Auf geschickte Art und Weise versuchte Erich Honecker bei seinem Staatsbesuch in Paris, Frankreich und die Bundesrepublik gegeneinander auszuspielen.

Den ersten Schachzug vollführte Honecker kurz vor seiner Ankunft: Der DDR-Staatsratsvorsitzende veröffentlichte jenen Brief vom 16. Dezember, in dem er Helmut Kohl vorgeschlagen hatte, auf die Modernisierung aller in Deutschland stationierten Kurzstreckenraketen zu verzichten.

Während Honecker damit in der Bundesrepublik Anklang fand, roch es den Franzosen allzusehr nach einer „dritten Null-Lösung“ und einer allmählichen „Denuklearisierung Europas“, die Sie entschieden ablehnen. Gleich bei ihrer ersten Unterredung kamen denn auch François Mitterrand und Erich Honecker darauf zu sprechen.

Der französische Präsident betonte, daß die Abrüstung bei Interkontinentalraketen sowie chemischen und konventionellen Waffen Vorrang habe: Wer die Debatte über die Kurzstreckenraketen vor der Zeit eröffne, störe den gesamten Abrüstungsprozeß.

Während Frankreich jeglichen Abbau der Kurzstreckenraketen ablehnt, verwies Honecker auf die „positiven“ Stellungnahmen bundesdeutscher Politiker zu seinem Brief. Selbst ein so konservativer Mann wie der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, sei in dieser Hinsicht durchaus aufgeschlossen.

Dregger als Kronzeuge Erich Honeckers: Der Argumentationswitz des SED-Chefs nötigte den Franzosen schmunzelnde Bewunderung ab. Und doch war ihnen Honeckers Bestreben, deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten in der Rüstungskontrolle herauszustellen, etwas unheimlich.

Kurz Vor den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysee-Freundschaftsvertrages durch Adenauer und de Gaulle ließ es sich der Gast aus der DDR nicht nehmen, den Meinungsunterschied zwischen Bonn und Paris hervorzuheben. Ein französischer Diplomat argwöhnte: „Man kann sich fragen, ob Honecker nicht den Zweck verfolgte, Verwirrung zu stiften in den Beziehungen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik.“