Wenn deutsche Politiker sich zur Agrarpolitik äußern, ist ihr Denken oft durch einen magischen Begriff geprägt: den des bäuerlichen Familienbetriebes. Als Bundeskanzler Helmut Kohl vor zwei Wochen nach Brüssel zum Gipfeltreffen der europäischen Regierungschefs fuhr, fiel ihm nichts besseres ein als die Floskel, Europa brauche bäuerliche Familienbetriebe. Nach Bonn zurückgekehrt, empfingen ihn die Bauernfunktionäre mit neuen Milliardenforderungen zum Schutz der Familienbetriebe. Für die Bauern hat Bonn auf Kosten der Steuerzahler bislang immer ein offenes Ohr gehabt. Dabei weiß niemand, was der bäuerliche Familienbetrieb eigentlich ist.

Trotzdem gibt es im ideologischen Denken der Bauernpolitiker nichts, wofür dieses Phantom nicht schon herhalten mußte. Als Urzelle christlicher wie völkischer Gemeinschaft, als Kampfansage an Sozialismus und Kommunismus, als Garant einer sicheren Ernährung – und neuerdings auch als Hüter der Natur auf dem Land. Deshalb, so meinte Agrarminister Ignaz Kiechle vor kurzem, müßten die landespflegerischen Leistungen der Landwirte in Zukunft honoriert werden.

Die neu entdeckte Funktion der Bauern kommt nicht von ungefähr. Kiechle und seine Freunde sind in Begründungsnotstand geraten. Die Agrarpolitik verschlingt immer mehr Geld, erreicht aber ihre Ziele nicht annähernd. Mit etwa 35 Milliarden Mark im Jahr ist der Subventionsaufwand viel größer als die gut zwanzig Milliarden Mark, die die Landwirtschaft statistisch zum Wohlstand beiträgt. Trotzdem rasseln jährlich Tausende von Bauern durch das teure, aber löchrige Schutz- und Auffangnetz der Agrarpolitik. Neben den Steuerzahlern und Verbrauchern gehören also die Bauern selbst zu den Opfern der Agrarpolitik. Was liegt da näher, als gerade das Modethema Umweltschutz als neues Alibi für Subventionen zu mißbrauchen.

Die Agrarpolitik ist dabei, sich von einem Unsinn in den nächsten zu lügen. Denn tatsächlich gehört die Landwirtschaft seit etwa einem Vierteljahrhundert zu den größten Umweltverschmutzern der Republik.

Fachleute wissen das seit langem. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Projektgruppe "Aktionsprogramm Ökologie" hat schon 1983 "schwerwiegende ökologische Schwachstellen" der konventionellen Landwirtschaft bemängelt. Zwei Jahre später kam der ebenfalls von Bonn eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen gleichfalls zu einem für Agrarpolitiker und -funktionäre peinlichen Ergebnis. Spätestens seitdem ist bekannt, daß die Landwirtschaft am stärksten dazu beiträgt, Fauna und Flora schlicht auszurotten.

Die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten enthält mittlerweile über dreißig Prozent aller wildlebenden Pflanzen und Tiere – hauptsächlich, weil die Landwirtschaft deren Lebensraum planmäßig vernichtet. Damit beschwört sie ein in der Erdgeschichte wohl einmaliges Massensterben herauf – eine maßlose Arroganz gegenüber zukünftigen Generationen und mit Abstand das schlimmste Vergehen der Landwirtschaft.

Aber ihr Sündenregister ist viel länger. Übermäßige und falsche Düngung verseucht das Grundwasser mit Nitrat. Um es zu reinigen, müssen Milliarden investiert werden. Flüsse und Seen werden heute nicht mehr durch Waschmittel, sondern durch die Bauern überdüngt. Pflanzengifte attackieren Bodenorganismen mit noch kaum übersehbaren Konsequenzen. Permanent mit modernen Großmaschinen verdichtete und wieder aufgelockerte Äcker werden gegenüber Wind- und Wassererosion anfällig. Traktoren und Mähdrescher rattern über flurbereinigte Felder und ausgeräumte Landschaften. Auf Hochleistung ausgerichtete Massentierhaltung verschlechtert die Produktqualität und verpestet die Luft mit Schadstoffen und üblen Gerüchen. Der bäuerliche Familienbetrieb, wie er sich heute präsentiert, ist mehr denn je Landschaftsschänder denn Landschaftspfleger.