Dachau

Der Deutsche Anwaltsverein entsandte nicht einen Vertreter, und auch fast alle Pressestühle blieben leer. Als vergangenen Freitag im Konzentrationslager Dachau ein wahrhaft mutiger Rechtsanwalt geehrt wurde, der von den Nationalsozialisten vor fünfzig Jahren in den Tod getrieben wurde, da waren nur einige Dutzend Juristen in das Museum des Konzentrationslagers gekommen, um ihren Berufskollegen aus der Weimarer Republik zu ehren. Deutlicher hätte es nicht sein können: Dieser frühere Berliner Anwalt, einer von 30 000 Toten des Dachauer Konzentrationslagers, ist im westdeutschen Rechtsstaat völlig vergessen. Und hätte nicht seine Mutter Irmgard Litten 1940 ein ergreifendes Buch mit dem Titel "Eine Mutter kämpft gegen Hitler" über ihren Sohn geschrieben, vielleicht hätte dann auch diese Ehrung nicht stattgefunden.

Dieser Hans Litten war eben keiner der heute prominenten Hitler-Gegner. Er hat nicht erst spät Bomben unter Adolf Hitlers Tisch im Führerhauptquartier plaziert. Litten hat schon frühzeitig – seit 1928 – die Nationalsozialisten und die Berliner SA in vielen Verfahren bekämpft, jeden Tag, mit der Klinge der Prozeßordnung – und er hat sich damit den Nazis ausgeliefert. Daß heute die Veranstalter, der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein e. V. und die Vereinigung demokratischer Juristen, einen Historiker aus der DDR rufen mußten, um einen sachverständigen Litten-Kenner zur Würdigung aufbieten zu können, das ist das zweite traurige Symbol dieses 50. Todestages eines Widerstandskämpfers.

Denn in der Bundesrepublik, die nach dem Krieg sogar furchtbare Juristen des Volksgerichtshofs in ihr Rechtswesen übernahm, ist ein wackerer Nazigegner wie Hans Litten offenbar kein Vorbild. Diesem beim damaligen Kriminalgericht Berlin-Moabit gefürchteten Anwalt, der die Mordkommandos der SA entlarvte, wurde in dieser Republik kein Denkmal gesetzt oder eine Straße nach ihm benannt. Das behielt sich die DDR vor.

Der aus der DDR-Hauptstadt angereiste Historiker Kurt Neheim, der gerade an einer Litten-Biographie arbeitet, verdeutlichte in einer fast einstündigen Würdigung, wie sehr es sich für Juristen und andere lohnen würde, sich über "diesen wunderbaren Menschen" (Neheimer) näher zu informieren. Denn dieser junge und mutige Anwalt sah seine Aufgabe darin, schon in den späten zwanziger Jahren verfolgte kommunistische Arbeiter gegen den anschwellenden Nazi-Terror zu verteidigen und nicht den bequemen Weg der Anpassung zu gehen. Neheimer: "Er war einer von denen, die es auf sich nehmen, vor ihrem Gewissen zu bestehen."

Dieser aus den 3000 Anwälten des damaligen Berlins herausragende Kämpfer für das noch bestehende Recht endete in Dachau, weil er es auch gewagt hatte, in einem spektakulären Prozeß des Jahres 1931 Adolf Hitler selbst in den Zeugenstand zu zitieren. Mit hochnotpeinlichen Fragen hatte Litten Hitler sechs Stunden lang traktiert und der faktischen Mittäterschaft an Überfällen des gefürchteten SA-Sturms 33 überführt.

Weil er als "proletarischer Anwalt", wie sich der gebürtige Großbürgersohn Litten selbst nannte, unbeugsam und wirksam für die verfolgten kommunistischen Arbeiter stritt, stand er ganz oben auf Hitlers Racheliste. Was Litten, der nie der KPD angehörte, bei den Nazis so verhaßt machte, skizziert Kurt Neheimer: "Es war seine politische Überzeugung und sein verantwortungsvolles Handeln als politischer Verteidiger."