Stich im Kopf

Er ist blond und beweglich, trinkt Perrier-Wasser und Whisky. Er stellt sein Westglas in die Spülmaschine und räumt eine Tages- und eine Wochenzeitung vom Küchentisch. Er trägt ein italienisches Jackett ohne Hemd und Turnschuhe zu Bundfaltenhosen. Wenn diesem Mann die Freundin davonläuft, greift er verzweifelt zum Siemens-AEG-Telefon (Modell 1936), um den aufgedrängten Trost einer anderen Freundin abzuwehren. Gegen dieses Mustertier neutraler Gutartigkeit hat eine Frau, die Traude heißt, keine Chance. Felix ist wie die Dinge, mit denen er umgeht, ein Markenzeichen. Sein Schicksal ist hier der Gegenbeweis seines Namens, kein Glücksversprechen. Nur der Vorspann staucht ihn graphisch zusammen. Was folgt, ist das alte Wunder einer Wiederauferstehung. Geknickt, doch ungebrochen, leidlich und munter zappelt Felix, der moderne Mann schlechthin, von Episode zu Episödchen durch den heilen Film.

Bevor er aufbricht in die weite enge Welt der exotischen Singles, muß er die Scharte des Verlassenseins mit der Feile der Selbstgerechtigkeit auswetzen. Felix verheddert sich in seinen Ausreden und in der Telephonschnur. Bald zieht er die Stücke der Erinnerung an die Verflossene durch die halbe Wohnung. Alles glänzt da so fabelhaft, daß kaum etwas an Flächen haftet. Dieser Mann mag Knautschzonen haben, über Charakter verfügt er nicht. Um das Gewicht der heimlich lastenden Angst gleichmäßig zu verteilen, springt er von einem Bein auf das andere. Felix trainiert die Trauer, ohne sie zu erleiden.

Ein Ausflug nach Hamburg und Sylt soll Abwechslung vom alten Ego bringen. Aber selbst am Horizont der Nordsee geht die Sonne beseufzt von Liebespaaren unter. Die Klage-Arie des Orpheus "Ach, ich habe sie verloren" wattiert ironisch aus, was schmerzen müßte. Doch ist Felix keiner, der allein bleibt. Dieser glatte Springinsfeld wird von allen Frauen im Film geliebt; unweigerlich auch von den Regisseurinnen, die ihn auf eine Ausnüchterungstour schicken. Hart fällt er nie. Der ewige Schwadroneur, der Windhund und Witwentröster hat stets ein Lied auf den Lippen, das selbst im Kind einer lesbischen Freundin die Sehnsucht nach dem Vater erweckt.

Felix ist konkurrenzlos in allem, was er tut. Die anderen Männer dieses Films sind in der Regel betrunken, häßlich oder neidisch hinter dicken Brillen. Am Ende schwafelt er den Weltgeist herbei, dann hat er die wildeste Nacht seines Ausflugs hinter sich. Prince Charming bricht die Herzen der stolzesten Frauen, ohne einen Finger krumm zu machen. Die Blonden, die Braunen, die Hungrigen, die Schüchternen, – unentwegt entfaltet der Film einen Leporello weiblicher Schwächen, an denen sich Felix, die männliche Verunsicherung, souverän aufrichten darf.

"Felix" ist eine Komödie, in der die Liebenden ungestraft verrückt spielen, bis sie Witze über die Psychiatrie zum besten geben. Dann straft sie das eigene Rollenspiel. Diese Komödie hat Angst vor mangelhafter Komik. Sie verfügt daher über eine eingebaute Lachanleitung, die das Doppeldeutige in die seligen Gefilde der Umstandslosigkeit zurückpfeift.

Eine Frau ißt gern Eis. Sie beschreibt eine geläufige Sensation beim Genuß der kalten Speise, den Stich im Kopf. Ach so, sagt Felix: einen Stich im Kopf, und fährt mit einer Geste seiner dummen Unterstellung nach. Das ist ein Stich ins Herz der Komödie. Oder: Ein Betrunkener in einer Currywurstbude lallt die wirkungstheoretische Einschätzung seines Auftritts heraus: "Saukomisch, was?", und der gut aufgelegte Felix pflichtet ihm bei: "Gelungener Abend!"

Lange gab es keinen deutschen Film, der so desinteressiert und fahrig Menschen und Schauplätze zusammenschustert wie dieser. Statt in die Naturschutzgebiete nordfriesischer Inseln hätte man Felix zum Ausspannen in einen Lubitsch-Film schicken können. Die Einsicht, daß man von der Liebe handeln kann, ohne sie mit einem Sterbenswort zu erwähnen, hätte diesen so locker verstockten Mann ohne weitere Anstrengung zur Räson gebracht.

Stich im Kopf

Ulrich Tukur ist in allen Episoden Felix. Er ist ein guter Theaterschauspieler. Dem Filmzuschauer kann er nur leid tun. Er müht sich in jeder Einstellung so ab, als hätte er Angst, die Cutterin würde ihn zur Strafe für seine Penetranz auf immer in die Totale verbannen. Doch wenn er singt und steppt, ist er ein netter Entertainer. Man sollte ihm einen Revuefilm anvertrauen und keine Show à la "Ein Kessel Buntes" zumuten.

Dieser Omnibus-Film wird in Buch und Regie verantwortet von Christel Buschmann, Heike Sander, Helma Sanders-Brahms und Margarethe von Trotta. "Felix" ist eine Synthese des widerstandslos hingenommenen Mannes, also eine vorhersehbare Antwort auf den Film "Männer". Man sollte eine Fortsetzung ausloben, in der die altbackene Traude neudeutsch als Felice auftritt. Das hochbegabte Kurzfilmteam "Anarchistische Gummizelle" hätte dafür eine großzügige Gremienförderung verdient. Karsten Witte