Die (Leidens-)Geschichte der jüdischen Namen hat ihren Anfang mit der Emanzipationsbewegung, deren Ziel es zu Beginn des 19. Jahrhunderts war, die Juden zu gleichberechtigten Bürgern zu machen. Bis dahin hatten die Juden keine Familiennamen im landesüblichen Sinne. Sie benannten sich mit dem Vornamen, dem meist der Name des Vaters angehängt wurde: so etwa Moshe ben Maimon (Moshe Sohn von Maimon) oder Benjamin ben Ephraim (Benjamin Sohn von Ephraim). In Preußen, wo es nach 1812 vergleichsweise liberal zuging, konnten die Juden anfänglich selbst wählen, welchen Namen sie sich zulegen wollten. Anders war es in Galizien, wo es bei der Durchführung der Namensannahmen Militärkommissionen gab, die den Juden ihre Namen zudiktierten, „gute“ wie Blumenthal für viel Geld, scheußliche wie „Schweißloch“ für die armen Schlucker, die noch Glück hatten, wenn sie das „w“ in ihrem Namen retten konnten.

Was die Juden in Preußen angeht, so hat Bering festgestellt, daß es nicht zu einer Massenflucht aus den jüdischen Namen kam, wie man allgemein vermuten würde. Die überwiegende Mehrheit gedachte, Vätersitte auch in Namensfragen beizubehalten. Man neigte vielfach dazu, die Namen nur einzudeutschen. So wurde aus dem hebräischen „Napthali“ Hirsch, aus „Baruch“ Bendix oder aus „Mordechai“ Markus. In Berlin, dessen jüdische Bevölkerung an der Spitze der Assimilationsbewegung stand, haben gut zwei Drittel der wahlberechtigten Haushaltsvorstände ihren nachgestellten Vaternamen als bleibenden gewählt. Und selbst diejenigen, die sich für eine Änderung entschieden, haben häufig nur im Namen einige Buchstabenumstellungen gewählt, wie zum Beispiel bei dem Nachnamen „Moses“, aus dem Mosner, Moser oder Mosson wurde.

Der Akkulturationsprozeß vollzog sich von jüdischer Seite schnell und wie selbstverständlich. Man paßte sich in Sprache, Kleidung und Eßgewohnheiten der christlichen Umwelt an und war bemüht, nicht aufzufallen und sich so zu verhalten wie alle anderen. In den Befreiungskriegen meldeten sich Juden freiwillig zu den Waffen, in den Synagogen fanden Bittgottesdienste für das Herrscherhaus statt, und es gab sogar Juden, wie den Kaufmann Markus Lilie aus Gardelegen, der in seinem Patriotismus seinen jüngsten Sohn nach dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm benennen wollte, weil sich an diesen, wie er in seinem Gesuch aus dem Jahr 1816 schrieb, „so hohe Gedanken, so herrliche Gefühle, so kräftige Ermunterungen zum Guten knüpfen“.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der König die Bitte des Markus Lilie als Zumutung empfand. Er gab dem Innenminister die Ordre, daß er diesem zu „Gemüte“ bringe, „daß ich Meinen Namen keinem Judenkinde beylegen lassen kann, welches nicht getauft wird“. Damit war den Behörden signalisiert, daß in der Namensgebung ein Unterschied zwischen Juden und Christen gemacht werden sollte. Ein königlicher Erlaß untersagte den Juden, ihren Kindern christliche Namen wie Christoph, Christian oder Peter zu geben – ein Verbot, das den Assimilationsprozeß aber schon nicht mehr aufhalten konnte. Dafür war der Prozeß schon zu weit fortgeschritten. „Diese Namens-Vermischung“, heißt es in einer Stellungnahme zu dem Erlaß, „ist nach unserem ehrfurchtsvollen Dafürhalten gar nicht mehr zu redressiren.“

Anfänglich ging es noch um den Streit, ob ein Name als „christlicher“ oder als „jüdischer“ zu gelten hätte. Das änderte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dahingehend, daß jetzt nicht mehr von „christlichen“, sondern von „deutschen“ Namen gesprochen wurde. Nicht mehr die Konfession, sondern rassistische Gesichtspunkte wurden bestimmend. Bering führt eine Reihe von Fällen an, wie zum Beispiel den des Kaufmanns Emil Schmuhl aus Schneidemühl, gegen dessen 1892 vollzogene Namensänderung in „Goetze“ die „richtigen“ Goetzes von Leer in Ostfriesland bis München, von Köln bis Kötzschenbroda bei Dresden mobil machten. In einer Eingabe an den Kaiser, die 116mal mit „Goetz“, „Goetze“ oder „Goetzel“ unterzeichnet war, forderten sie die Rückgängigmachung der Namensänderung, und zwar deshalb, weil der „gutdeutsche“ Name Goetze abgewertet würde. Darüber hinaus, gaben sie zu bedenken, könnte dann nicht mehr zwischen Deutschen und Juden unterschieden werden.

Warum, wird derjenige fragen, der mit den Usancen der Zeit nicht vertraut ist, hat der Kaufmann Erich Schmuhl Wert auf eine Namensänderung gelegt? Sieht man sich den Hintergrund des Falles genauer an, dann wird deutlich, daß es geschäftliche und gesellschaftliche Gründe waren, vielleicht auch der psychische Druck, der zu dem Namensänderungsantrag geführt hatte. Namen wie „Schmuhl“, „Cohn“ oder „Itzig“ waren antisemitisch aufgeladen und waren für den jeweiligen Träger eine stete Irritation, die ihn in manche unangenehme Lage bringen könnte. So zum Beispiel bei einem Rezitationsabend, wo man mit einem etwas spöttischen Blick auf den jüdischen Gast aus Wilhelm Buschs „Plisch und Plum“ zitierte, und zwar den bekannten Vers mit „Schmulchen Schiefelbeiner“, von dem man sich im gleichen Atemzug mit dem Satz „Schöner ist doch unsereiner!“ distanzieren konnte. Oder es war in einer Gesellschaft, wo der Nachbar, vielleicht durchaus wissend, neben wem er saß, das Couplet mit seinem leicht antisemitischen Unterton vor sich hinsummte: „Hab’n Sie nicht den kleinen Cohn geseh’n?“ Theodor Lessing, der Schriftsteller und Philosoph, hat in seinen Lebenserinnerungen diese Gefühle der Hilflosigkeit und der ohnmächtigen Wut beschrieben, die jedem Juden von Kind auf vertraut waren. Er selbst erinnerte sich, daß, wenn das Neckverschen „Jude Jude Itzig, mach dich nicht so witzig“ von seinen Schulkameraden gesungen wurde, er sich unsäglich geschämt hätte. „Das Leiden am Judesein“, bekannte er in diesem Zusammenhang, „nahm bisweilen Formen an, die wohl schlechthin wahnsinnig genannt werden müssen.“

Welchen Status der Name „Cohn“ in der Öffentlichkeit hatte, darüber hat ein Berliner Rechtsanwalt geschrieben, der seinerzeit mit Namensänderungsanträgen befaßt war: „Man bezeichnet einen Juden, dessen Namen man nicht kennt, oder den man nur als Juden benennen will, als ‚Cohn‘. ‚Cohn‘ ist in weiten Volkskreisen... die Bezeichnung für diejenigen Juden, denen gewisse, typisch jüdische, unsympathische Eigenschaften in hohem Maße anhaften. Das Wort hat sich auf diese Weise zum Schimpf- und Lästerwort herausgebildet. Man gebraucht das Wort, um Juden in ihrer Eigenschaft als solche zu beleidigen und zu verhöhnen.“