Von Hans Schueler

In der Bundestagsfraktion der FDP fühlen sie sich noch immer ein wenig fremd. Aber sie gelten nicht länger als verfemt. Hans-Dietrich Genscher, dessen Wendepolitik sie 1982 ablehnten, läßt sie mehr denn je sein Wohlwollen spüren. Aus den Orts- und Kreisverbänden der Partei schlägt ihnen eine mählich wachsende Welle der Sympathie entgegen. Sie ist umgekehrt proportional dem Zorn des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, der die beiden sogar namentlicher Erwähnung in einem seiner Bayernkurier für würdig befand: "Notorische Koalitionsstörer wie Hirsch und Baum." Der Bayer entrüstete sich über die Kritik der FDP-Abgeordneten Burkhard Hirsch und Gerhart Rudolf Baum an seinen Auftritten im südlichen Afrika.

Die zwei Bonner Habenichtse aber gewinnen derweil nicht nur gegenüber der CSU, sondern auch vor der gesamten innenpolitischen Kulisse der Bundesrepublik mehr und mehr an Profil. Lange Zeit waren sie in der Bonner Koalition Fremdlinge gewesen: Baum und Hirsch hatten sich weder an den Vorbereitungen zur Aufkündigung der sozial-liberalen Koalition noch am Sturz des Bundeskanzlers Helmut Schmidt durch das konstruktive Mißtrauensvotum vom Herbst 1982 beteiligt. Gerhart Baum war immerhin vier Jahre lang Innenminister unter dem sozialdemokratischen Kanzler Schmidt gewesen. Und auch Burkhard Hirsch, während der Schmidt-Ära fünf Jahre Innenminister in Nordrhein-Westfalen unter Johannes Rau (aber schon vor der Bonner Wende wieder im Bundestag), mochte da nicht mitspielen. Eine Weile trug er sich mit dem Gedanken, der Partei den Rücken zu kehren, wie seine jüngeren liberalen Freunde Günter Verheugen, Andreas von Schoeler und Ingrid Matthäus-Maier es taten. Doch schließlich siegte in ihm die Treue zum kleinen Fähnlein: "Wenn ich damals die FDP verlassen hätte und zu den Sozialdemokraten gegangen wäre, hätte ich meiner alten Partei den Tod wünschen müssen zugunsten eines Zweiparteiensystems in der Bundesrepublik. Das brachte ich nicht über mich."

Gerhart Baum war von Anbeginn entschlossen zu bleiben. Am 1. Oktober 1982 hielt er im Bundestag eine Abschiedsrede an die sozial-liberale Koalition, nicht an die FDP. Aber er erinnerte seine Partei daran, daß sie mit der Hinwendung zur CDU/CSU ihre eigenen Wähler betrogen hatte: "Wir haben 1980 um Wähler für liberale Politik geworben. Wir haben ihnen gesagt, was wir mit ihren Stimmen machen würden und mit wem wir es machen würden ... Die Vereinbarung, die meine Partei mit CDU und CSU getroffen hat, bedeutet nicht den Ausbau des Rechtsstaates. Liberale Rechtsstaatspolitik ist zur Disposition gestellt worden."

So ist es bis heute geblieben. Friedrich Zimmermann, Baums Nachfolger im Innenressort, hat das Ruder sofort hart nach rechts herumgeworfen und, ist auf Gegenkurs gegangen. Die FDP-Bundestagsfraktion, in der seit den Bundestagswahlen von 1983 und 1987 der ehemals starke linksliberale Flügel auf marginale Spannweite schrumpfte, ist ihm oft weit gefolgt.

Ob Baum es gemeinsam mit seinem Gesinnungsfreund Hirsch wohl schafft, den von Zimmermann geplanten Datenverbund zwischen Polizei- und Verfassungsschutz zu verhindern? Im gedanklichen Vorgriff auf die parlamentarischen Auseinandersetzungen über das Sicherheitspaket und die Aufhebung dieser "inneren Gewaltenteilung" tröstet sich Burkhard Hirsch schon heute: "Der Montesquieu hat es doch viel schwerer gehabt als wir, seinen Zeitgenossen beizubringen, daß die Staatsgewalt geteilt werden muß, wenn der Bürger frei sein soll."

In der innerparteilichen Opposition sind Gerhart Baum und Burkhard Hirsch eher unfreiwillig zu Dioskuren geworden – Kastor und Pollux auf scheinbar verlorenem Posten. Außer ihren liberalen Grundüberzeugungen – Hirsch umschreibt sie mit dem schlichten Wort "Freisinn" – haben sie nur die Herkunft gemeinsam. Beide stammen aus Mitteldeutschland, beide aus Elternhäusern, die in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus standen. Baums Vater war ein angesehener und wohlhabender Rechtsanwalt in Dresden. Er ist in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben. Der Sohn kam im Februar 1945 mit der Mutter in den Westen, machte 1954 in Köln als Klassenbester sein Abitur und studierte anschließend ebenfalls in Köln Rechtswissenschaft. Auch Burkhard Hirsch, Jahrgang 1930 und zwei Jahre älter als Baum, stammt aus einer Juristenfamilie. Sein Vater war zuletzt Landgerichtsdirektor in Halle an der Saale. Der Sohn kam erst nach dem Abitur in die Bundesrepublik; er war schon bald nach Kriegsende der Liberal-Demokratischen Partei in Sachsen beigetreten und 1949 geflüchtet, als ihm Verhaftung durch die sowjetische Besatzungsmacht drohte. Baum und Hirsch dienten nach ihrem Zweiten Juristischen Staatsexamen jeweils über ein Jahrzehnt lang als Geschäftsführer und Justitiare in der Industrie und in Wirtschaftsvereinigungen, ehe sie sich der Politik als Hauptberuf zuwandten. Zu Wirtschaftsliberalen vom Schlage eines Grafen Lambsdorff sind sie dadurch nicht geworden.