Seit der Norweger Tormod Haugen Jugendbücher schreibt, sucht er ganz offensichtlich eine Antwort auf die Frage „Wie kann man jungen Lesern Vorgänge schildern, die im Unterbewußtsein der Menschen angesiedelt sind?“ Beeindruckende Bücher sind auf diese Weise entstanden, in denen Haugen Angst und Freude mit minuziöser Genauigkeit schilderte und die Ebene psychoanalytischer Erkenntnisse durch phantastische Erzählelemente bewältigte.

Sein neues Buch erprobt einen anderen Weg und wird nicht nur Zustimmung finden. Tormod Haugen erzählt die Geschichte von einem Jungen und einem Mädchen, die aus unterschiedlichen Gründen gemeinsam vor ihren Familien flüchten und mit gestärktem Selbstwertgefühl in den konfliktreichen Alltag zurückkehren.

Dabei wendet sich der Autor – nicht zu trennen vom erzählerischen Ich – immer wieder direkt an den Leser, beschreibt die Entstehung seiner Fiktion, die Schwierigkeit der Komposition und die Angst, daß der schriftstellerische Schwung erlahmen könnte.

Diese in der modernen Literatur gängige Technik benutzt Haugen aber nicht, um die fragile Gültigkeit seiner dichterischen Aussage gleichzeitig zu stärken und in Frage zu stellen, sondern aus anderen, der Jugendliteratur wohl bekannten Gründen.

Der Wechsel von erzählter und kommentierter Handlung gibt ihm die Möglichkeit, ganz dichte, atemberaubende Schilderungen jugendlichen Leids und fassungslosen Abscheus erwachsener Willkür zu wagen. Hier geht Haugens Rechnung auf, denn diese Szenen werden aufgefangen in zwar manchmal etwas zu munteren, aber doch auch sorgsam konstruierten Reflexionen des mit sich selbst beschäftigten Erzählers.

Kaum ein Jugendbuch behandelt die Verzweiflung von Scheidungswaisen, die Tristesse skandinavischer Wohlfahrtsgesellschaft und die Trauer des sich häßlich dünkenden Mädchens so einfühlsam wir Tormod Haugen. Seine Schilderung des Traumas kindlicher Verlassenheit, der zweimal verhinderte Selbstmord – zunächst wird der geliebte Teddy ins Wasser geworfen, dann gelingt ein Sprung auf den Balkon des mitleidenden Mädchens – bleibt gewiß eine der großen Leistungen gegenwärtiger Jugendliteratur. Doch was als Verständnishilfe für schwierige psychische Vorgänge gelten kann, wirft gleichzeitig die Gretchenfrage spezifischer Jugendliteratur auf: Wieviel erzählerische Hilfestellung kann die Jugendliteratur verkraften, ohne aufzuhören, Literatur zu sein?

Birgit Dankert