Zum Tod von Eugen Kogon

Von Karl-Heinz Janßen

Eine dürre dpa-Meldung auf Seite 4 – mehr war sein Tod der Welt, dieser selbsternannten "Tageszeitung für Deutschland", nicht wert. Offensichtlich konnte man im Hause Springer nicht verwinden, daß der Publizist und Politologe Eugen Kogon während der 68er Studentenrevolte als Moderator ein "Springer-Hearing" geleitet hatte. Feindschaft über das Grab hinaus?

Dem Nachruhm Kogons, eines Republikaners der ersten Stunde, wird diese Mißachtung nichts anhaben können. Die Autorität des Schriftstellers – er starb am 27. Dezember, ein paar Wochen vor seinem 85. Geburtstag – gründete auf seinem Bestseller "Der SS-Staat" (verkaufte Auflage 470 000), der nicht von ungefähr in die ZEIT-Liste der hundert wichtigsten Sachbücher aufgenommen wurde. Geschrieben wurde diese soziologische Analyse über "Das System der deutschen Konzentrationslager" im Winter 1945. Der in München geborene Österreicher Kogon, ein sozial angehauchter Konservativer, war nach dem "Anschluß" Österreichs von den Nationalsozialisten verhaftet worden und hatte sechs Jahre im Konzentrationslager Buchenwald zugebracht. Seinem Buch lag ein Bericht zugrunde, den er auf Bitten von Geheimdienstoffizieren der Psychological Warfare Division verfaßt hatte. Jahrelang war es vergriffen, erst 1978 wurde es wieder aufgelegt, als der Film "Holocaust" bei vielen jüngeren Deutschen das Bedürfnis nach mehr Information über das Unrechtsregime der Nazis geweckt hatte.

Aufklären, informieren wollte Kogon, den in Schuld und Verstrickung verstockten Deutschen schonungslos den Spiegel vorhalten, "der nicht irgendwelche Scheusale zeigt, sondern dich und mich, sobald wir nur dem gleichen Geiste verfallen, dem jene verfallen sind, die das System geschaffen haben". Was dieser Augenzeuge aus der Hölle berichtete, was er "als Mensch, als Christ und als Politiker" und mit der "Rechtfertigung des Psychiaters und des Pathologen" zu Papier brachte, wird überdauern als ein bewegendes menschliches Dokument, geschrieben nicht im Haß, sondern im Bewußtsein der sündigen Existenz jedes Individuums: "Die deutschen Konzentrationslager" – so heißt es im Vorwort – "waren eine Welt für sich, ein Staat für sich – eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch geworfen wurde, der nun mit all seinen Tugenden und Lastern – mehr Lastern als Tugenden – um die nackte Existenz und das bloße Überdauern kämpfte. Gegen die SS allein? beileibe nicht; genauso, ja noch mehr gegen seine eigenen Mitgefangenen!"

Als Kogon im April 1946 in der ersten Ausgabe der von ihm und Walter Dirks herausgegebenen Frankfurter Hefte das Schlußkapitel veröffentlichte, da hatte er bereits die Zuversicht verloren, es könne durch re-education und Entnazifizierung das deutsche Volk zur Einkehr und moralischen Läuterung bewogen werden. Obschon er selber eine "kollektive, weit über Deutschland hinausreichende Schuld" konstatiert hatte, hielt er die undifferenzierte These von der deutschen Kollektivschuld für ein Verhängnis, weil sie verhinderte, daß sich die grauenhaften Tatsachen der zwölf Jahre Nazi-Diktatur unmittelbar auf das Gewissen jedes einzelnen mitschuldig gewordenen Deutschen auswirkten. Dennoch gab er nicht auf. Mit geradezu missionarischem Eifer, mit nimmermüdem Elan, wobei ihm seine sprudelnde Geistigkeit und seine rhetorische Brillanz zustatten kamen, hat er sich daran gemacht, die Deutschen zu Freiheit und Menschenwürde zu führen, sie überhaupt erst zu einem politischen Volk zu bilden.

Mitbegründer der CDU

Eugen Kogon und seine Mitstreiter in den Frankfurter Heften hatten die einzigartige Chance der Stunde Null begriffen. Er bewältigte Vergangenheit. Jahrzehnte vor dem "Preußenjahr" stellte er bereits das sogenannte Dritte Reich in die Tradition der preußisch-deutschen Geschichte; ehe die Historiker ans Werk gingen, hatte er längst begriffen, warum die Deutschen seit den Bauernkriegen keine Revolution mit dem Ziel der Demokratie zuwege gebracht hatten; Jahre bevor die Bundesrepublik gegründet wurde, wies er den Weg: "Die Demokratie, die wir einzurichten haben, kann nur föderalistisch und sozialistisch. sein."

War Eugen Kogon ein Linker? Ein Linkskatholik? Mit gleichgesinnten hessischen Intellektuellen zählte er zu den Mitbegründern der CDU und ist als solcher sogar in die Memoiren Adenauers eingegangen, dessen unerbittlicher Gegner er später werden sollte: Christliche Demokraten, die sich – so Kogon im Rückblick – als "Freunde der SPD und der Gewerkschaften" bezeichneten und sich einen "Sozialismus in Freiheit" ausmalten. An der Wiege war ihm das nicht gesungen worden. Der junge Kogon, aufgewachsen unter Benediktinern und Dominikanern, geriet – wie so viele Studenten in den zwanziger Jahren – in den Bannkreis des Wiener Professors Othmar Spann, jenes katholischen Intellektuellen, der mit seiner Theorie vom hierarchisch geordneten Ständestaat das antidemokratische Denken bis 1938 "befruchtet" hat. Spann verachtete das parlamentarische. System, weil es auf Wahlen beruhte, "die zu vollziehen die große Menge der Wähler streng genommen durchaus unfähig ist, da niemand weiß, um was es geht".

Kogon hat diese "Jugendsünde", auf die der Bayernkurier gern genüßlich den Finger legte, nicht geleugnet. So wie er Millionen verführter Nazis das Recht auf politischen Irrtum zubilligte, hat er es auch für sich beansprucht. Aber noch der alte Kogon – voll des Zornes über das Scheitern all der reformerischen Blütenträume aus der Stunde Null – konnte mit dem elitären Hochmut des Intellektuellen gelegentlich darüber stöhnen, daß Wohl und Wehe der Republik von der Stimme eines unbedarften Lieschen Müller abhingen. Er hätte es in der Parteipolitik weit bringen können, doch ihm genügte das Forum der öffentlichen Meinung und der Hochschule. Als Lehrer und Journalist, getreu seiner Maxime "Beobachtung, Analyse, Kritik, Wegweisung", hat sich Kogon wahrlich um diese Republik verdient gemacht. Er war es, der die Wissenschaft von der Politik nach Deutschland zurückholte; er selber übernahm 1951 an der Technischen Hochschule Darmstadt ein Ordinariat, um angehende Naturwissenschaftler und Ingenieure, später auch Berufsschullehrer, zu politischer Verantwortung zu erziehen. Er leitete einige Zeit lang am Norddeutschen Rundfunk die zeitkritische Sendung Panorama, er warf sich bis ins hohe Alter ins Getümmel politischer Podiumsdiskussionen; er engagierte sich frühzeitig für die "Vereinigten Staaten von Europa".

Resignation und Skepsis

Und mußte sich dann als Achtzigjähriger bitterlich eingestehen, an welche Sisyphosarbeit er Geist, Energie, Gesundheit verschwendet hatte: im Widerstand gegen Restauration, Remilitarisierung und Notstandsgesetze, im Aufbäumen gegen die Teilung des Vaterlands, beim Kampf gegen die atomare Rüstung, im Bemühen um menschenfreundliche Städte, beim Versuch, die Gewerkschaften aus dem Korsett eines tarifpolitischen Interessenverbandes zu befreien und für die Rolle einer Initiativgruppe zu begeistern, die ähnlich dem Club of Rome ökologische und gesellschaftspolitische Visionen angesichts dräuender Menschheitsprobleme entwirft. Allüberall galt, was er schon am Anfang der sechziger Jahre, damals zur Krise der Universitäten, sagte: "Unsere Schuld bleibt: Wir haben nicht rechtzeitig reformiert."

So überschatteten denn Resignation und Skepsis seinen Lebensabend. Er mochte den Jüngeren nicht so recht die Kraft zutrauen, das, was in den Anfangsjahren der Republik versäumt wurde, nachzuholen oder auch nur die Phantasie aufzubringen, die Gegenwart mit ihren Gefahren für Frieden, Umwelt, Wohlstand und Mitbestimmung zu meistern. Was dieser radikale Demokrat, dieser "christliche Nathan" (wie ihn Walter Jens titulierte), uns Nachlebenden auf den Weg mitgab, bleibt Mahnung an alle politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen: sich des Rates der Intellektuellen zu bedienen (für ihn waren sie die Bakterien im Komposthaufen der Parteien); Technik und Tugend wieder zusammenzuführen; keinen einzigen der erkämpften sozialen Vorteile preiszugeben: "Diese Republik muß eine soziale Republik bleiben."