Etwa 20 Millionen Amerikaner, vor allem Kinder und Jugendliche; bekommen nach den Feststellungen einer ärztlichen „Nothilfe gegen den Hunger“ in den Vereinigten Staaten nicht genug zu essen. Bis zum Jahr 2000 kann die Zahl der Obdachlosen schon auf 18 Millionen hochschnellen – Amerika würde dann zum „Indien des Westens“ – mit Zonen des Elends, die Erschrecken und Entsetzen auslösen.

Präsident Ronald Reagan hatte seinen Landsleuten eine Revolution versprochen, den Beginn eines neuen Zeitalters und die Verwirklichung großer Träume. Bei seiner zweiten Amtseinführung 1985 wiederholte Reagan sein Versprechen: „Es gibt keine Grenzen für Wachstum und menschlichen Fortschritt, wenn Männer und Frauen frei sind, ihren Träumen zu folgen. Wir schaffen ein neues Amerika, eine aufsteigende Nation, erneut kraftvoll, robust und lebendig.“

Die Wirklichkeit sieht anders aus, und der Präsident könnte sie leicht wahrnehmen: Er brauchte nur aus dem Fenster zu blicken. Das Weiße Haus ist von Obdachlosen umlagert.

Wenige Meilen vom Amtssitz des Präsidenten entfernt führte kürzlich eine Handvoll von Obdachlosen einen erbitterten Kleinkrieg: Sie wollten – wie bis dahin – an der untersten Stufe der Treppe übernachten, die in die U-Bahn-Station Farragut West führt. Die Verwaltung der städtischen Metro hatte dies plötzlich untersagt und zugleich einen hohen Zaun um den Eingang gebaut, der nachts abgeschlossen wird.

Für ein Dutzend Clochards, wie den aus Bulgarien stammenden Zlathro Latev, war die Farragut Station das einzige Stück Zuhause, das sie besaßen. „Wenn wir hier nicht mehr übernachten dürfen“, erklärte Latev, „dann werden wir beim nächsten Blizzard erfrieren und eingehen.“ Der erste Schneesturm in diesem Winter zeigte wieder einmal, was ein plötzlicher Kälteeinbruch auslösen kann. Washington erstarrte im Schnee. Inzwischen ist der Winter katastrophal geworden.

Nachts auf U-Bahn-Gittern

Die Kontroverse um die U-Bahn-Station Farragut löste landesweit Aufmerksamkeit aus, weil Mitch Snyder, der erfolgreichste Anwalt der Obdachlosen, sich der Sache annahm. Der heute 44jährige Snyder hatte Anfang der siebziger Jahre seine bürgerliche Existenz aufgegeben. Seitdem lebt er mit Obdachlosen zusammen. Er gründete die „Gemeinschaft für kreative Gewaltlosigkeit“, die Erstaunliches geschaffen hat: unter anderem Notunterkünfte für inzwischen über 1700 Obdachlose. Sie lösen das Problem in Washington keineswegs, lindern aber die größte Not.