Der Tod kommt in der Badewanne. Den vom Tanz um die Macht erschöpften politischen Übeltäter geleitet ein zum Gegner gewordener Mitstreiter in einen Baderaum von klinisch reinem Weiß. Macduff tupft dem ans Ende seiner machtgeilen Karriere angekommenen Macbeth fürsorglich den Schweiß von Brust und Stirn. Dann wickelt er ihm das weiße Tuch ums rechte Handgelenk und legt den todesmatten Karrieremacher in die Wanne. Der Vorhang schließt sich wie eine Blende im Photo-Apparat: Von oben, von rechts, von links schieben sich dunkle Wände vor die Szene, bis wir im Ausschnitt das berüchtigte Bild vom Toten in der Badewanne erkennen.

So endet nach hundert pausenlosen Minuten im Theater der Stadt Heidelberg das neue Stück – „Macbeth“ – von Johann Kresnik für sein „Choreographisches Theater“. Es ist in Tanzwut, Präzision und Einfallskraft wohl das beste der Tanzdramen, die Kresnik – mit kritischem Blick auf die Familienverhältnisse seiner Titelhelden – in den letzten Jahren geschaffen hat („Sylvia Plath“, „Pasolini“, „Mörder Woyzeck“).

Die andere, die „öffentliche“ Seite familiärer Dramen – die politische – ist in gleichnishaft archetypischer Kraft noch nie so kraftvoll, ja brutal hervorgetreten. Dies ist nicht zuletzt dem durch seine Bilder in photographischem Realismus, vor allem durch seine an Folter-Aufnahmen erinnernden Selbstbildnisse bekannt gewordenen Wiener Maler und Graphiker Gottfried Helnwein zu danken. Heinweins erste Arbeit für das Theater prägt diesen „Macbeth“ und hat ganz offensichtlich den Choreographen zu neuen, kühnen Tänzen angeregt. Ja, aber darf man das, mit einem bereits historischen Bild wie dem toten Politiker in der Badewanne auf dem Theater „spielen“? Diese Frage wird laut im unterdrückten, entsetzten Stöhnen, als die Besucher erkennen, welcher Aufruf zum Nachdenken ihnen in den letzten Minuten eines scheinbar in Shakespeare-Ferne angesiedelten Polit-Dramas mitgegeben wird.

Kresnik und Helnwein „spielen“ nicht mit einer gerade aktuellen Bild-Assoziation. Für ihr Drama vom Kampf um die Macht, das sich in mörderischen Tänzen entfaltet, ist der Schluß überraschend sanft, nicht ohne Zärtlichkeit. Wie blickt Shakespeare auf das Ende seines Helden? „Macduff kommt mit Macbeths Kopf auf einer Stange.“

Wenn man erlebt, wie der kindlich arglose Macbeth (Joachim Siska) von den politischen Ziehvätern, von der eigenen Frau, von den drei Hexen (die für die Verführbarkeit durch jede Art von „Medien“ verstanden werden können) erst zum skrupellosen Parvenu der Politik erzogen wird, kann man den Hinweis auf die Hauptfigur der Kieler Affäre nicht bösartig finden. Daß die Heidelberger bei ihrer Spiel-Tradition, „Macbeth“ als politisches Lehrstück, als Tanz-Drama im Dienst der Aufklärung verstanden wissen wollen, mag ihnen erlauben, ein wenige Monate altes Illustrierten-Photo endgültig in die Ikonographie des Jahrhunderts zu überführen.

Mit der gleichen Schroffheit, mit der Heiner Müller 1972 „Macbeth“ in seiner bearbeitenden Übersetzung reduziert auf eine unhistorische „Geschichte im Stillstand“ („Die Welt hat keinen Ausweg als zum Schinder“) zwängen Kresnik/Helnwein die rauhe Mär aus schottischer Frühzeit in die gleißende Leichenhalle einer modernen Klinik. Im Orchestergraben schwappt ein Blutsee, in dem Gekröse dümpelt. Mit ohrenbetäubendem Dröhnen öffnet sich ein riesiges Metall-Tor im Hintergrund der Bühne. Ein hinter der Gelehrten-Brille scheu lächelnder, dunkelhäutiger Gottesmann im Gewand eines katholischen Priesters schleppt einen Eimer oder schiebt gleich eine Wanne voll Blut und Innereien über die Bühne und kippt alles platschend in die Naß-Deponie vor der Szene.

Auf der Bühne stehen zu Beginn zwölf Badewannen, in denen bandagierte Mordopfer auf Leichenschau oder Organverwertung warten. Rührend klein und schwarz steht neben jedem Wannen-Sarg ein Reisekoffer. So zielt die Inszenierung von Anfang an aus mythischer Urzeit in eine Gegenwart, in der Wissenschaft und Kirche sich zu Handlangern der Machthaber erniedrigt haben. Die aber verfolgen ihre Dissidenten, die ihre ganze Habe in einer Reisetasche mit sich schleppen können, bis in den Tod. Wenn wieder ein lebendes oder schon gekilltes Opfer durch die Höllen-Tür ins Dunkel gezerrt wird, beginnt bald die Blutpumpe zu brummen: Durch die Plastikschläuche, die über der weißen Lack-Folie der Leichenhalle verlegt sind, plätschert rot nicht zu verwertender Lebenssaft in die Abfall-Wanne. Als ob sie von der mörderischen Wirklichkeit nichts wüßten, schlummern die Freunde Macbeth und Banquo (Maverick Quek) in paradiesischer Nacktheit nebeneinander – bis die drei Hexen sie aufgeilen mit Bildern von Ruhm, Erfolg, Macht. Amy Coleman, Regine Fritschi, Kate Antrobus sind in runen-geschmückten Militär-Jacken und Käppis, mit schwarzen Strapsen und Dessous Verführerinnen – halb Blitzmädel, halb Vamp, mit einem Pesthauch von Walküren. Sie betten Macbeth an riesenhafte Euter von Brüsten, aus denen der künftige Schlächter auf dem Thron schmatzend Blut saugt.