Da man noch mitten im Kalten Krieg war, ließ das amerikanische Außenministerium keine Journalisten „aus der Zone“ in den amerikanischen Westen, denn außer Propaganda und Polemik traute man jenen nichts zu. Doch auch ohne Ulbrichts Publizisten gerieten sich die Funktionäre der dort geeinten Nation immer wieder in die Haare. Über die Frage zum Beispiel, welcher Star von welcher Seite wann starten durfte. Allein die Olympioniken zeigten Sportsgeist und ließen sich die Freude am gemeinsamen Siegen nicht vergällen.

Schon am ersten Tag wurde unser Eislaufpaar Kilius/Bäumler für seine tadellosen Sprünge mit Silber belohnt. Den zweiten Tag erklärte man inoffiziell zum „Tag der Deutschen“: Helga Haase, Eisschnelläuferin aus Berlin-Ost, siegte im 500-Meter-Sprint, und die neunzehnjährige Heidi Biebl aus Oberstaufen, die mit Karacho den KT 22 heruntergejagt war, gewann Gold. Daß ein Postbote aus dem Schwarzwald, Georg Thoma, den Skandinaviern das Gold in der norwegischen Kombination abluchste, fand die Nation daheim ebenso aufregend wie den Triumph des Thüringers Helmut Recknagel, der in hohem Bogen über die 93-Meter-Marke hinausschoß.

Willy Bogner, ein Abiturient aus München, war Liebling der Amerikaner. Er hatte im Riesenslalom mit einem Höllentempo alles riskiert, dann aber durch den Sturz am 44. Tor, 200 Meter vor dem Ziel, alles verloren. Eine grazile Schülerin, die später bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommene Barbi Henneberger, holte sich am Pappose Mountain mit einer Minute und 56 Sekunden die Bronzemedaille im Spezialslalom und sicherte damit den Vorsprung unseres Alpin-Teams.

Squaw Valley war das Gegenteil von Europas mondänen Olympiastätten: eine kleine Siedlung, ein paar Liftanlagen, um die Sportler nach oben zu befördern, eine fast natürliche Sprungschanze, ein Eisstadion mit einer geschwungenen Holzkonstruktion als Dach. Daß sich die Sportler trotz ihrer bescheidenen Unterkunft in Vierbettzimmern so wohlfühlten, hatte nicht nur mit der perfekten Organisation und den phantastischen Schneeverhältnissen zu tun. Die Spiele in der Sierra Nevada hatten etwas Familiäres. Außer den Langlauf-Veranstaltungen waren die Austragungsorte nur Minuten voneinander entfernt: Squaw Peak, KT 22 und Pappose, daneben die Sprungschanze, Eisschnellaufbahn und Eisstadion gegenüber. Keine Funktionäre, keine Betreuer, nur die Sportler wohnten im Tal, nur für sie zauberte Walt Disney internationales Entertainment auf die Bühne der Cafeteria im Olympiadorf. Marlene Dietrich trat auf und war Gast der deutschen Mannschaft.

Mit ihren Spielen der Einfachheit hatten die Amerikaner eigentlich nur eine Not zur Tugend erklärt. Squaw Valley hatte vor 1955 mit einem Lift, ein paar Holzhäusern und einer Schlamm-Straße so wenig zu bieten, daß gar nichts anderes übrigblieb, als den Zauber in irdischer Bescheidenheit und wahrhaftem Sportsgeist zu entdecken. Die Rechnung ging auf. Ein weitgereister Ski-Star aus Österreich, Anderl Molterer, erzählte jedenfalls einem Reporter der Süddeutschen Zeitung, daß er sich bei „keinem Olympia bisher so wohlgefühlt“ habe: „Pfundig ist es heroben.“

Dabei war das Unterfangen zunächst nichts weiter als die Schnapsidee eines Geschäftsmannes. Alexander Cushing, ein Ex-Anwalt aus New York, hatte hier Land und später das Recht erworben, Liftanlagen für den Skisport zu bauen. Als er durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, daß das 50 Kilometer entfernte Reno sich für die nächsten Winterspiele bewerben wollte, beschloß er, das gleiche zu tun: „Weil es so einfacher war, in die Zeitung zu kommen. In Wirklichkeit hatte ich an den Spielen genauso viel Interesse wie der Mann im Mond.“

Zu seiner Verblüffung griffen der Gouverneur und kalifornische Wirtschaftsleute die Idee jedoch begeistert auf. Mit einem Gipsmodell von Squaw Valley begab sich Cushing 1955 zum IOC-Kongreß nach Paris, um dort, wie bald jedem klar war, das größte Geschäft seines Lebens zu machen. Mit der Unbefangenheit des Außenseiters trat er als Vertreter Kaliforniens vor die Herren des Olymp. Er muß den Flecken in der Sierra Nevada so überzeugend präsentiert haben, daß er zur völligen Überraschung der Sportwelt den Zuschlag bekam. Squaw Valley siegte mit 32 von 62 IOC-Stimmen gegen das bis dahin hochfavorisierte Innsbruck. „Er verkaufte Squaw Valley nicht als das, was es war, sondern“, schrieb die Time, „so, wie es hoffentlich bald sein würde.“