Von Marie-Luise Hauch-Fleck

Urplötzlich war Alexander Wittkowsky bei den Bremer Sozialdemokraten ein äußerst gefragter Mann. Nicht nur Wissenschaftssenator Horst-Werner Franke nahm sich Zeit für ein mehrstündiges, intimes Vieraugengespräch mit dem Professor, der an der Uni Bremen Technikgestaltung/Technologieentwicklung lehrt. Auch Bürgermeister Klaus Wedemeier bat den Wissenschaftler dringend zu einem Privatissimum in seinen Amtssitz. Zu den beiden gesellten sich zudem Wedemeiers Stellvertreter Henning Scherf und der Leiter der Senatskanzlei.

Doch nicht etwa brennendes Interesse an intellektuellem Gedankenaustausch trieb die hanseatischen Sozialdemokraten zum vertraulichen Plausch mit dem Technikexperten. Für die Bremer Senatsspitze ging es um viel mehr: die Zukunft der Stadt, die, so ihre Angst, der Universitätsgelehrte leichtfertig gefährde. Ernst und mit allen Anzeichen tiefster Besorgnis nutzten die sozialdemokratischen Spitzenpolitiker deshalb das Tête-àtete, um Wittkowsky die Tragweite seines Tuns eindringlich zu verdeutlichen. Von ihm nämlich, brachten sie ihm nah, hänge die Sicherheit von mehreren tausend Arbeitsplätzen im Stadtstaat ab.

Damit allerdings hatte der Hochschullehrer nun wirklich nicht gerechnet, als er am 16. Dezember vergangenen Jahres im Fachbereichsrat Produktionstechnik Bedenken dagegen zu Protokoll gab, den stellvertretenden, Vorstandschef von Daimler-Benz, Werner Niefer, mit der Ehrendoktorwürde der Bremer Uni zu ehren. Wittkowsky noch immer verwirrt über das Echo: "Ich wollte zwar Herrn Niefer nicht, aber doch keine Staatskrise auslösen."

Die hektischen Wochen, die dem 16. Dezember folgten, zwangen jedoch nicht nur den Professor zu der Erkenntnis, daß die Verleihung eines Ehrendoktorhutes sehr wohl zur Staatsaktion werden kann – zumindest, wenn der Kandidat über 14 000 Arbeitsplätze gebietet.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Im Herbst 1986 wurde im Fachbereich Produktionstechnik die Idee geboren, einem verdienten Technikspezialisten von Daimler in Bremen den Dr. h.c. zu verleihen. Schließlich bestehe eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Uni und Unternehmen, wurde der Vorstoß begründet. Auch einen der Ehrung würdigen Aspiranten hatten die Bremer Professoren bereits ausgeguckt. Dietrich Zeyfang, der Planungschef des Bremer Ablegers der Autoschmiede in Stuttgart, schien ihnen der richtige Mann. Den Auserwählten setzte man mit aller gebotenen Diskretion von der bevorstehenden Auszeichnung in Kenntnis. Und dann geschah ein ganzes Jahr nichts.

Erst am 30. November vergangenen Jahres brachte Fachbereichssprecher Hans-Josef Rath das Thema "Ehrendoktor" bei einer Professorenrunde wieder zur Sprache. Von Zeyfang aber war nun nicht mehr die Rede. Kurz und bündig teilte Rath seinen Kollegen mit, der Stuttgarter Daimler-Vize Werner Niefer solle den Doktorhut bekommen. Dies sei im übrigen auch "der Wunsch des Bürgermeisters". Den Professoren war’s recht. Immerhin hat Niefer sich – von allen unbestritten – für das Werk in Bremen stark gemacht. Diskussionen über den Anlaß für den abrupten Kandidatenwechsel gab es nicht.

Der war denn auch weniger wissenschaftlich als vielmehr menschlich begründet. Dieter Zeyfang, der als sehr bescheiden gilt, hatte über seine mögliche Auszeichnung Meldung nach Stuttgart erstattet. Ein Daimler-Mitarbeiter, mit den Vorgängen aufs beste vertraut: "Brav wie er ist, hat er halt gefragt, ob er denn darf." Er durfte nicht. Nicht Zeyfang, entschieden die Benz-Gewaltigen, sondern sein Vorgesetzter Niefer sei der geeignete Mann für den Bremer Ehrenhut.

Von dem ungewöhnlichen Vorschlagswesen unbeirrt, verfaßte Fachbereichssprecher Rath unverzüglich eine Laudatio, die er am 16. Dezember dem Fachbereichsrat präsentierte. Das Gremium, in dem neben den Professoren auch Studenten, wissenschaftliche und sonstige Mitarbeiter vertreten sind, muß laut "Ordnung zur Verleihung des Doktorgrades honoris causa" mit einer Dreiviertelmehrheit einen Kandidaten akzeptieren. Erst dann kann der Akademische Senat mit einfacher Mehrheit über den Vorschlag befinden.

Anders als die akademischen Lehrer aber waren weder die Studenten noch die Mitarbeiter von der Idee, den Daimler-Vize zum Ehrendoktor zu machen, begeistert. Niefer, krittelten sie, habe schließlich wesentlich zum Umbau des Automobilunternehmens zum Rüstungskonzern beigetragen. Einen Rüstungsmanager wollten sie jedoch nicht ehren.

Zu derlei moralischen Bedenken gesellten sich bei einigen außerdem Zweifel an der Wissenschaftlichen Qualifikation des Top-Managers. Die sahen sie bei Durchsicht der von Rath eilig zusammengestellten Liste der Niefer-Publikationen denn auch bestätigt. So war als Beleg der wissenschaftlichen Befähigung Niefers unter Punkt 15 auf der Liste sogar aufgeführt: "Moderne Fertigungstechnik (Bilder zum Vortrag)." Die unter Punkt 22 zitierte Presseinformation vom November 1978 zum Thema "Fortschritte und Tendenzen der Produktion im Automobilbau" war in den Augen der Opponenten auch nicht unbedingt geeignet, fachliche Bedenken zu zerstreuen. Immerhin schreibt die Verleihungsordnung vor, daß der Dr. h. c. von der Bremer Universität an Personen verliehen wird, die sich durch "besondere wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen oder hervorragende Anwendung von Wissenschaft in der Praxis ausgezeichnet haben".

Wittkowsky, der ursprünglich mit Niefers Ehrung einverstanden gewesen war, hatte sich nach Gesprächen mit der Opposition auf die Seite der Kritiker geschlagen. Ohne seine Stimme aber war die erforderliche Dreiviertelmehrheit dahin.

Eine zweite Sitzung am 6. Januar blieb ebenfalls ohne Ergebnis. Am 13. Januar wurde es dann ernst. Zwar hatte Wittkowsky in einem Brief an den Rektor seine Bedenken nochmals zusammengefaßt und um mehr Zeit zur Prüfung gebeten. Doch davon wollten die Niefer-Fans nichts wissen. Schließlich drängte die Zeit. Der Ehrendoktor sollte nämlich nicht irgendwann verliehen werden, sondern unbedingt im März: zum 40. Dienstjubiläum des Vizes.

Fachbereichssprecher Rath verfügte, ungewöhnlich genug, sogar den Ausschluß der Öffentlichkeit für das Treffen. Vertraulichkeit wird normalerweise nur beschlossen, wenn "über intime Personalangelegenheiten gesprochen wird, zum Beispiel, wenn einer geklaut hat" (Wittkowsky). Am Ergebnis der Probeabstimmung aber änderte das nichts: Der Kandidat fiel durch.

"Die Tinte auf den Stimmzetteln war gerade getrocknet, da hagelte es Einladungen", beschreibt Abweichler Wittkowsky die Reaktion. Die waren nach Hierarchie fein abgestuft. Der Hochschullehrer wurde per Telephon zum Wissenschaftssenator bestellt, die Studenten und Vertreter der Mitarbeiter, die gegen Niefer gestimmt hatten, zu Rektor Jürgen Timm. Der hatte eigens zwei Betriebsräte vom Bremer Zweigwerk herbeigerufen, um die Bedenken der linken Dissidenten zu zerstreuen.

Die Gewerkschafter gaben sich zwar alle erdenkliche Mühe, Niefers Verdienste um Bremen ins rechte Licht zu rücken. "Das klang fast so, als sei Niefer der Übergewerkschafter", spottet ein Teilnehmer der Runde über den Arbeitnehmer-Lobgesang auf den Chef.

Auch die Professoren des Fachbereichs leisteten Überzeugungsarbeit. Wenn die Ehrung für Niefer nicht abgesegnet würde, müßten sie leider ihre Arbeit an anderen Unis fortsetzen, Bremen sei für sie dann nicht mehr der richtige Ort, ließen sie ihre Studenten und Mitarbeiter wissen.

Am 20. Januar war es dann soweit: Der Antrag, Niefer den Ehrendoktor zu verleihen, wurde vom Fachbereich mit der notwendigen Mehrheit von sechzehn Stimmen angenommen. Wittkowsky, vom Bürgermeister und dessen Stellvertreter tags zuvor nochmals ins Gebet genommen, hatte in seiner Gewissensnot seinen Platz einem Hochschullehrer überlassen, der auf Linie lag. In der vergangenen Woche stimmte auch der Akademische Senat mit hauchdünner Mehrheit für die Auszeichnung Niefers.