Der war denn auch weniger wissenschaftlich als vielmehr menschlich begründet. Dieter Zeyfang, der als sehr bescheiden gilt, hatte über seine mögliche Auszeichnung Meldung nach Stuttgart erstattet. Ein Daimler-Mitarbeiter, mit den Vorgängen aufs beste vertraut: "Brav wie er ist, hat er halt gefragt, ob er denn darf." Er durfte nicht. Nicht Zeyfang, entschieden die Benz-Gewaltigen, sondern sein Vorgesetzter Niefer sei der geeignete Mann für den Bremer Ehrenhut.

Von dem ungewöhnlichen Vorschlagswesen unbeirrt, verfaßte Fachbereichssprecher Rath unverzüglich eine Laudatio, die er am 16. Dezember dem Fachbereichsrat präsentierte. Das Gremium, in dem neben den Professoren auch Studenten, wissenschaftliche und sonstige Mitarbeiter vertreten sind, muß laut "Ordnung zur Verleihung des Doktorgrades honoris causa" mit einer Dreiviertelmehrheit einen Kandidaten akzeptieren. Erst dann kann der Akademische Senat mit einfacher Mehrheit über den Vorschlag befinden.

Anders als die akademischen Lehrer aber waren weder die Studenten noch die Mitarbeiter von der Idee, den Daimler-Vize zum Ehrendoktor zu machen, begeistert. Niefer, krittelten sie, habe schließlich wesentlich zum Umbau des Automobilunternehmens zum Rüstungskonzern beigetragen. Einen Rüstungsmanager wollten sie jedoch nicht ehren.

Zu derlei moralischen Bedenken gesellten sich bei einigen außerdem Zweifel an der Wissenschaftlichen Qualifikation des Top-Managers. Die sahen sie bei Durchsicht der von Rath eilig zusammengestellten Liste der Niefer-Publikationen denn auch bestätigt. So war als Beleg der wissenschaftlichen Befähigung Niefers unter Punkt 15 auf der Liste sogar aufgeführt: "Moderne Fertigungstechnik (Bilder zum Vortrag)." Die unter Punkt 22 zitierte Presseinformation vom November 1978 zum Thema "Fortschritte und Tendenzen der Produktion im Automobilbau" war in den Augen der Opponenten auch nicht unbedingt geeignet, fachliche Bedenken zu zerstreuen. Immerhin schreibt die Verleihungsordnung vor, daß der Dr. h. c. von der Bremer Universität an Personen verliehen wird, die sich durch "besondere wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen oder hervorragende Anwendung von Wissenschaft in der Praxis ausgezeichnet haben".

Wittkowsky, der ursprünglich mit Niefers Ehrung einverstanden gewesen war, hatte sich nach Gesprächen mit der Opposition auf die Seite der Kritiker geschlagen. Ohne seine Stimme aber war die erforderliche Dreiviertelmehrheit dahin.

Eine zweite Sitzung am 6. Januar blieb ebenfalls ohne Ergebnis. Am 13. Januar wurde es dann ernst. Zwar hatte Wittkowsky in einem Brief an den Rektor seine Bedenken nochmals zusammengefaßt und um mehr Zeit zur Prüfung gebeten. Doch davon wollten die Niefer-Fans nichts wissen. Schließlich drängte die Zeit. Der Ehrendoktor sollte nämlich nicht irgendwann verliehen werden, sondern unbedingt im März: zum 40. Dienstjubiläum des Vizes.

Fachbereichssprecher Rath verfügte, ungewöhnlich genug, sogar den Ausschluß der Öffentlichkeit für das Treffen. Vertraulichkeit wird normalerweise nur beschlossen, wenn "über intime Personalangelegenheiten gesprochen wird, zum Beispiel, wenn einer geklaut hat" (Wittkowsky). Am Ergebnis der Probeabstimmung aber änderte das nichts: Der Kandidat fiel durch.