Weg da!“ schrie der Mann mit der Fernsehkamera, von professioneller Panik ergriffen, zog seine Assistentin an sich heran und stürmte durch den Eingang des Zoo-Palastes, um das Geschehen nicht zu versäumen. Berlinale 1988: same procedure as every year. Eröffnungsreden, Vorstellung der Jury, Eröffnungsfilm. Reinhard Hauff hatte Volker Ludwigs Szene-Musical „Linie 1“ für das Kino zubereitet: ein bewährter Regisseur und ein erfolgreiches Stück, Berliner Leben vor Berliner Gästen, das konnte gar nicht schiefgehen. Gegen die „unbarmherzige Ehrlichkeit des Berliner Publikums“, von der so mancher deutsche Filmemacher ein Lied singen kann, setzt Festivaldirektor Moritz de Hadeln auf erfahrene Kräfte: „Linie 1“, ein Erfolg nach Fahrplan. Aber der Kameramann vom Fernsehen rannte nicht ins Kino, um sich am Schicksal der Kreuzberger Lieblinge Bambi, Schlucki, Lumpi, Lotti und Leichi und ihres bundesdeutschen Schützlings Sunny zu erbauen, sondern nach draußen. Dort zogen Rauchschwaden über den Platz, ein alter Mercedes verbrannte unter infernalischem Gestank, der Zorn in den Gesichtern war nicht gespielt, der Dreck nicht aufgemalt, und niemand sang.

Aktionsgruppen aus Kreuzberg demonstrierten gegen die Schließung eines Kommunikationszentrums, das bei den Planern des neuen, netten und sauberen Berlin in Ungnade gefallen ist. So wurde es doch kein ungetrübter Kinoabend im Zoo-Palast. Drinnen fuhr die U-Bahn des Reinhard Hauff zu flotten Klängen durch die heile Studiowelt, draußen wurden ihre wahren Insassen aus dem Verkehr gezogen. Wenn das undankbare Kreuzberg endlich stillgelegt ist, bleiben von den Stationen der Line 1 nur noch die Simulationen aus „Linie 1“. In Hauffs Film fährt der underground mit der Geisterbahn direkt ins Filmmuseum.

Der Berlinale-Tip, immer auf der Höhe des Zeitgeists, wußte schon vor der Premiere, was von „Linie 1“ zu halten ist: „... vereint in einer griffigen Libretto-Melange einen Querschnitt durch alle Berlin-Mottos von der Tunix-Ära bis zur letzten Null-Bock-Phase“. Netter kann man es nicht sagen. Hauffs Werk ist eine filmische Harmlosigkeit, die bis ins holprige Handwerk hinein die Tradition der sangesfreudigen fünfziger Jahre fortsetzt. Die Tonspur hechelt nicht selten asynchron den Bildern hinterher, Stimmen bleiben geheimnisvoll im Off, Massenszenen zerfallen zur bunten Turnerei. Das Freundlichste, was sich über den Film sagen läßt, ist, daß er Volker Ludwigs Musical unter die Leute bringt. Reinhard Hauff verleiht die „Linie 1“ ab sofort im deutschen Kino.

Das gnadenlose Berliner Kinopublikum hat indessen ein erstes Opfer gefunden: Woody Allens „September“. Der Liebling der deutschen Filmkritik hat sich in seinem neuen Werk einer alten, verhängnisvollen Leidenschaft ergeben: der Liebe zum Ernsten, zu unerfüllten Sehnsüchten und tragischen Konversationen, zu Anton Tschechow und Ingmar Bergman. „September“ ist die Tragödie eines Komödianten. Weil Allen es diesmal ernst meint, ist er nicht ernst zu nehmen. Die Berliner Zuschauer lachten nicht über den Film – sie lachten ihn aus. Traurig, traurig.

In Berlin gibt es jeden Tag wunderbare Filme: „Way down East“ von D. W. Griffith, „The River“ von Jean Renoir, „Die roten Schuhe“ von Michael Powell und viele mehr. Sie laufen alle in der Retrospektive der Deutschen Kinemathek, die sich der Geschichte des Farbfilms widmet. „Die Farbe wurde im Kino vom Erzählen verdrängt, wie in der Malerei durch die Zeichnung“, schreibt Frieda Grafe im Vorwort zu ihrer Auswahl von zwölf Filmbeispielen. In Berlin ist das Verdrängte ins Kino zurückgekehrt. Davon ließe sich viel erzählen. Vorerst bleibt es bei Skizzen. Gemälde folgt. Andreas Kilb