Irgendwann, und da sind wir alle, auf der Bühne und im Parkett, schon recht tief versunken in der dritten und letzten Stunde des Abends, springt plötzlich einer (von der Bühne) auf und ruft uns wie eine panisch-komische Offenbarung entgegen: "Dies ist der einzige Staat, den wir haben ...!" – worauf sich die Stimme des Schauspielers und die Stimmung im Publikum sogleich zu überschlagen beginnen, ein Gelächtersturm tobt durch die Münchner Kammerspiele und fegt die folgenden Sätze noch mit-hinweg:"... es gibt keinen anderen (Staat), auch keinen besseren. Er hat uns gemacht, und wir haben ihn gemacht."

Dankbarer kann am Theater nicht gelacht werden. Aber nicht so sehr, weil jener schönen Erkenntnis auch kein Georg Wilhelm Friedrich Hegel und kein Ernst-Dieter Lueg zu widersprechen hätte. Sondern eines Kunststücks wegen. Der Ausspruch (und Ausbruch) nämlich stammt von einem hageren jüngeren Herrn, den wir eine Stunde zuvor erstmals im Bett erlebt hatten, allerdings in Hemd und Hose noch und von seiner Lebensgefährtin aus einem kurzen Kater-Schlaf gerade in den Wachzustand des politischen Katzenjammers versetzt. Auch im Verlaufe der hier angebahnten (eheähnlichen) Auseinandersetzung verkündet, beschwört, beschreit uns der Herr im Hemd mit Namen Ernst Grobsch, was wir so bald nicht mehr bezweifeln werden: "Ich bin Abgeordneter des Deutschen Bundestages!", und dabei kniet er käsweiß mit braunen Socken und baumelndem Schlips inmitten seines Bonner Kissenlagers, die Hornbrille aufs Nasenbein gestippt, schweißstrahlend, da es ihm, halb Dr. Murke, halb Dr. Geißler, irgendwie körperlich-moralisch und sehr heftig um die Versöhnung von Liebe, Macht und Menschlichkeit geht.

Klamotte und Kolportage? Kabarett als Schauspielkunst? Bevor wir antworten können, wirft sich im Theater die Gefährtin über ihren "Proleten mit Soziologengesicht", und der will immer wissen, "bin ich dein Grobsch?". Sagt sie ihm drauf unter Küssen und Ohrenknabbern, "ja, du bist mein Grobsch", – dann zeigt das im Zusammenspiel von Edgar Selge und Cornelia Froboess eine so idiotisch große Komik, wie sie bisweilen nur eine Paarung aus Irrwitz und Wirklichkeit hervorbringt. Oder die Verbindung von Humor und Humanität. Wir sind bei Heinrich Böll.

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Mit Wehmut und natürlich Respekt hatte die Literaturkritik 1985 den posthum publizierten Band "Frauen vor Flußlandschaft" aufgenommen. Verständlicherweise plädierten die ersten Leser, allen voran Reinhard Baumgart und Joachim Kaiser, für die Grundmelodie des Textes: eine Elegie über den Bonndeutschen Nachkriegsstaat, der voller Lebenshunger und Tod-und-Mordvergessen aufgebaut wurde, auf einem Gebirge aus Asche und Knochen, über das nun auch die Täter wieder emporstiegen. Die wahre und gewollte Melodie des Trauergesangs sollte vor allem gehört werden und nicht so sehr die vielen falschen Töne der Komposition.

Als der Schriftsteller an seinem letzten Buch schrieb, war er schon krank auf den Tod. Und Böll starb, im Sommer 1985, bevor "Frauen vor Flußlandschaft" (zu schnell?) als Buch erschienen war. Ob er im Manuskript oder auf den Druckfahnen noch wesentlich korrigiert hätte, wissen wir nicht. Aber sicherlich ist dieser "Roman in Dialogen und Selbstgesprächen", so der Untertitel, nicht vollendet gewesen.

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