Junge Bewohner des Heimes stehen auf dem Hof herum, von Neugier und Scheu erfüllt. Celia fragt jeden: "Wie heißt du denn?" Timm will Näheres über das Auto wissen. Der fast sprachlose Bard spielt mit einem Ball in einer Ecke abseits. Mirko durchmißt den Hof mit langen Schritten, auf und ab, ab und auf. Alle sind auf den Besuch vorbereitet, verhalten sich überraschend gelassen. Nur die Neuaufgenommenen fallen durch ihre Ängstlichkeit, durch große motorische Unruhe auf. Sie kauen an den Nägeln, zittern wie Espenlaub. Ihre Gesichter zucken.

Das alte Haus steht hart an der Straße. Die blühenden, verwilderten Stauden drängen sich in die Fensterrahmen. Klara, das Milchschaf, blökt durch den Gartenzaun. Wege von Pflastersteinen überqueren den Hof, führen zum Neubau, der nach dem Abriß der alten Scheune den geschlossenen Bauernhofcharakter wiederherstellt. Das neue Haus in seiner behäbigen Bauweise, mit tief heruntergezogenem Dach, paßt sich optimal der Umgebung an. Die Räume sind schön hell.

In den Werkstätten stehen vier große Webstühle. Zum Weben scheinen Autisten besonders befähigt zu sein. Der Webmeister, der sie anleitet und gleichzeitig Innungsmeister seines Kreises ist, hat selbst Freude an der Effektivität der Arbeit. Es entstehen kleine Teppiche, Anzugstoffe, Bezugsstoffe und Decken. Man hofft, später damit die Materialkosten zu finanzieren.

Mittagessen. Eltern, die ihren 27jährigen Sohn heute herbringen, sagen: "Wir spüren so sehr, daß wir alt geworden und verbraucht sind. Wir müssen an die Zukunft denken." Andere haben jahrelange Irrfahrten von Heim zu Heim hinter sich mit vergeblichen Bittstellungen um Aufnahme.

Der Umgang mit Autisten verlangt viel von den Betreuern. "Das Nervenkostüm wird dünner im Laufe der Jahre", sagt eine junge Frau. Das Wichtigste wäre ein Gegengewicht im privaten Bereich. Man müßte auftanken können, wenigstens stundenweise die berufliche Arbeit aus dem eigenen Leben ausklammern. Der beratende Psychotherapeut, der alle zwei Wochen zu Gesprächen kommt, ist vor allem für die Betreuer da.

In der ersten Zeit seien die Fetzen geflogen, berichten die Hilfskräfte. Sie wurden gebissen, gekratzt, gewürgt. Eingeschlagene Fensterscheiben, zerstörte Möbel, stundenlange Schreikrämpfe und Selbstverletzungen mit Bächen von Blut mußten ausgehalten werden. Gottseidank nicht gleichzeitig. Aber langsam beruhigte sich die Atmosphäre. Jeder weiß, daß das Gleichgewicht fragil ist. Kleinste Störungen haben große Folgen.

So hallen immer wieder plötzliche Schreikrämpfe durch das Haus, die sich durch beruhigende Betreuung in nichts auflösen. Den ständigen Wegläufer, der immer wieder von der Polizei zurückgebracht werden mußte, haben die Betreuer leider aufgeben müssen. Das Mädchen, das immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennt, kann man über große Strecken durch Mithilfe in der Küche und Tätigkeit in der Weberei von sich selbst ablenken. Unter ihren Händen entstehen komplizierte Muster und Gittergewebe von großer Schönheit.