfahrungen zutiefst geprägt: Straßenschluchten und Hinterhöfe, ob in Hamburg-Hammerbrook oder Warschau-Mokotöw, sollten nun endlich verschwinden; denn diese Quartiere standen nicht nur für Ausbeutung und Erniedrigung, sondern auch für Krankheit und Entfremdung. Viele dieser Stadtviertel, dieser Städte waren zerstört worden. Eine ganze Profession schöpfte nun aus dem unendlichen Leid Kraft und zugleich Zuversicht für eine bessere Zukunft. Leid und Verlust erschienen als Opfer für die Stadt der Zukunft, dieses glitzernde, luftige Gebilde schwingender, grenzenloser Räume, als gerechtfertigt.

Seit die Wachstumsphase der Nachkriegszeit abgeschlossen ist und man sich in der Bundesrepublik mit zwei Millionen Arbeitslosen einzurichten beginnt, sucht auch der Berufsstand der Stadtplaner nach einer neuen Orientierung. Wäre es da nicht sinnvoll, sich eine etwas länger währende Phase der Besinnung zu gönnen, zu der auch ein Rückblick auf die fatale Planungseuphorie gehörte, die „nach Compiègne“ begann und das Bild unserer Städte noch im Wiederaufbau entscheidend prägte?

Dem Unmut über die anhaltende Unwirtlichkeit der Städte, der aufkommenden Angst im Zeichen tiefgreifender Sinnkrisen ist nicht mit einem Mehr an Planung beizukommen. Viel eher brauchen wir ungeplante Räume, „Spiel-Räume“, die erst langsam von einer Nutzung geprägt werden und sich mit ihr verändern dürfen. Vergessen wir endlich die Forderung nach totaler Planung, die in den dreißiger Jahren im Zeichen der Gewalt entstand, 1940 im Siegestaumel ungeahnte Euphorie auslöste und sich letztlich nach 1948 im Wiederaufbau erfüllte. Statt dessen etwas mehr Unordnung – ein wenig mehr Chaos, bitte!