Von Roland Kirbach

Ruhige Minuten hat Helmut Laakmann derzeit nicht viele. Unablässig klingelt bei ihm zu Hause das Telephon, wird er zu Podiumsdiskussionen oder Versammlungen eingeladen. Viele Menschen, ganz fremde zumeist, rufen auch einfach nur an, um ihn ihrer Sympathie zu versichern oder sich bei ihm zu bedanken. Arg eingespannt ist er auch durch die vielfältigen Aktionen, die er sich ausdenkt und mit Kollegen in die Tat umsetzt – "absolut gewaltfrei, aber phantasievoll", lacht er. Ja, und dann ist da natürlich nach wie vor seine Arbeit. Die hat er schon immer wie ein Besessener betrieben; daran hat sich auch jetzt nichts geändert.

Hat Helmut Laakmann mitunter doch mal eine Minute Zeit für sich, dann wird ihm bewußt, was für eine Lawine er losgetreten hat. Und dann wird ihm auch etwas mulmig. "Der Einfluß, den man da auf einmal hat, das beunruhigt mich auch", sagt er nachdenklich. "Ich kann nicht mehr so frei reden. Ich kriege oft vorher schon Applaus, bevor ich überhaupt ein Wort gesagt hab’. Das macht einen ganz schön an!"

Schuld, daran ist eine Rede, die Helmut Laakmann Anfang Dezember auf einer Belegschaftsversammlung des Krupp-Stahlwerks in Rheinhausen gehalten hat – wenige Tage, nachdem durch eine Indiskretion die Pläne des Krupp-Vorstands bekannt geworden waren, das Werk mit seinen 5300 Beschäftigten bis Ende dieses Jahres zu schließen. Draußen, außerhalb des Werks, hieß es bald: Bei Krupp wird gekämpft. Aber das stimmte damals noch gar nicht. Die Arbeiter waren wie vor den Kopf gestoßen und saßen nur resigniert rum, erinnert sich Laakmann.

Ganz schlimm sei es auf jener Belegschaftsversammlung gewesen. Es sprachen der Betriebsratsvorsitzende und eine Gewerkschaftsfunktionärin, dann der Krupp-Stahl-Chef Gerhard Cromme und auch der Landesarbeitsminister Hermann Heinemann. Doch von Rede zu Rede, so Laakmann, seien die Leute um ihn herum immer mutloser geworden, die Stimmung immer trostloser. Die Redner hätten halt nur "das erzählt, was sie immer erzählen". Laakmann: "Da konnt’ ich nicht mehr an mich halten."

Helmut Laakmann ging nach vorn, erklomm die paar Stufen zum Podium und griff sich das Mikrophon. "Wir leben in einem freien Land, in einem Rechtsstaat", sagte er. "Da kann es doch nicht sein, daß eine kleine Clique mit uns macht, was sie will." Die Arbeiter horchten auf. "Das Buch der Geschichte liegt aufgeschlagen vor uns. Es liegt jetzt an uns, ein paar neue Seiten zu schreiben", fuhr er mit fester Stimme fort. Beifall brandete auf. Laakmann redete sich so richtig in Rage: "Alle Macht geht vom Volk aus, heißt es. Wir haben die Macht nur verliehen. Wir werden uns diese Macht jetzt zurückholen." Die Arbeiter erhoben sich von ihren Stühlen, der Beifall wurde lauter. Laakmann schloß mit dem Appell: "Kruppsche Arbeiter! Nehmt jetzt die Stunde wahr, das auszufechten, was wir ausfechten müssen!"

Die Rede dauerte kaum zehn Minuten, doch die soeben noch resignierten Arbeiter waren danach wie aus dem Häuschen. Mit Ovationen feierten sie den außerplanmäßigen Redner. "Zugabe! Zugabe!" forderten die 10 000 Stahlwerker immer wieder. Während er da oben stand, habe er "richtig gemerkt, wie die Leute immer kampfbereiter wurden", sagt Laakmann im nachhinein. Alte Arbeiter kamen nach der Rede auf ihn zu, mit Tränen in den Augen, und umarmten ihn stumm.