Wer sagt denn, daß zum Skifahren Beine und Hände gehören. Der Franzose Bernard Beaudau, ehemals Bergsteiger, in den Pyrenäen abgestürzt und vier Tage im Eis eingeklemmt, bevor ihn die Rettungsmannschaften fanden, besitzt weder das eine noch das andere. Er hat zwar seine Gliedmaßen verloren, aber nichts von seinem Ehrgeiz, seiner Energie und seiner Willenskraft. Bernard war schon immer ziemlich eitel, wollte seine Behinderung von Anfang an so in den Griff kriegen, daß ein Außenstehender nichts merkt. Die Orthopäden haben ihm wahre Kunstwerke von Geh-Instrumenten gebastelt, mit denen er in höllischem Tempo aufregend nah um die Slalomstangen kurvt: Tollkühnheit und Risikobereitschaft, deretwegen er in den Bergen seine Gliedmaßen verlor, sind jetzt seine wichtigsten Stützen im Kampf um eine Medaille. Selbst die bestgemachte Prothese rutscht hin und her und bohrt sich auf der schneearmen, holprigen Piste bei jedem Schlag tief ins Fleisch; die Entzündungen heilen erst im Sommer ab, wenn er mit dem Skifahren pausiert.

Bernard Beaudau startet in der Klasse der Mehrfach-Behinderten. Ebenso wie der Amerikaner Paul Dibello, ein Vietnam-Veteran, der bei der Schlacht vor Hué einen Helicopter-Absturz überlebte und anschließend in den Reisfeldern auf eine Mine trat, die von den Knien an abwärts seine Beine zerfetzte.

Dichtes Schneetreiben hat eingesetzt, als Dibello den Hang hinunterbrettert. So kann, denkt man als Zuschauer unwillkürlich, nur jemand fahren, der vor nichts mehr Angst hat. Bei der Schußfahrt ins Ziel ist er so tief in die Hocke gegangen, daß er das Gleichgewicht verliert und unter einer Wolke hochgewirbelten Schnees in die Fangzäune kracht – Bestzeit!

Paul Dibello war ein Krüppel, als er aus dem Krieg zurückkehrte, mit zutiefst angeschlagenem Selbstwertgefühl und einem minimalen Aktionsradius. Heute kann er mit seinen Ersatzbeinen mehr anfangen als die meisten anderen Menschen mit zwei gesunden. Die Geschichte, wie er es schaffte, den Schock und die Verzweiflung zu überwinden, sich nicht aufzugeben, seinem Körper alles an Fähigkeiten abzutrotzen, was noch in ihm steckte, hört man bei diesen Olympischen Winterspielen behinderter Sportler in allen Variationen. Am Ende steht dann, wie bei Paul Dibello, immer die Feststellung: "Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich den Sport nicht gehabt hätte."

Über Lautsprecher wird gemeldet, daß einer seiner Konkurrenten unterwegs mit zerbrochener Prothese liegengeblieben ist. Der Amerikaner macht einen Freudenhüpfer. "Man muß das richtig verstehen", erklärt er den verdutzten Journalisten, "hier geht’s nicht nur um Kameradschaft, hier geht’s auch um Medaillen." Gewiß, sie helfen sich gegenseitig, aber sie vergessen nicht, weshalb sie in die Nationalmannschaft gekommen sind: um zu gewinnen!

Erst mußten sie sich auf regionaler, dann auf nationaler Ebene in harten Ausscheidungsrennen qualifizieren, Bruchteile von Sekunden gaben den Ausschlag für eine Nominierung. Dies ist keine Mildtätigkeitsveranstaltung, bei der die Behinderten mit Medaillen dekoriert werden. Hier geht’s, genau wie bei den "richtigen" Olympischen Spielen, um Rekorde und Bestleistungen, um eine Nationenwertung und nebenbei auch noch darum, mit den gezeigten Leistungen den vielen Millionen Versehrten, die keinerlei Sport treiben, Impulse zu geben.

Die Weltwinterspiele der Behinderten werden sei 1976 alle vier Jahre in dem Land veranstaltet, das die Olympischen Spiele ausrichtet. Eine Tradition, mit der die Kanadier gebrochen haben: Calgary, das sich seiner Millioneninvestitionen brüstet und Riesengewinne erwartet, sah sich mangels genügend ehrenamtlicher Helfer außerstande, die Wettkämpfe der Behinderten durchzuführen. Innsbruck, Ort der Winterspiele von 1964 und 1976, sprang kurzfristig ein.

Freude und Fröhlichkeit bestimmen das Treffen. Die vielen Rollstühle, Prothesen, blinden Augen und verkrüppelten Glieder, sie nimmt man bald gar nicht mehr wahr. Man sieht nur noch, was diese Sportler leisten.

Es kamen 350 Teilnehmer aus 22 Ländern, zwischen 15 und 60 Jahre alt, Männer und Frauen, Amerikaner und Spanier, zum ersten Mal auch Behinderte aus der Sowjetunion, Deutsche und Schweden, Japaner und Australier (die bei der Eröffnungsfeier in "Crocodile Dundee"-Uniform einmarschierten, mit Trapperhut und Lederhosen). Die Medien sind so stark vertreten wie nie zuvor, ein Zeichen, daß dem Behindertensport der Schritt aus der Anonymität geglückt ist.

Eindringlich beschwört der Ansager die Zuschauer, während des Rennens nicht zu applaudieren: Beim Riesenslalom für Vollblinde herrscht absolute Ruhe. Kein Beifall, keine Zurufe, keine Zeitangaben. Jedes Wort könnte die blinden Läufer stören, die nur von der Stimme ihres Vorläufers und seinen Fahrgeräuschen geleitet werden. Bei den Spielen der vergangenen Olympiade war ein Teilnehmer gegen einen Zielpfosten geprallt und hatte mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht werden müssen; wegen des einsetzenden Beifalls hatte er die Kommandos seines Führers überhört und die Orientierung verloren.

Die 17jährige Amerikanerin Cara Dünne streift sich ihre schwarze undurchsichtige Skibrille über und danach den Sturzhelm, unter dem ihre blonden Haare hervorquellen. Cara verlor als Kind nach einer Krebsoperation ihr Augenlicht. Hielte man ihr eine brennende Fackel vor die Augen, würde sie nicht mal einen hellen Schimmer wahrnehmen, geschweige denn einen Unterschied zwischen Licht und Schatten. Wie alle blinden Teilnehmer hat sie am Vortag in der Klinik mit zwei raschen Bewegungen ihre Glasaugen aus den Augenhöhlen genommen und auf den Tisch gelegt. Jeder Teilnehmer, ob gelähmt, an den Gliedmaßen geschädigt oder blind, muß ein Attest über den Grad seiner Versehrtheit vorlegen und wird dann entsprechend seinen Handicaps einer der verschiedenen Wettkampf-Kategorien zugeteilt. Es soll schon vorgekommen sein, daß sich Wettkämpfer, die nur zu Dreivierteln blind waren, in die Reihen der Vollblinden eingeschlichen haben. Ob behindert oder nichtbehindert – wo Sportler einen Vorteil herausschinden können, tun sie’s nun mal meistens.

Kurz vor dem Start ist Cara Dünne ein Nervenbündel. Welcher Sehende kann schon ermessen, wieviel Mut und Selbstüberwindung dazugehören, sich in das dunkle Nichts zu stürzen. Sie sieht – vielleicht ist das sogar ein Vorteil – nicht, wie steil der Hang ist. Eine Strecke von 1600 Metern, 23 Tore, über 200 Meter Höhenunterschied. "Man muß immer schön locker in den Knien bleiben und braucht irrsinnig viel Kraft in den Füßen", hatte das junge Mädchen erklärt, "die Füße sind meine Augen, damit taste ich die Strecke ab." Sie hat eine leise, kaum hörbare Stimme und macht längere Pausen zwischen den Sätzen. "Um zu gewinnen, muß man nicht sehen können ... und der Schwerkraft ist es egal, wieviel Augen man hat." Skiläuferinnen aus ganz Europa und den USA sind am Start, deutsche sind nicht darunter. Der Deutsche Behindertensportverband meint, daß alpine Rennen für Blinde zu gefährlich sind und empfiehlt deshalb seinen Mitgliedern statt dessen die Loipe.

Cara Dünne kann das nicht verstehen. Genau das Gegenteil müßte geschehen, glaubt sie. Sie ist ihren Eltern dafür dankbar, daß sie in ihr einen Schuß Aggressivität und Ehrgeiz geweckt haber., was sie in die Lage versetzte zu sagen: Ich versucht! Anfangs wirkte die Angst vor der Abfahrt wie Hefe auf ihre Gedanken, aber je mehr sie trainierte, desto größer wurde ihre Sicherheit, auch die Lust an der Bewegung, am Tempo. "Es ist wie ein Rausch, bei dem man seine Behinderung total vergißt."

Wie eine Sehende die Hänge hinunterfahren zu können, das hat ihr Selbstsicherheit gegeben. In den USA, wo es längst "integrierte" Rennen gib:, startet sie zusammen mit Nichtbehinderten. Seit sie im Sport so erfolgreich ist, glückt ihr auch alles andere: Sie hat Japanisch und Spanisch gelernt und beginnt demnächst ein Wirtschaftsstudium an der Harvard-Universität.

"Go, go, go – left, right, left!" Die Schreie ihres Vaters, der ihr das Skifahren beibrachte und ihr Führer ist, gellen über den Hang. Sie ist schnell, sehr schnell sogar, denn sie will ja gewinnen –, und fährt höchstens zwei Meter hinter ihrem Führer her. Zuweilen berühren sich die Skier. Im Training ist sie ihm schon des öfteren in den Rücken gefahren. Die unzähligen Stürze, Prellungen und Blutergüsse, die sich hinter solch zirkushafter Artistik verbergen, sieht gottlob niemand.

Stürzt ihr Vorläufer, fährt Cara allein weiter, vorausgesetzt, sie befindet sich bereits im unteren Teil. Mit dem Hypnose-Therapeuten der US-Mannschaft macht sie täglich "geistiges" Training, hat den gesamten Streckenverlauf bis ins letzte Detail im Unterbewußtsein gespeichert. Selbst schwere Fehler, wenn ihr Vordermann rechts statt links ruft, was in der Hektik des Rennens häufiger passiert, können sie nicht allzusehr irritieren; sie hört ohnehin mehr auf die Kantengeräusche der Skier als auf Worte.

Am drittletzten Tor bleibt sie kurz hängen, verliert wichtige Sekunden – und kämpft im Ziel gegen die Tränen der Enttäuschung an: Siegerin ist eine Italienerin, die vor Jahren ihr Augenlicht bei einem Skiunfall einbüßte. "Die meisten halten mich für wahnsinnig", erzählt die Gewinnerin, "aber ich habe wieder eine unheimliche Lust aufs Skifahren." Als man der Amerikanerin Cara Dünne die Silbermedaille umhängt, nimmt sie sie sofort wieder ab, tastet mit den Händen nach dem Kopf des Vaters und streift ihm die Medaille über.

Bemerkenswerte Momente gibt es bei diesen Winterspielen: Da ist die Freude eines jungen Querschnittgelähmten aus Norwegen, der das Schlittenrennen gewonnen hat und vom Pressezentrum aus mit seiner Mutter telephoniert. "Kannst du’s hören?" fragt er und kratzt andächtig mit dem Finger über die Medaille, die vor seiner Brust baumelt, "es ist Gold." Da ist die bewegende Schilderung eines schwerbehinderten Japaners, der nie zuvor in einem Flugzeug gesessen hatte und erst seine immense Flugangst überwinden mußte, um überhaupt dabeisein zu können. Da ist die Bravourleistung des blinden deutschen Langläufers Frank Höfle, der beim 30-Kilometer-Lauf seinen sehenden Begleiter abhängte und ihn im Ziel trösten mußte. Da ist aber auch das giftige: "Heute bringst du nichts zustande!" mit dem eine beinamputierte Abfahrtsläuferin eine Konkurrentin vor dem Start zum Weinen bringt. Überhaupt: Boshaftigkeit und Hysterien, Proteste und Gegenproteste, Disqualifikationen, all die unschönen Begleiterscheinungen des modernen Spitzensports findet man auch bei Behinderten-Wettkämpfen.

Der Adler auf seiner dunkelblauen Skijacke verrät, daß Niko Moll zur Mannschaft der Bundesrepublik gehört. Einer von 34 Aktiven. Dazu kommen 22 Begleiter, Cheftrainer, Trainer, Ärzte, Physiotherapeuten, technisches Personal. Für ein Behinderten-Team ist ein aufwendiger Apparat notwendig. Vom Bundesinnenministerium wurde er finanziert.

Beim Startsignal zum Riesentorlauf gibt Niko Moll sich innerlich einen Stoß, denn mit den Skistöcken kann er sich nicht abdrücken: Niko besitzt keine Arme. Die kleinen Stümpfe, die ihm aus der Schulter gewachsen sind, und die winzigen verkrümmten Hände können keine Stöcke halten, sie sind nicht mal eine Hilfe beim Balancieren des Körpers. Was ist mit dem, fragt ein junger kanadischer Journalist, der zum ersten Mai einen contergan-geschädigten Menschen sieht. Wie soll man in zwei Sätzen eine der größten Katastrophen der pharmazeutischen Industrie erklären?

2500 Kinder wurden damals, Anfang der sechziger Jahre, mit Mißbildungen geboren. Sie sind längst erwachsen, einige, wie der Architekturstudent Niko Moll, haben inzwischen selbst Kinder, aber ihre Probleme sind geblieben, ihr Anderssein können sie noch immer nicht verstecken. "Wir wollen nach unserer Leistung beurteilt und nicht wie Exoten bestaunt werden", hatte Niko einen Photographen angefaucht, der ihn hautnah dabei beobachtete, als er im Restaurant das Wechselgeld mit seinem Armstummel vom Tisch wischte, um es am Boden mit den Zehen aufzuheben. Beim nächsten Mal legte ihm die Serviererin das Kleingeld gleich zu Füßen.

Niko Moll weiß sich zu helfen, kann im Prinzip alles selber machen, "außer den Reißverschluß des Skianzugs schließen und die Schuhe anziehen". Als Leistungssportler ist er den ganzen Winter über fast pausenlos im Einsatz, Wettkämpfe, Trainingslager, Lehrgänge, zwischendurch mal nach Hause zur Familie. Er genießt seine Privilegien, die vielen Reisen, Hotel, Verpflegung, Bekleidung, alles umsonst. Darauf will er nicht verzichten, deshalb fährt er im Rennen, als sei der Teufel hinter ihm her.

Der Sport gibt ihm, was er braucht: Anerkennung und Zufriedenheit, das Gefühl, aus der eigenen Schwäche Stärke zu machen, Erfolg haben, auch mal Enttäuschungen erleben. Und wie deprimiert er ist, als er im Riesenslalom nur auf dem medaillenlosen vierten Rang landet. Aber gegen die starken Skandinavier ist einfach kein Kraut gewachsen, meint er. "Das sind Profis, die erhalten vom Staat eine erhöhte Rente, damit sie sich auf den Sport konzentrieren können."

Von den behinderten finnischen Langläufern weiß man, daß sie in einer Saison bis zu 7000 Trainingskilometer zurücklegen – mehr schafft auch ein Jochen Behle nicht. Noch professioneller wird der Behindertensport nur in den USA betrieben. Dort haben sich die ersten, von Prothesen-Herstellern und anderen Zubehörfirmen gesponserten Berufsathleten etabliert. Die beinamputierte Abfahrtsläuferin Diana Golden – "Ohne Behinderung wäre mein Leben nur halb so interessant verlaufen" – kassiert pro Saison rund 35 000 Dollar. Das meiste Geld wird beim "Speed-Skiing" verdient, einem Fernseh-Spektakel, bei dem Blinde und andere Behinderte gegen die Uhr Abfahrtsrennen bestreiten.

"Davon können wir nur träumen", sagt der 19jährige Alexander Spitz, derzeit erfolgreichster Behinderten-Sportler der Bundesrepublik. Als Zehnjähriger mußte ihm – Diagnose: Knochenkrebs – das rechte Bein amputiert werden. Seither fährt er einbeinig Ski. Er hat ein Bein wie ein Baum, an dem sich die Muskelstränge reliefartig abzeichnen. Daß er kein zweites Bein besitzt, ist für ihn nicht mehr als eine kleine Unbequemlichkeit. "Andere haben etwas, auf das sie sich stützen können, wenn sie müde sind, das ist eigentlich der einzige Unterschied."

Seine Stärke ist seine Einstellung. Er denkt, er ist der Beste, und er ist’s tatsächlich. Die Kraft des Bewußtseins legt dem jungen Burschen förmlich Schienen in den Schnee: Im Slalom und im Riesenslalom gewinnt er jeweils mit großem Vorsprung die Goldmedaille. Sein Fahrstil und seine Balance sind phänomenal: Er fährt tief aus der Hocke heraus, boxt die Stangen weg, wie er’s gerade braucht, und bleibt von oben bis unten im gleichen Rhythmus – "Unser Alberto Tomba!" flachsen seine Mannschaftskameraden.

Stünde er auf zwei gesunden Beinen, würde Alexander Spitz jetzt kräftig abkassieren. Zwei Goldmedaillen – bei den "richtigen" Olympischen Spielen war das ’ne glatte Million, rechnet er aus. Und was hat er? Die Sporthilfe stiftet ihm 200 Mark im Monat. Von seinem Arbeitgeber, einer Sparkasse, bekommt der gelernte Bankkaufmann Sonderurlaub für Wettkämpfe. Immerhin etwas. Sein Heimatort Menzenschwand im Schwarzwald finanziert ihm den Druck von Autogrammkarten. Wenn er Glück hat, wird sich demnächst auch etwas bei seiner Skifirma Voelkl tun.

Im letzten alpinen Wettbewerb, der Abfahrt, legt Alexander wieder die schnellste Zeit hin, reißt schon wenige Meter vor dem Ziel jubelnd die Arme hoch und verliert dabei das Gleichgewicht: Statt der dritten Goldmedaille holt er sich eine Fußverstauchung.