Wolfgang Zeidler ist nur 63 Jahre alt geworden. Am Silvesterabend stürzte er bei einem Bergspaziergang oberhalb Merans zu Tode. Erst sechs Wochen zuvor war er als Präsident des Bundesverfassungsgerichts in den Ruhestand getreten.

Der gebürtige Hamburger kannte den obersten Gerichtshof und die inzwischen bald vier Jahrzehnte währende Geschichte seines Wirkens wie kein anderer. Denn er hat ihm in jedem dieser Jahrzehnte für eine gute Weile und in unterschiedlichen Funktionen angehört. Nach der großen juristischen Staatsprüfung 1953 arbeitete der Sozialdemokrat Zeidler zunächst als Strafrichter in der Hansestadt. Gegen den Rat vieler Richterkollegen ließ er sich 1955 für drei Jahre als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe abordnen. Das galt damals noch nicht als karrierefördernd.

Doch nur neun Jahre später zog Zeidler, inzwischen 42 Jahre alt, als jüngster Richter in den Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts ein. Er blieb knapp drei Jahre, bis Mitte 1970, und wurde anschließend Präsident des Bundesverwaltungsgerichts in West-Berlin. Auch dies ein Zwischenspiel von nur fünf Jahren. 1975 zweite Rückkehr nach Karlsruhe, nunmehr als Vizepräsident des Gerichts und Vorsitzender des Zweiten Senats.

1983 wurde Zeidler als erster Sozialdemokrat mit den Stimmen der CDU/CSU zum Präsidenten erkoren.

Die Sozialdemokraten hatten wenig Freude an ihrem Parteigenossen im höchsten Richteramt der Republik. Zeidlers Senat verbot der sozial-liberalen Koalition die Verwendung von Staatsgeldern zu Wahlkampfzwecken.

Nach der Bonner Wende lagen Zeidler und sein Senat eher im Fahrwasser der Regierung: Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts votierte öffentlich für die Einschränkung des Asylrechts und die Wehrpflicht für Frauen. Für Zeidler galt die Maxime: Im Zweifel für den Staat. Er hat damit allerdings immer den demokratischen und sozialen Rechtsstaat gemeint.

H. Sch.