Das vergangene war fürs Fernsehen ein Jahr des Abschieds. Einer nach dem anderen nahm ihn: Köpcke, Kuli und Frank Elstner, Heinz Schenk und Gerhard Löwenthal. Jetzt ist Werner Höfer unehrenhaft entlassen worden; Robert Lembke wird nicht jünger, und Eduard Zimmermann hatte immerhin ein Jubiläum.

Allmählich entscheidet die Zeit gegen die alte Garde der Fernsehmatadoren, die Glotze verjüngt sich, und seltsam museal wirken schon die Masken der mittleren Generation wie Franz Alt oder Dieter Thomas Heck. Was wir verlieren, wissen wir. Doch was kommt auf uns zu? War Opas Fernsehen womöglich die freundlichere Variante angesichts der kaum aufhaltsamen Amerikanisierung des Bildschirms?

Den Alten selber scheint es so. Schenk gibt zu Protokoll, daß ihm der neue TV-Humor "zu laut und zu aufdringlich" sei, und Löwenthal verspürt ein Unbehagen bei Fernsehen ohne seine "Hintergrundinformation". Ob dem Publikum ganz wohl ist bei einem so gründlichen Revirement? Den Wechsel Elstner-Gottschalk begleitete eine halbe Nation mit Wetten gegen den Neuling, und Köpcke schließlich zerstörte mit seinem Abgang Reste eines magischen Glaubens an Unsterblichkeit.

Das Jahr 1987 hat gezeigt, daß unsere TV-Anstalten Gerontokratien sind, denen Anwärter mittleren Alters im Wartestand besser passen und die den Jungen nix zu melden geben – was sich an der Tatsache ablesen läßt, daß ein Fast-Vierziger wie Gottschalk als Halbstarker gehandelt wird. Alle vermachteten Institute leben (wofern man "leben" sagen darf) von der Routine ihrer Veteranen, die das Risiko dadurch kleinhalten, daß sie Bewährtes in Dauer-Serie geben und, gesichert durch die Kalk-Wälle, welche soviel diesseitige Ewigkeit mit der Zeit ablagert, in voller Funktion ein Schildkrötenalter erreichen.

Sei die Beharrungsmacht des Establishments schuld, sei’s die Zaghaftigkeit der Nachgeborenen: An bundesdeutschen Fernsehanstalten entscheidet nicht das Leistungs-, sondern das mildere Prinzip der Pensionsgrenze über das Ausscheiden aus dem Programm. Doch selbst dieses Prinzip steht zur Disposition: Lembke wird vielleicht zwischen seinen Schweinderln verscheiden, und ein Greis wie Höfer hört nicht seines Alters, sondern seiner gnadenlosen Jugend wegen auf. Wie hierzulande überall betrachten die Honoratioren die besten (Sende-)Plätze als ihre Leibrente und sichern sich die Zustimmung des Publikums durch einen potenten Bündnispartner: die Macht der Gewohnheit.

Das soll in Amerika anders sein. Dort, heißt es, frönt man dem Immer-Neuen und pfeift auf das Silberhaar. US-Shows und News seien aktuell und aggressiv, und so was kommt womöglich auch zu uns ins Programm. Da werden Leute live zum Heulen gebracht und genießen das auch noch, weil sie im Fernsehen sind. Vorbei die Bonhomie der Kuli und Elstner, herein der Sado-Maso à la USA?

Ich sehe es so: Schlimmer als mit dem "Blauen Bock" und dem "ZDF-Magazin" kann es nicht kommen. Der latente Sadismus, der das Publikum über Jahrzehnte Spaßmachern wie Schenk und Heck und Ernstmachern wie Löwenthal und Zimmermann ausgeliefert hat, wäre auch durch Rambo als Moderator nicht zu überbieten. Deutscher Humor und deutsche Paranoia sind keine schützenswerten Kulturgüter. Ließen sie sich "amerikanisieren", so müßte man förmlich darum bitten. Aber es steht zu befürchten, daß die Amerikaner durch eine solche zweite Befreiungstat endgültig überfordert wären. Die Deutschen müssen sich selber helfen. Opas Fernsehen stirbt aus. Daß es nicht allzu üppig nachwachse, dafür bitte sorge du, liebes Publikum.

Barbara Sichtermann