Von Andreas Kilb

Es wird kalt im Zimmer, als Fred das Fenster aufmacht. Draußen liegt die Fabrik wie ein stählernes Schloß. Nachtschicht. Früher hat Fred da drinnen an den Stahlwalzen gestanden, mit den anderen, die immer noch da sind. Für die sieht es schlecht aus, hat der Vorarbeiter gesagt: immer mehr Maschinen, immer weniger Mensehen. Wie gut, hat er gesagt, daß du rechtzeitig den Absprung geschafft hast, Fred.

Vor drei Jahren ist Fred abgehauen, nach Sierra Leone, wo einer wie er noch sein Glück machen kann. Jetzt ist er wieder da, mit ein paar tausend Mark in der Tasche und den Photos von Rita, die ein bißchen naß geworden sind, als er sie noch einmal angeschaut hat. Rita hat jetzt einen anderen. Fred ist jetzt ein anderer. Er wohnt im „Royal“ für vierzig Mark pro Nacht und betrachtet die Fabrik.

„Ein deutsches Abenteuer“ verspricht das Kinoplakat zu Uwe Schraders Film „Sierra Leone“, in einer Schrift, die fatal an die Werbeslogans einer bekannten Zigarettenmarke erinnert. Und dann sieht man dieses Bild: ein Mann, der von seinem Hotelzimmer aus ein Stahlwerk anschaut. So schaute man früher in den Mond. Nicht gerade aufregend, was da an Abenteuern zusammenkommt. In Gedanken liest man das Filmplakat noch einmal und unterstreicht dabei das entscheidende Wort: „Sierra Leone“, ein deutsches Abenteuer.

Rückblende, ein kleiner Exkurs. In einem anderen deutschen Film, in Alexander Kluges „Die Patriotin“, erscheint auf einer Schrifttafel ein Satz von Karl Kraus: Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ Und darunter steht in Großbuchstaben: DEUTSCHLAND. Man betrachtet das Wort, als läse man es zum ersten Mal.

Bildwechsel, Ende der Einblendung. Morgen wird Fred wieder unterwegs sein, vielleicht nach Sierra Leone, vielleicht nirgendwohin. Noch einmal, zum Abschied, steht er am Fenster und schaut hinaus. Ein Stahlwerk im Lampenlicht: früher nannte man das schön. Das ist lange her. Bald wird das Werk ein Industriedenkmal sein, und die Besucher werden seine Schönheit wiederentdecken. Dazwischen liegen Freds verpfuschtes Leben und die Szenen eines Films.

Sierra Leone, Deutschland. Je näher man diese Bilder ansieht, desto ferner sehen sie zurück.

Auf dem Schiff nach Europa kauft Fred (Christian Redl) ein neues Portemonnaie. Auch die Geldscheine, die er hineinsteckt, sind nagelneu. Fred möchte wieder anfangen, jetzt, nachdem die Schulden bezahlt sind: ein deutsches Leben, zweiter Teil. Aber Rita (Constanze Engelbrecht), seine Frau, ist älter geworden. Warum hast du mir nie geschrieben, sagt sie. Drei Jahre ohne ein Wort, das hält keiner aus.

Da ist noch Vera (Rita Russek). Die hat ihn einmal geliebt. Vor der Fabrik gehen die beiden auf und ab und reden; später, als ihnen nichts mehr einfällt außer „Prost“, schlafen sie miteinander, Vera schenkt Fred eine Nacht und einen Abend, dann weint sie in seinem Auto, er fährt sie nach Hause, und es ist’vorbei.

Die Kumpel vom Stahlwerk duschen gerade, als Fred vorbeikommt. Er gibt eine Runde Bier aus, sie lassen ihn hochleben, dann ist der Spaß vorüber. Sie haben Arbeit, und er hat Geld. Jeder wäre gern an seiner Stelle. Deshalb meiden sie ihn.

Fred und Alma: eine neue Geschichte. Alma (Ann-Gisel Glass) arbeitet im „Royal“, das noch schäbiger ist, als sein Name verspricht. Ein Mädchen aus Frankreich, eine Liebe aus Deutschland. „Hans-Dieter“ steht unter der Drachentätowierung auf ihrer Brust, die sie den Gästen des „Royal“ gelegentlich als besonderen Service des Hauses vorführt. Hans-Dieter sitzt im Gefängnis, das Kind, das er ihr gemacht hat, lebt in einem Schwesternheim. Alma, Seele, heimatlos,

Das klingt nach einem Film für Leute, die ihr schlechtes Gewissen ins Kino tragen. Aber „Sierra Leone“ fleht nicht um Mitleid für Fred, Alma, Rita, Vera und die anderen. Klaus Müller-Laues Kamera schaut nicht auf sie herab, sondern mit ihnen zu uns herunter; Auf einmal werden diese Geschichten, mit denen man sonst am Tresen die späten Gäste vertreibt, riesengroß.

Bigger than life, das ist das alte Versprechen des Kinos. Hier wird es eingelöst: aus der Untersicht. Uwe Schraders Film erzählt von einem Leben, in dem es noch Schicksal gibt, Rachsucht, Haß, Heimkehr und Verlassenwerden. Die Memoiren eines Aufsichtsrats sind dagegen kalter Kaffee. In den oberen Etagen hat das Gerede längst die Lüste und Launen gezähmt. Der Tankwart versteht mehr von Tragik als der Theaterabonnent. Dem läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn er zum zehnten Mal Othellos Monolog hört. Der Tankwart geht nach Hause und erwürgt seine Frau.

Solche Geschichten stehen dann nicht im Feuilleton, sondern unter „Vermischtes“. Schrader dreht Filme, in denen diese Mischung zündet „Sierra Leone“ ist modernes Kino im Wortsinne, Kino des Vergänglichen, Alltäglichen, Vorüberfließenden, antimythisches Kino, einfach, hart und genau. Niemand sammelt hier Vorbilder, Gesten edle Sätze, niemand posiert. Und alles bewegt sich.

Klare, einfache Abläufe, Bilder ohne Koketterie Das fahle Licht der Kneipen am Morgen, wenn nach den letzten Schnäpsen die ersten bestellt werden. Der Reißschwenk, der Fred und Rita trennt als sie sich zum letzten Mal sehen. Der Türke an der Tankstelle, dem niemand seinen Tausendmarkschein wechselt. Die türkische Hochzeit, bei der das Brautpaar mit Geldscheinen behängt wird Fred und Alma, die engumschlungen tanzen. Fred und Alma, die zusammen losfahren, um nie mehr zurückzukehren. Fred und Alma im Hotel. Dann nur noch Fred. Dann nichts mehr.

„Wenn wir jetzt wieder um den Begriff ‚Schönheit‘ herumrätseln, fällt mir ein: Andy Warhol hat mal gesagt, ‚alles ist schön‘.“ Daran hält er sich. Gegen das Gelackte, Geglättete, die kunstgewerbliche Perfektion des neueren Unterhaltungskinos ist Schrader allergisch. „Aber die meisten Leute setzen sich in diesen dunklen Raum und suchen sich auf der Leinwand jemanden aus, mit dem sie mitleiden können... fast immer wird über Themen diskutiert, nicht darüber, wie etwas gemacht ist.“

Uwe Schrader, Jahrgang 1954, ist mit Filmen großgeworden, denen man ansieht, wie sie gemacht sind: „Mean Streets“ von Martin Scorsese, „Hundstage“ von Sidney Lumet, „Nashville“ von Robert Altman, „Ehemänner“ von John Cassavetes. Damals, Anfang der siebziger Jahre, entdeckten ein paar amerikanische Filmemacher ein neues, fremdes Land: das eigene. Damals brachte das Kino Chaos in die Ordnung, die es selber geschaffen hatte. Später nannte man dies „New Hollywood’. Da hatte das alte Hollywood schon wieder triumphiert.

1976 ging Schrader aus Hamburg, wo er sein Designer-Diplom erworben hatte, nach Berlin, um an der Deutschen Film- und Fernsehakademie zu studieren. Wie die meisten Regiestudenten hat er mit dokumentarischen Kurzfilmen angefangen; aber seine filmischen Skizzen sehen nicht wie die Arbeiten eines Neulings aus, sondern wie Gelegenheitsarbeiten eines Könners. In „Arbeit für die letzte Ruhe“ filmt Schrader ein Krematorium. Man sieht einen Mann, der die Asche aus dem Verbrennungsofen holt, Sargnägel und Holzteile heraussortiert, die Totenknöchelchen und den Staub durch einen Trichter in die Urne gießt und eine Erkennungsmarke darauflegt. Kurz darauf holt der gleiche Mann ein Kunstrad unter seinem Tisch hervor und beginnt, auf dem Krematoriumsfußboden Pirouetten zu drehen. Niemand hätte eine solche Szene erfinden können.

Aufnehmen, festhalten, dokumentieren: das ist das Essentielle. „Kein Kommentar, keine Interviews, sondern Abläufe von Ereignissen.“ Nur noch Auge sein, wachsame Registratur. Und selbst der Kunst den Schleier nehmen, das Geschönte, Erzwungene. Schrader dreht nur mit Handkameras. „Dadurch bist du viel schneller und kommst mit einem kleinen Team aus.“ Sein Lieblingswort: Lebendigkeit. Das Kino: ein Zeugnis. Uwe Schrader hat alle Talentproben bestanden.

1983 drehte er seinen Abschlußfilm für die Akademie: „Kanakerbraut“. Budget: dreißigtausend Mark. Hymnische Kritiken, Bundesfilmpreis, Teilnahme an Festivals in aller Welt. Eine Geschichte ohne Anfang und Ende, zwischen Biertisch und Matratze, Treppenhaus und Hinterhof. Berlin-Kreuzberg: ein Kino-Ort, aus Splittern vieler Orte zusammengesetzt. „Viele Leute erzählen mir, in „Kanakerbraut“ hätten sie Kreuzberg gesehen, aber was haben sie da wirklich wahrgenommen? Ein paar flackernde Neonherzen, eine Peep-Show, ein paar Mauern... sonst ist alles drinnen gedreht. Und trotzdem entsteht der Eindruck, man hätte alles gesehen.“

Schräder lebt zusammen mit Brigit Gruse, die Kostüme und Ausstattung seiner Filme besorgt hat, in einer nicht gerade protzigen Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Er produziert und schneidet seine Filme selbst, er genießt die Freiheit, „machen zu können, was ich will – in bestimmten Grenzen“. „Sierra Leone“ hat weniger als eine Million Mark gekostet. Dafür kann man bestimmt keinen superschnellen Krimi drehen. Aber einen der gelungensten Filme, die das deutsche Kino der achtziger Jahre zu bieten hat.

Deutschland: eine Montage. Das Stahlwerk aus „Sierra Leone“ hat Schräder in Mannheim aufgenommen, das Hotel „Royal“ in Berlin, die Liebesszene zwischen Fred und Vera drehte er im eigenen Bett. Die Probeaufnahmen fanden im „Alten Görlitzer“ statt, der Kneipe aus „Kanakerbraut“, eine Restaurantszene entstand zur Hälfte beim Thailänder gegenüber, und die Polizisten, die die türkische Hochzeit stören, kennt Schräder aus seinem Dokumentarfilm „Kein Mord – Kein Totschlag“ über den Alltag einer Polizeiwache in Wedding. Manche Schauplätze in „Sierra Leone“ sind aus Orten zusammengesetzt, die Hunderte von Kilometern auseinanderliegen. Ein deutsches Puzzle, am Schneidetisch ineinandergefügt. Jedes Teil hat sein Eigenleben. Aber wenn sich das Zerstreute doch endlich sammelt, zur Phantasie eines Raumes wird und eine Geschichte in Bewegung setzt – dann nennt man das: Kino.

Nach Sierra Leone werden sie nicht kommen. Fred und Alma fahren eine Weile im Zickzack übers Land, dann geht das Auto kaputt, im „Gasthof Stadt Kiel“ finden sie ein erbärmliches Quartier. „Wird’s Ihnen nicht langweilig hier?“ fragt Fred den zitternden alten Mann, der an der Theke steht. Auf einmal hat er genug von Deutschland. Draußen vor dem Gasthof steigt er in den ersten, besten Lastwagen, der hier anhält. Drinnen sucht Alma nach ihm. Auf dem Tresen liegt das Geld aus Sierra Leone. Irgendwo klingelt ein Telephon. Ein Frühlingsabend. Abspann.

Deutschland im Film: Ausfallstraßen, Landschaftsfetzen, Vorortkneipen, Biertische, Gänge, Gesichter. Ein Land aus Fragmenten, ein unwirklicher Ort. Und doch ist es so, als hätte man alles gesehen.