Von Werner Klüppelholz

Entgegen seiner Gewohnheit kaufte Robert Schumann am 24. Februar 1838 keine Zigarren, gab an diesem Tag lediglich achtzehn sächsische Groschen für Porto und abends vier Groschen in der Kneipe aus; muß also ziemlich nüchtern zu Bett gegangen sein. Arglos teilt er Clara mit: „Das kleine Ding Träumerei komponiert.“ (Noch) Keine Tantiemen, keine „Knillität“ – gleich Volltrunkenheit, die sonst sein Tagebuch so häufig wie gewissenhaft vermerkt.

Eines der Werke war geboren, die um die Welt gehen sollten. Sein Motiv füllt die Honigtöpfe Hollywoods, leiht einer Villa in Buenos Aires den Namen, tönt über den Massengräbern Leningrads, verschönt ein Bordell in Hongkong, summt in den Köpfen aller Klavier-Adepten dieses Planeten. Doch vor den Erfolg haben die Götter die Kritik gesetzt. Ludwig Rellstab in der Zeitschrift Iris im Gebiete der Tonkunst über den gesamten Zyklus der Kinderszenen: „Wenn man aber den Titel: Kinderszenen liest, wenn man sieht, wie diese Stückchen meist auf einer Seite stehen, und nur etwa zwei achttaktige Teile lang sind, so muß man doch wohl auf den Gedanken geraten, daß diese Kinderszenen auch für Kinder, die Klavier spielen, geschrieben sein sollten. Doch dem widerspricht ihre Struktur ganz und gar; ein Kind, das nicht drei Hände hat, kann diese kleinen Stückchen nicht spielen.“

Solche Kinder waren damals schon selten. Mithin: als Kunst zu kurz, als Vorschul-Vergnügung zu vollgriffig, als Musik nutzlos. Der Autor war getroffen: „Ungeschickteres und Bornierteres ist mir aber nicht leicht vorgekommen, als was Rellstab über meine Kinderszenen geschrieben hat. Der meint wohl, ich stelle mir ein schreiendes Kind hin und suche die Töne danach. Umgekehrt ist es. Doch leugne ich nicht, daß mir einige Kinderköpfe vorschwebten beim Komponieren; die Überschriften entstanden aber natürlich später und sind eigentlich weiter nichts als feinere Fingerzeige für Vortrag und Auffassung.“

Ach, Robert, bei Kenntnis des Kommenden wärest du Rellstab, der es allzu wörtlich nahm, beinahe dankbar gewesen. Zwei Jahrzehnte nach deinem Tod ist Brahms zum Protest gegen deine eigene Witwe genötigt – sie möge doch bitte Schumanns Metronom-Bezeichnungen wörtlich nehmen. Über dem Notentext sind einhundert Schläge pro Minute angegeben, was die Länge von einer Minute sechzehn Sekunden ergibt. Clara wird, bei ihren Zugaben, weiterhin auf achtzig reduzieren, und in unserer Raketen-Gegenwart bringt es etwa Christoph Eschenbach schon auf das Schildkröten-Tempo MM zweiundvierzig (gut drei Minuten). Es läßt sich absehen, wann sich die „Träumerei“ in ein abendfüllendes Werk verwandelt hat.

Freuds „Traumdeutung“ war noch nicht erschienen. Schumanns Name freilich fehlt dort, da sich der Theoretiker der Triebe von der so triebhaften Musik lebenslang fernhielt. Ihm ist ein interessanter Fall entgangen. Eine kleine Auswahl von Traum-Stichworten aus Schumanns Tagebuch 1827 – 1838: „Träume von Mondregenbogen – Lektüre Calderons: Das Leben ein Traum – Ekelhafte Träume – Zigarre im Bette und Träume – Träumte, wäre im Rhein ertrunken – Ewige Träume von Henriette – Gestörte Träume – Ekelhafte Nacht mit Traum im Traume – Träume über nichts – Bettlektüre: Wagners Schriften 12. Teil, schlechte Träume von zerbrochenen Tassen – Üppige Nacht mit griechischen Träumen – Verliere mich im Labyrinth der Höllenträume – Schreckliche Nacht mit Totenträumen.“ Träumerei? Kinderszenen? Kaum jedenfalls eine pianistische Rechtfertigung, um das Pathos infantiler Unschuld umstandslos zu zelebrieren.

Je kühler die Zeitläufe, desto inniger das Bedürfnis nach musikalischen Herzwärmern. Nicht von ungefähr gerieten 1920 zwei Komponisten über die „Träumerei“ in Streit, und nicht von ungefähr hießen sie Hans Pfitzner und Alban Berg. Pfitzner, politisch ein nationalistischer Eiferer, musikalisch ein romantischer Nacheiferer, hatte unter dem Titel „Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz“ eine Polemik gegen Neutöner und andere Bolschewisten verfaßt. Darin liest man über die „Träumerei“: „Bei so einer Melodie schwebt man ganz in der Luft. Ihre Qualität kann man nur erkennen, nicht demonstrieren; über sie gibt es keine auf intellektuellem Wege zu erzielende Einigung; man versteht sich in dem durch sie empfundenen Entzücken oder nicht; wer da nicht mitmachen kann, gegen den sind keine Argumente vorzubringen und gegen dessen Angriffe ist nichts zu sagen, als die Melodie zu spielen und zu sagen: ‚Wie schön!‘ Was sie ausspricht, ist so tief und so klar, so mystisch und so selbstverständlich wie die Wahrheit.“