DIE ZEIT

Geächtet, geachtet

Er ist der einzige von vierzig amerikanischen Präsidenten, der mit Schimpf und Schande aus dem Weißen Haus gejagt wurde. „Ich bin kein Schurke“, beteuerte er vor der Öffentlichkeit, aber nach dem Watergate-Skandal nahm ihm das kaum ein Amerikaner mehr ab.

Loch in der Kasse

Wird der hochgelobte sparsame Kassenwart der Nation am Ende die Staatsfinanzen ruinieren? Gerhard Stoltenbergs Ruf als Finanzminister ist beschädigt, seit er zugeben mußte, daß ihm zur Finanzierung des Bundeshaushaltes zehn Milliarden Mark mehr fehlen als geplant.

Die Büchsen der Atom-Pandora

Die Fässer voller Atommüll – sind sie nicht das moderne Gegenstück zur Büchse der Pandora? Nachdem Prometheus – so erzählten es sich die Alten – frevelhaft den Menschen das Feuer gebracht hatte, schickte der rächende Zeus ihnen Pandora hinterher, aus deren Gefäß alle Übel und Leiden der Welt entwichen.

Keine Schelte

Die Urteile unserer Gerichte werden im Namen des Volkes gesprochen. Vom Volk, dem demokratischen Souverän, geht nach dem Wortlaut des Grundgesetzes „alle Staatsgewalt aus“, auch die des Strafens.

Zug um Zug

Nach dem Abrüstungsgipfel von Washington bietet sich den Supermächten jetzt die nächste Gelegenheit zu gemeinsamer Friedenspolitik.

Worte der Woche

„Der Wohlfahrtsstaat ist der unmenschlichste Staat, den man sich denken kann, weil er die Menschen intensiver versklavt als es früher die klassische Sklaverei vermocht hat.

Zeitspiegel

Drei große Berichte über weltweite Probleme haben die Vereinten Nationen bislang veranlaßt: im Jahre 1979 den Brandt-Bericht über das Nord-Süd-Verhältnis, zwei Jahre später den Palme-Bericht über gemeinsame Sicherheit und zuletzt 1987 den Brundtland-Bericht über Umwelt und Entwicklung.

Burgfriede im "Spiegel": Alles beim Alten

Eine Sturmfront zog am späten Montagnachmittag hinter dem Spiegel-Gebäude an der Ost-West-Straße auf. Doch drinnen im hellerleuchteten Hochhaus hatten sich zu diesem Zeitpunkt die Gewitterwolken, die das Binnenklima störten, schon wieder verzogen.

Grüne Parteidebatte: Papier-Lösung

Ein „Aufbruch“ sollte es werden, zu dem dreizehn aufrechte Grüne am vergangenen Wochenende nach Mainz geladen hatten, ein Ausbruch auch aus dem sterilen Blockdenken – hie Fundis, dort Realos und in der Mitten die vom Flügelstreit gelähmte Basis der grünen Partei.

Wolfgang Ebert: Schneelos

Von dem beschämenden Eingeständnis Stoltenbergs, der Bundesrepublik fehlten 40 000 t Schnee, sie stehe damit vor einem Rekord-Schneedefizit, fühlen sich sogar seine eingefleischten Anhänger wie von einem eisenharten Eiszapfen am Kopf getroffen.

Vertrauen verspielt

Ruth Leuze, für deutliche Worte berühmte und bei der Verwaltung entsprechend wenig beliebte Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, drückte sich zurückhaltend aus: Sie warf in ihrem jüngsten Tätigkeitsbericht dem Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) eine „maßlose Überreaktion“ vor, nachdem sie herausgefunden hatte, daß in einer speziell für Staatsfeinde und Terroristen angelegten LKA-Datei mehr als 150 Volkszählungsgegner gespeichert waren.

„Ich wollte neue Unruhen vermeiden“

Neuer Streit um die Hamburger Hafenstraße: Die CDU-Opposition wirft Umweltsenator Jörg Kuhbier (SPD) vor, er habe als Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) verhindert, „Stromdiebstähle“ der Hausbesetzer zu stoppen.

Paris: Erich Honeckers Schachzüge

Den ersten Schachzug vollführte Honecker kurz vor seiner Ankunft: Der DDR-Staatsratsvorsitzende veröffentlichte jenen Brief vom 16.

NAMEN UND NACHRICHTEN

Verhaftung im Fall „La Belle“. Knapp zwei Jahre nach dem Bombenanschlag auf die Westberliner Discothek „La Belle“ wurde in der Nacht zum Montag die 27 Jahre alte Christine Gabriele Endrigkeit unter dringendem Tatverdacht in Lübeck verhaftet.

Afghanistan: Sowjetischer Truppenabzug in Sicht

Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse leitete mit seinem ersten Auslandsbesuch in diesem Jahr in Kabul eine neue Phase der Beziehungen zwischen beiden Ländern ein.

BONNER BÜHNE: Offen, offener, offenst...

"...Es gibt viele Möglichkeiten, ich bin da ganz offen"; "Wir sehen diesen Gesprächen mit großer Offenheit entgegen" (Helmut Kohl zur Zusammenarbeit mit Moskau).

Der Reformer Dubček

Er konnte sich nicht verstellen, aber seine Redlichkeit hatte viele Gesichter, auch an jenem Abend. Die quälenden Ahnungen, die ihn sein Glaube nicht aussprechen ließ, zogen damals schon eine scharfe Furche über die Wange abwärts, wenn er mit fast geschlossenen Lidern zuhörte.

„Die Niederlage selbstkritisch analysieren“

Die sowjetische perestrojka hat das Reformprogramm des „Prager Frühlings“ de facto rehabilitiert, und zwar unabhängig davon, was darüber Michail Gorbatschow selbst sagen kann oder will: Wenn aus der Angst vor der Verantwortung für die verheerende „Normalisierungspolitik“ trotzdem in Prag und zum Teil in Moskau die alten Lügen wiederholt werden, muß man sich dagegen wehren.

Hamadi-Prozeß: Er scherzt und schweigt

Der Reporter aus Übersee ist offensichtlich nicht ganz richtig informiert. „Where is the hijacker?“ fragt er, wo ist der Flugzeugentführer? Zu seiner Enttäuschung muß er darüber aufgeklärt werden, daß hier nicht der Hijacker, sondern nur sein Bruder vor Gericht steht.

Während der Kieler Untersuchungsausschuß seine Arbeit abschließt, geht die Diskussion um die Rolle der Presse in der Affäre weiter. Nicht zuletzt die Verwicklung des Springer-Konzerns in die Kieler Machenschaften wirft die Frage auf, nach welchen Regeln im deutschen Journalismus eigentlich gespielt wird.: Der Preis der Wahrheit, die Gesetze des Marktes

In Ben Hechts Theaterstück "The Front Page", dreimal verfilmt, gibt es einen Chefredakteur namens Walter Burns, der fast in jeder Szene gegen die geschriebenen Gesetze der Menschen und die ungeschriebenen Gesetze der Journalisten verstößt.

Ein Schritt zurück

Es ist wahrlich an der Zeit, den „Reichsarbeitsminister“ abzuschaffen. Denn noch immer geistert ein Nachfolger von Franz Seldte, der 1945 nach dem Ende des Hitler-Regimes abgedankt wurde, als Phantom durch die Arbeitszeitordnung, muß untersagen, genehmigen, anordnen für „Gefolgschaftsmitglieder“ und „Betriebsführer“.

Planlos auf Pump

Vor einem halben Jahr, als das Bundeskabinett über dem Budgetentwurf brütete, fuhr der SPD-Finanzexperte Hans Apel schweres Geschütz auf: „Wenn der Haushalt 1988 entsprechend den Grundsätzen von Haushaltswahrheit, Haushaltsklarheit und Vollständigkeit aufgestellt wäre, müßte Herr Stoltenberg schon heute für 1988 eine Neuverschuldung von mindestens 32 Milliarden Mark ausweisen.

Bonner Kulisse

Auch wenn er jede Auskunft zur Sache verweigert: Wirtschaftsminister Martin Bangemann ist – trotz eindringlicher Bitten seiner Partei, in Bonn zu bleiben – definitiv entschlossen, nach Brüssel an die Spitze, der Kommission der Europäischen Gemeinschaften zu wechseln.

Ein Zaubertrank von Miraculix?

1992– ein historisches Datum? Fragtman einen Spanier, dann wird die Antwort heißen: 500. Jahrestag von Kolumbus’ Ankunft in Amerika oder Weltausstellung in Sevilla.

Zeitliches aus Italien: Aus dem Kakao wird keiner schlau

Kann sich jemand die Markenrechte für ein Produkt sichern, das nicht existiert, gerade weil er will, daß es nie gehandelt wird? Diese kuriose Frage beschäftigt derzeit die italienischen Wettbewerbsrechtler.

Zeit und Geld: Franken für Moskau

Wer Sinn für das Besondere hat, der kann sich vom kommenden Dienstag an eine Anleihe der Sowjetunion zulegen. Seit die Zeit der Zaren vorbei ist, haben sich die Sowjets zwar immer wieder mit Kreditwünschen an westliche Banken gewandt, nie indes an Privatanleger.

Zeit-Börse: Commerzbank schließt glänzend ab

Das vergangene Börsenjahr war turbulent. Vor genau zwölf Monaten traten die drei Teilnehmer der ersten ZEIT- Börse in optimistischer Stimmung an, um ihr Startkapital von 100 000 Mark mit wohlüberlegten Aktiengeschäften zu vermehren.

MANAGER UND MÄRKTE

Die privaten TV-Kanäle kommen allmählich aus ihrem einstigen Kabel-Getto heraus. Seit die Bundespost auch terrestrische Frequenzen für sie aufgetan hat, kommen sie auch beim Publikum besser an.

Noch große Dunkelfelder

Kellermann: Sehr gut sogar. Es soll ja über das gesamte Bundesgebiet ein Netzwerk von strafrechtlich relevanten Informationen aufgebaut werden.

Schreibmaschinen-Täter

Journalisten im Dritten Reich und danach: eine vergessene Vergangenheit, eine unwillkommene Debatte

Zeitmosaik

Der Körper: kurz, aber kolossal. Der Kopf: kugelrund, zur selben Zeit komisch zerfurcht und philosophisch zerklüftet. Der ganze Mann eine gelungene Verbindung von Zwerg und Riese, kurzum: eine märchenhafte Erscheinung.

Kunstkalender

Bernhard und Anna Blume sind Schauspieler in eigener Sache. Der alltägliche Wahnsinn ist ihr Thema. Sie posieren vor ihrer Kleinbildmotorkamera, um die Saga vom „Trauten Heim“ in Schwung zu bringen.

Filme

Reno, Nevada 1959. Dies, sagen sie dort, sei der Hinterhof Gottes, ein Ort zum Zurücklehnen und Entspannen, das Paradies der Spieler und Scheidungswilligen.

Kino: „Der Sizilianer“ von Michael Cimino: Ein Volksheld erster Klasse

Als alles vorbei ist und der Kampf verloren, als die Miliz die Stadt besetzt und Giulianos Bande sich zerstreut hat, als die Bosse, die Bonzen und die Kardinäle ihr Machtwort gesprochen und die gläubigen Zuschauer begriffen haben, daß sich niemals etwas ändern wird in Sizilien, in Jahrhunderten nicht – da klingelt das Telephon.

Postmoderne Maskenspiele

Facelifting“? Das Wörterbuch übersetzt es begütigend mit Gesichtsschönheitspflege. In Wahrheit aber sind wir hier Zeuge einer Umkleideszene.

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