Eine Schnapsidee und ihre Folgen: Die Winterspiele 1960 in den USA hatten noch familiäre Dimensionen

Von Dorothea Hilgenberg

Zwei Wochen hatte es gestürmt und geschneit. Dann, kurz nach dem Einmarsch der Nationen, öffnete sich der Himmel, die Sonne schien zehn Tage lang. Walt Disney inszenierte, und ergriffen lauschten die Zuschauer der Hymne "These Things Shall Be", die 2700 jugendliche Sänger, begleitet von einem 1500-Personen-Orchester, in das helle Eisstadion schmetterten. Vizepräsident Richard Nixon hielt eine Begrüßungsansprache. Amerikas Eisprinzessin Carol Heiss schwor Eid und Fairneß, und bevor ein gewaltiges Feuerwerk seine Funken versprühte, sprach der Schauspieler Charles Laughton mit tragendem Tonfall ein "olympisches Gebet".

18. Februar 1960: Die VIII. Winterspiele von Squaw Valley waren eröffnet. "Die großartigsten Winterspiele aller Zeiten", fand danach der Präsident des Internationalen Skiverbandes, "so perfekt organisiert, so ideal die Bedingungen", pflichteten ihm die anfangs noch skeptischen Sportjournalisten bei. "Das letzte olympische Wintermärchen", tickerte ein dpa-Korrespondent gerührt an seine Zentrale, vergaß aber nicht, auf den Vorboten eines tiefgreifenden Wandels hinzuweisen: "Die Elektronik hielt Einzug in Olympia." Damit meinte er Ramac, den Großcomputer, der nach den Wettbewerben in kürzester Zeit sämtliche Listenplätze errechnete.

Mit der "Ode an die Freude"

Die Fernsehgesellschaften hielten sich noch zurück, es gab kein Feilschen um Verträge und Lizenzen. Die europäischen TV-Reporter blieben zu Hause und interviewten die medaillengekrönten Nationalstars am Telephon. Nur Amerikas CBS war der Zeit bereits einen Schritt voraus und hatte sich für 50 000 Dollar die ersten Live-Übertragungen gesichert.

Es war das vorletzte Mal, daß die Deutschen bei Winterspielen gemeinsam auftraten. Lange war darüber gestritten worden – bis IOC-Boß Avery Brundage ein Machtwort sprach. Eine eigens für die Spiele entworfene Sportfahne flatterte über dem Siegertreppchen, intoniert wurde, wie gehabt, nicht Eisler und nicht Haydn, sondern Beethoven, die Ode "An die Freude". "Wenigstens im Sport", fand ein dpa-Korrespondent, "ist das natürliche Band der Volksgemeinschaft nicht zerrissen worden."