Von Ulrich Stock

Als die Entscheidung gefallen war, kam die Meldung gleich als erste in den Rundfunk-Nachrichten: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München hat den Bebauungsplan für die atomare Wiederaufarbeitunganlage Wackersdorf aufgehoben. Natürlich ist dies ein Ergebnis der Arbeit unabhängiger Richter, eines engagierten Rechtsanwaltes, sachkundiger Gutachter und der Oberpfälzer Bürgerinitiativen, die das Geld für die Prozeßkosten sammeln. Und doch ist es noch mehr: das Verdienst eines einzelnen Mannes aus Altenschwand, Gemeinde Bodenwöhr. Michael Meier, 53 Jahre alt, im Nebenberuf Bauer, im Hauptberuf arbeitslos – er hat standgehalten, als andere weich wurden.

Vier Nachbarn der geplanten WAA hatten im September 1985 die Klage eingereicht. Drei zogen sie später zurück. Zwei kassierten Millionen bei der WAA-Betreiberfirma, als sie ihren Grund verkauften. Michael Meier verkaufte nicht. Mit ihm als letztem Kläger begann die viertägige Verhandlung in München. So fand sein Name Eingang in die Schlagzeilen.

Wer ist dieser Mann, der im Dorf "der Michel" geheißen wird?

Am Vorabend des Prozesses besuchte ich ihn zu Hause. Ich kam mit Klaus Pöhler, dem Forstbeamten von der Bürgerinitiative, der nochmal nach dem Michel schauen wollte vor dem großen Tag, der mit einer mehrstündigen Busfahrt morgens früh beginnen sollte.

Michel wohnt sehr einfach. Er sitzt in der Küche, als wir spät durch die nicht verschlossene Haustür kommen. Er raucht schwerste Zigaretten und holt für uns drei gleich Bier herbei. Im Küchenherd glühen die Briketts, oben, wo das Ofenrohr in der Decke verschwindet, ist die Wand vom jahrelangen Ruß geschwärzt. In der offenen Herdklappe trocknet Michel’seine naßgewordenen Halbschuhe. An der Wand gegenüber hängt ein Kreuz, darunter das Bild seiner Frau, die vor zwei Jahren starb. Die Briefe vom Rechtsanwalt und vom Arbeitsamt liegen – in den geöffneten Umschlägen – teils oben auf dem Küchenschrank, teils darin. Als der Michel sie hervorholt, meint Herr Pöhler, der Rechtsanwalt würde ihm das bloß schicken, damit er auf dem laufenden bleibe, das hätte weiter keine Bewandtnis. Der Michel muß sich da verlassen auf den Freund, der es gut mit ihm meint. Und was das Arbeitsamt angeht, "du Michel, da komm ich nächste Woche mal wieder, wenn der Prozeß vorbei ist, da suchst du alle Unterlagen zusammen, und dann, wirst sehen, kriegen wir das schon hin".

Michel kam auf die Welt als eines von elf Kindern. 27 Jahre lang war er bei der Bayerischen Braunkohle Industrie in Wackersdorf beschäftigt, "da hab’ ich Bagger und Kolonne gearbeitet", sagt er. Die BBI machte 1982 dicht. In den Wintern geht der Michel seither stempeln, im Sommer hatte er manchmal was, "als Handlanger auf dem Bau" oder als ABM-Kraft in einer Nachbargemeinde. Im Augenblick lebt er mehr schlecht als recht von Arbeitslosenhilfe; er sorgt sich, weil das Amt ihn in Rente schicken will. Was kann er da erwarten?