Von Meinrad Scherer-Emunds

Auf Plakaten vor ihrer Haustür und auf Handzetteln teilte die 62jährige Yoshi Sonobe ihrer Umgebung in Tokio mit, was ihr auf der Seele lag: „Eta und Hinin wissen ganz einfach nicht mehr, was gut und böse ist. So werden sie in allen möglichen Dingen aufmüpfig, als wären sie ehrbare menschliche Wesen. Da kann ich ja nur lachen.“

Die ungewöhnliche „Aufklärungsaktion“ war gezielt auf die Familie K. von nebenan. Familie K. gehört zu den Burakumin, Leuten aus dem Buraku (= Dorf, Viertel, Getto). Die Burakumin sind Japans größte Minderheit, sie zählen zwei bis drei Millionen in fünf- bis sechstausend über ganz Japan verstreuten Buraku-Bezirken. Die Schimpfworte Eta (voller Schmutz) und Hinin (Nicht-Menschen), mit denen Sonobe ihre Nachbarn verfolgt, waren zur Edo-Zeit (1603 – 1867) offizielle Amtsbezeichnungen für die kastenlosen Vorfahren der Burakumin.

Tatsukuni Komori, Generalsekretär der Buraku-Befreiungsliga, erklärt den historischen Hintergrund: „Diese kastenlosen Gruppen wurden damals geschaffen, um den Zorn und die Frustrationen der Bauern, der am meisten ausgebeuteten Kaste, zu manipulieren und sie gegen die Kastenlosen, die am meisten Verachteten, aufzubringen. So ermöglichte die Diskriminierung den Herrschenden eine effektive Gesellschaftskontrolle.“

Die Vorfahren der heutigen Burakumin wurden gezwungen, in bestimmten Gettos zu wohnen, sie mußten „niedere“ und aus religiösen Gründen als „unrein“ verachtete Berufe wie die der Gerber, Schuster, Metzger, Totengräber, Gefängniswärter und Henker ausüben; in manchen Gegenden wurden sie gezwungen, ein Lederabzeichen als Erkennungsmarke auf ihrer Kleidung zu tragen. Noch 1959 wurde in einem Gerichtsurteil entschieden, daß das Leben eines „Eta“ nur ein Siebtel des Lebens eines gewöhnlichen Bürgers wert sei.

Zwölf Jahre später wurden die Burakumin zu „Neu-Bürgern“ erklärt. „Das Emanzipationsedikt“, sagt der Japanologe Martin Kaneko, „bewirkte aber lediglich ihre Umwandlung von der niedrigsten Kaste im Feudalzeitalter zur untersten Klasse in der neuen kapitalistischen Gesellschaft.“

Auch heute noch leben die meisten Burakumin in Gettos, erhalten nur 60 Prozent des Lohnes, den Angehörige der übrigen Bevölkerung erhalten. Zwei Drittel haben keinen Abschluß einer weiterführenden Schule. Viele rackern sich in den kleinen Familienbetrieben ab, ohne deren unterbezahlte Zulieferung die vielgerühmten japanischen Großunternehmen gar nicht existieren könnten.

Yoshihiro und Sumie Seki im Buraku-Bezirk Nishi-Ku der Stadt Nagoya machen Heimarbeit für eine Schuhfabrik. Tagein, tagaus nähen sie beide zwölf bis dreizehn Stunden pro Tag Schuh-Oberteile. Für die 420 Paar, die sie im Monat abliefern, erhalten sie 210 000 Yen, so viel verdient ein junger, unverheirateter Angestellter in einem Großbetrieb alleine.

Die Lederverarbeitung war eine jener verachteten Beschäftigungen, die den Kastenlosen in der Edo-Zeit zugeteilt wurden. In Nishi-Ku stellten die „Eta“ unter anderem Trommeln und Lederausrüstungen für die Samurai-Krieger her.

Als eines der größten Probleme beklagt das Forschungsinstitut für Buraku-Befreiung in Osaka die nicht endende Reihe der Fälle von Diskriminierung. „Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen, und ihre Inhalte sind noch übler geworden.“ Immer schon mußten es sich Burakumin gefallen lassen, als „stinkende Eta und Hinin“ bezeichnet zu werden. Ein anderes Schimpfwort ist Yotsu („Vierfüßler“), das die Minderheit auf die Stufe von Tieren herabsetzt und auch als stummes Zeichen – vier erhobene Finger – verbreitet ist.

In anonymen Drohbriefen und als Graffiti auf den Wänden müssen Burakumin manchmal lesen: „Laßt uns die Eta abschlachten“, „Schickt sie in die Gaskammern“, „Burakumin sind unser Feind“ oder „Tötet Eta und Hinin“. Als Chikako Shimada und der Burakumin S. im vergangenen Jahr heiraten wollten, war die Antwort von Chikakos Eltern und ihrem älteren Bruder Masaomi – traditionell für den Fortbestand der „Familienehre“ verantwortlich – kurz und bündig: „Wenn Sie aus einem Buraku kommen, wollen wir nicht, daß Sie unsere Tochter heiraten.“

Verhandlungen zwischen S. und der Familie Shimada zogen sich über mehrere Monate hin. Schließlich wurde der Bruder, Beamter beim Städtischen Kunstmuseum, sehr deutlich: „Es ist ekelhaft, das minderwertige Blut von Burakumin mit der Familie Shimada zu vermischen.“ Chikako wohnte bereits mit S. zusammen und war im zweiten Monat schwanger, als ihr Bruder sie solange unter Druck setzte, bis sie einer Abtreibung und dem Abbruch ihrer Beziehung zu S. zustimmte.

Bis heute glauben manche Japaner, daß die Burakumin Nachkommen von Einwanderern oder Kriegsgefangenen vom asiatischen Festland sind. Mit diesem historisch unhaltbaren, aber über Jahrhunderte tradierten Mythos sollten die Kastenlosen zu „Anderen“ abgestempelt werden, die man um so leichter diskriminieren konnte.

Um festzustellen, ob ein möglicher Ehepartner für den Sohn oder die Tochter des Hauses auch keine „Schande“ bedeutet, ist es in Japan üblich, den Familienhintergrund zu erforschen. Eine Buraku-Herkunft ist in aller Regel ein Grund, die Beziehung abzubrechen. Der Postangestellte Ken Imabori, der vor einigen Jahren in Osaka heiraten wollte, mußte seine Pläne aufgeben, weil bekannt wurde, daß ein Vorfahre fünf Generationen zuvor aus einem Eta-Getto entflohen war.

Seit Anfang der siebziger Jahre ist es dank einiger Bürgerrechts-Organisationen für Privatpersonen schwieriger geworden, solche Nachforschungen in amtlichen Registern anzustellen. Doch findige Detektivagenturen schaffen Abhilfe; sie haben entweder eigene Buraku-Listen erstellt oder sich illegal in den Besitz von amtlichen Melderegistern gebracht.

Seit dem Bekanntwerden des ersten Falls vor zwölf Jahren hat die Buraku Befreiungs-Liga allein bei Firmen über zweihundert Exemplare ausfindig gemacht, auch bei Unternehmen mit weltberühmten Namen. Sie wurden vom Arbeits- und Justizministerium gerügt, gelobten Besserung, doch nur zum Schein. Die diskriminierende Beschäftigungspraxis hat sich in aller Regel nicht geändert.

Als der amerikanische Soziologe Roger Yoshino vor einigen Jahren Leute in der Umgebung von Tokio befragte, fand er: „Während viele über die Schwarzen und andere Minderheiten in Amerika gehört oder gelesen hatten, hatten relativ wenige objektive Kenntnis von dem Buraku-Problem.“

Umfragen unter der allgemeinen Bevölkerung haben weitverbreitete Ängste und Unbehagen im Umgang mit Burakumin „bei der Heirat“, „in nachbarschaftlichen Beziehungen“, „in der Schule“ und „bei der Einstellung von Beschäftigten“ zu Tage gebracht. Um dem entgegenzutreten, führen die Buraku Kaiho Domei, die Befreiungsliga, und mit ihr verbündete Menschenrechtsorganisationen eine Kampagne zur Verabschiedung eines „Grundgesetzes für Buraku-Befreiung“. Darin soll die Regierung unter anderem dazu verpflichtet werden, „Kenntnisse über das Problem der Buraku-Diskriminierung zu verbreiten und zu fördern sowie die Vorstellungen von den Menschenrechten durch erzieherische und kulturelle Aktivitäten zu verbessern.“ Daneben sollen Praktiken wie das Aufstellen von Buraku-Listen in einem Anti-Diskriminierungsgesetz unter Strafe gestellt werden.

Doch die Zusammenarbeit mit der gegenwärtigen Administration ist nicht die beste. Bis heute hat die japanische Regierung die UNO-Konvention über die Beseitigung aller Formen rassischer Diskriminierung nicht unterzeichnet. Eine Tatsache, die das Osakaer Forschungsinstitut zu der Klage veranlaßt: „Japan hat das zweitgrößte Brutto-Sozialprodukt. Doch auf dem Feld der Garantie der Menschenrechte ist Japan ,unterentwickelt‘.“

Vorletztes Jahr veröffentlichte eine Regierungskommission einen Bericht und einen Gesetzesvorschlag zur Buraku-Frage. Der Bericht stellt die Fortschritte, die die Befreiungsbewegung in den vergangenen 40 Jahren gemacht hat, in einem durchweg negativen Licht dar. Laufende Programme in den Buraku-Bezirken sollten bis auf wenige Ausnahmen eingestellt werden. Insbesondere die Praxis öffentlicher Denunzierung, die die Liga bei Fällen grober Diskriminierung übt, wird von der Regierungskommission verurteilt und sogar für das Fortbestehen von Vorurteilen verantwortlich gemacht.

Ein neues Gesetz für Buraku-Maßnahmen bewilligte zwar noch einmal Finanzmittel hauptsächlich für Sanierungsprojekte. Doch die Befreiungsliga meint, die grundlegende Tendenz habe sich nicht geändert: „Unterdrückung der Buraku-Befreiungsbewegung und Verfolgung einer Beschwichtigungsstrategie, die die Wurzeln der Diskriminierung bei den Buraku-Leuten selbst sucht. Dies stellt eine Umkehr des weltweiten Trends für die Verwirklichung der Menschenrechte dar.“