Von Ulrich Greiner

Unter allen Künsten ist die Architektur an die Logik der Ordnung am meisten gebunden. Einen Roman kann man sich als einen wilden Roman vorstellen, so wie Clemens Brentano seinen "Godwi" einen "verwilderten Roman" genannt hat. Auch Maler und Komponisten können die Unordnung als konstituierendes Element ihrer Kunst verwenden.

Adorno hat einmal gesagt, Aufgabe der Kunst sei es, Chaos in die Ordnung zu bringen. In der Tat scheint dies ein beherrschendes Motiv der gesamten Avantgarde. Für die Architektur gilt das nicht. Ein Architekt, der nicht plant, ist keiner. Und Planung führt zur Ordnung. Eine Brücke oder ein Wohnhaus muß in jedem Fall so viel Ordnungskriterien erfüllen, daß die Brücke standhält, daß das Wohnhaus nicht einstürzt; schon das Zeichnen eines Grundrisses ist ein ordnender Vorgang. Erst recht ist der Stadtplaner ein Mann der Ordnung. Es gibt öffentliche Bedürfnisse, vorhandene Strukturen und begrenzte finanzielle Mittel, und der Stadtplaner muß diese Variablen in einen geordneten Zusammenhang bringen.

Insofern hat Architektur mehr mit Politik gemein als mit Kunst. In vielen Epochen der Kulturgeschichte war die Architektur vor allem Herrschaftsarchitektur, diente der Architekt weltlichen oder religiösen Mächten und lieferte ihnen mit seinen Entwürfen und Gebäuden Mittel zur schöneren Selbstdarstellung.

Architektur hat mit politischer Ordnung zu tun, nicht bloß mit der Ordnung des Materials und der Formen. Architektur ist immer auch der herrscherhafte Zugriff auf den Raum. Und wer den Raum beherrscht, der beherrscht die Menschen. Das kann zweifellos etwas Gewalttätiges an sich haben, und die literarische Überlieferung kennt Beispiele, in denen der Baumeister einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Der Baumeister als literarische Figur: das ist sehr oft ein Fall von Hybris, bis zurück zu dem unbekannten Architekten des Turmbaus zu Babel.

Ein jüngerer literarischer Fall ist der Roman "Korrektur" von Thomas Bernhard (1975). In ihm ist die Rede von dem Wissenschaftler Roithamer, seines Zeichens Dozent in Cambridge, der in seine Heimat nach Österreich zurückkehrt, um den gewaltigen Familienbesitz Altensam aufzulösen und einen Rechenschaftsbericht niederzuschreiben. Roithamer ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Architekt. In dreijähriger Bauzeit errichtet er für seine Schwester ein, wie es heißt, "Gebäude zu Wohnzwecken". Dieses Gebäude ist ein Kegel, der im geometrischen Mittelpunkt eines riesigen Waldes liegt und der nur über eine spiralförmige Straße erreichbar, also für die Außenwelt unsichtbar ist. Der Kegel, so notiert Roithamer, verkörpere die "wahnsinnige, blasphemische" Idee, für die geliebte Schwester "ein ihr total entsprechendes Bauwerk als Kunstwerk" zu schaffen. Die Illusion, der Roithamer anhängt, besteht darin, durch eine "vollkommene Konstruktion vollkommenes Glück zu erreichen". Am Ende begreift er: "Allerhöchstes Glück ist nur im Tod." Als der Kegel vollendet ist, erliegt die Schwester einer Todeskrankheit, Roithamer erhängt sich auf einer Lichtung.

"Insofern, als wir alles, was in Betracht zu ziehen ist, in Betracht gezogen haben", heißt es an einer Stelle im Roman, "müssen wir sagen, daß die Baukunst eine zuhöchst philosophische Kunst ist, aber die Baufachleute oder die sogenannten Baufachleute haben das nicht begriffen (...), und so haben wir fast nie Bau kunst, sondern nur Baugemeinheit vor uns." Zugleich aber weiß Roithamer, daß eine derart philosophische Baukunst "im Grunde ein tödlicher Prozeß ist". Die Vollendung des Kegels bedeutet die Vernichtung von Altensam, die Vernichtung der Schwester und schließlich seiner selbst.