Von Willi Germund

Port-au-Prince, im Januar

Frantz, ein Maurer, lebt in dem Dorf La Borde, rund zweihundert Kilometer südöstlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Am vergangenen Sonntag versteckte er sich: "Ich hatte Angst, die Armee würde mich aus meinem Haus holen und zum Wählen zwingen." Wählen aber wollte Frantz auf keinen Fall. Er war kein Einzelfall; von den eintausend Einwohnern seines Dorfes fanden nur vierzig den Weg zur Urne. Sogar die Kirchen blieben geschlossen, um zu verhindern, daß die Armee die Gläubigen anschließend einsammelte und zum Wahllokal schleppte.

Am 29. November dagegen hatten die Leute von La Borde noch in langen Schlangen und im Sonntagsstaat vor dem Wahllokal gestanden. Es sollte, so hofften sie, die erste freie Wahl seit dreißig Jahren werden. Statt dessen endete sie in einem Blutbad. Soldaten und Tontons Macoutes, die gefürchteten und verhaßten Schergen des am 7. Februar 1986 gestürzten Diktators Jean Claude "Baby Doc" Duvalier, schossen in die Wählerschlangen und ermordeten mindestens 34 Menschen. Der unabhängige "Provisorische Wahlrat" sagte den Urnengang schließlich ab.

Für den neuen Wahlgang, vom Militärregime unter General Henri Namphy veranstaltet, fand Frantz nur eine Bezeichnung: "Das sind Macoutes-Wahlen." Tatsächlich traf in La Borde alle Vorbereitungen der chef de seccion – der Polizeichef. Seinen Namen kennt niemand, in La Borde nennt ihn jeder den "Sohn von Benito", und Benito ist ein alter Tonton Macoute. Das Innenministerium unter General Williams Regala wollte eigentlich ihn Mitte 1987 zum Polizeichef von La Borde ernennen. Nach Protesten der Dorfbewohner bestimmte das Ministerium dann Benitos Sohn zum chef de seccion.

Macoutes-Wahlen waren es für die Bewohner von La Borde außerdem, weil – wie in alten Duvalier-Zeiten – nur ein Präsidentschaftskandidat gewählt werden konnte: Leslie Manigat, Führer der Demokratisch National-Progressiven Sammlungsbewegung (RDNP). Von den anderen zehn Mitbewerbern lagen keine Stimmzettel an der Urne aus. "Dreitausend Dollar mußte ich bezahlen", erklärte der frühere Freund von François "Papa Doc" Duvalier, dem Begründer der haitianischen Familiendiktatur, "um mit einem kleinen Flugzeug meine Stimmzettel im ganzen Land zu verteilen." Das von General Namphy erlassene Wahlrecht schreibt vor, daß alle Kandidaten ihre Stimmzettel selbst drucken und verteilen. Das gleiche galt für die 195 Bewerber um die 77 Parlamentssitze und die 48 Anwärter auf 27 Senatsplätze, ferner für die zahllosen Kandidaten bei den ebenfalls stattfindenden Kommunalwahlen.

Niemand scheint bei der Verteilung der Stimmzettel so erfolgreich gewesen zu sein wie Manigat und seine Partei, die mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammenarbeitet. Während in jedem Wahllokal ausreichend Zettel für den wohlbeleibten Politologen und Absolventen der Pariser Sorbonne bereitlagen, waren die zehn Konkurrenten nur unregelmäßig vertreten. Was nicht verwundert, wenn stimmt, was französische Diplomaten zu erzählen wußten: Danach hatte die Armeeführung die Soldaten, die am Sonntag die Stimmlokale bewachten, angewiesen, die Wahl "zugunsten von Manigat" zu manipulieren.