Die Zeitbombe tickt auf dem Amselfeld – Seite 1

Hunderte kohlschwarzer Raben hocken auf den kahlen Bäumen der Hauptstraße in Kosovo-Polje, machen Lärm und Dreck und flößen dem abergläubischen Besucher Unbehagen ein. Sind die düsteren Vögel ein schlechtes Omen für die Zukunft der umstrittenen Region? Endet die Zwietracht zwischen Serben und Albanern im Kosovo nur, wenn es hier bald keine Serben mehr gibt? Ein serbischer Parteifunktionär hält einen Genozid nicht für ausgeschlossen. Und ein alter Kämpfer aus der Partisanenzeit nennt die Anzeichen für eine gefährliche Zuspitzung: Überfälle auf alte Leute, Vergewaltigungen, Mord, Schändung von Gräbern und Kulturdenkmälern, Umbenennung von Straßen und Schulen, Verfälschungen der Volkszählungen und so fort. Das Wort von der "Konterrevolution albanischer Nationalisten", die sich dem Ziel eines Groß-Albanien verschrieben hätten, geistert täglich durch die serbische Presse.

Die Albaner in Jugoslawien sind nicht nur mit der zu Serbien gehörenden autonomen Provinz Kosovo zu identifizieren (der Bevölkerungsanteil der Serben und Montenegriner ist von 28 Prozent im Jahre 1948 auf zehn Prozent heute zurückgegangen). Längst breiten sie sich auch in Montenegro und vor allem in Mazedonien aus. "Sie wollen sich nicht mit dem heutigen Albanien wiedervereinen, sie wollen selbst das Piemont eines Groß-Albanien sein", argwöhnt der Belgrader Politikwissenschaftler Professor Najdan Pašić.

Wie gefährlich die ethnischen Spannungen sind, offenbarte ein aufsehenerregender Mord im vergangenen Jahr. Azis Kelmendi, ein junger Soldat albanischer Nationalität, erschoß in der Kaserne vier seiner serbischen Kameraden, verletzte fünf weitere und tötete sich dann selbst, ein Amokläufer, ein Fanatiker. Das Verbrechen schockierte das ganze Land. Auch nach Vergeltung wurde gerufen. Auf Sippenhaft verfiel eine lokale Behörde, die die Ausweisung der Angehörigen Kelmendis aus ihrem Dorf verlangte. Nur die Intervention des Schriftstellerverbandes verhinderte die Abschiebung. Drei Jahre zuvor hatte Kelmendi über die Berge nach Albanien gehen wollen; er wurde gefaßt und für zwei Wochen ins Gefängnis gesteckt. Dem Richter erklärte er damals: "Albanien ist mein Vaterland, nicht Jugoslawien." Heute stellen besonnene Jugoslawen die Frage, ob der junge Mann nicht alsbald vom Fanatismus geheilt zurückgekehrt wäre, hätte man ihn legal und mit Visum nach Albanien ziehen lassen.

Der Kampf zwischen den Volksgruppen wird immer wieder angefacht. In Gračanica, einem noch fast serbischen Dorf, erzählt mir eine Frau, unlängst habe sich am Rande des Dorfes ein Albaner niederlassen wollen; er hob als erstes einen Brunnen aus. Doch serbische Jugendliche füllten über Nacht den Schacht mit Steinen. Das Spiel wiederholte sich eine Weile, bis der Albaner aufgab. In einer anderen Gemeinde wurden daraufhin einem serbischen Bauern alle Obstbäume abgehackt. Da sich viele Albaner mit dem Geld ihrer Sippe in serbische Grundstücke eingekauft haben, sind Immobilienverkäufe an sie zur Zeit verboten. Andererseits werden ehemalige Kosovo-Serben mit attraktiven Wohnungs- und Beschäftigungsangeboten zur Rückkehr aufgefordert. Das wiederum macht bei den Albanern böses Blut, denn unter ihnen ist die Arbeitslosigkeit besonders groß: unter den Jugendlichen bis zu vierzig Prozent.

Ob es denn auch jetzt Überfälle und Gewalt gebe, frage ich die Frau in Graćanica. Sie zögert, schaut sich um. Auf dem Markt habe man ihr den Korb umgestoßen, "aber Gewalt gab’s eigentlich nicht, seit die Bundesmiliz da ist". Seit in einem seltenen Solidaritätsakt alle Republiken des Bundesstaates ein Kontingent von Bundesmiliz in den Kosovo geschickt haben – von 400 Mann ist die Rede –, hat sich die Lage etwas beruhigt; ein Universitätsprofessor in Priština spricht von einer "gewissen Entspannung".

Was ist denn Kosovo? Nur ein Mythos oder ein Kampfschauplatz mit europäischen Dimensionen? Kosovo heißt Amselfeld. Das erinnert Bürger der Bundesrepublik vermutlich in erster Linie an einen Rotwein, den ein gut organisiertes Agrokombinat hier produziert. Serbische Historiker haben immer wieder beklagt, daß das europäische Christentum die Bedeutung der Schlacht auf dem Amselfeld unterschätzt oder gar ignoriert habe. Über die Türken 1683 vor Wien lernt jedes Schulkind, obwohl dieser Vorstoß des osmanischen Reiches nur eine Episode war. Doch daß hauptsächlich die Serben die Wucht des türkischen Dranges nach Europa abfingen, hat sich im europäischen Bewußtsein kaum niedergeschlagen. Hier verteidigten 1389 Fürst Lazar und seine Krieger im Namen des – freilich serbisch-orthodoxen – Christentums das Erbe des Zaren Dušan, der ein großes Reich gegründet hatte, angelehnt an Byzanz, aber mit vielen Verbindungen zum Westen; und sie verloren das Erbe. Die Klosterkirchen von Gračanica, Peč, Dečani oder Subotica mit der beispiellosen Fülle ihrer Fresken zeugen noch heute von der Blüte dieses mittelalterlichen Reiches. Sie sind für die Serben von heute die Kronzeugen ihres historischen Anspruchs auf den Kosovo.

Von Generation zu Generation wurden die Heldenlieder weitergereicht. Noch heute ist der Tag der Schlacht auf dem Amselfeld ein serbischer Feiertag "Vidovdan" – St. Veits Tag. Der Turm bei Priština, der die Mitte des Schlachtfeldes markiert, ist verschlossen, keine Blume, kein Kranz. In der Ferne der von Bergen umstandenen Hochebene schickt ein Kraftwerk schwarze Rauchwolken in die Luft; kein Mensch ist in der Nähe, nur der Wind pfeift um das Turmgemäuer. Wenige Kilometer entfernt liegt das Grabmal des Sultan Murod. Der türkische Sieger hat die Schlacht nicht überlebt: Ein serbischer Edelmann, der sich als Überläufer ausgab, hat ihn in seinem Zelt erdolcht. Das Grabmal des Sultan ist mit Teppichen und Ornamenten reich geschmückt – die Moslems sind eben zahlreich im Kosovo, die Serben nicht mehr.

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Um ein langes Kapitel balkanischer Geschichte kurz zusammenzufassen: Unter dem Druck der Türken wanderten viele Serben ab nach Norden; albanische Siedler, die anpassungsbereit die Religion der islamischen Herrscher übernahmen, stießen nach. Erst nach dem Balkankrieg 1912/13 und dann vor allem mit der Schaffung des Königreichs Jugoslawien am Ende des Ersten Weltkriegs konnte Serbien wieder seine Hoheit über den Kosovo errichten. Jetzt waren die Albaner die Parias – bis die italienische Besatzungsmacht nach der Zerschlagung Jugoslawiens durch Hitler (1941) den Kosovo mit Albanien vereinte und den Albanern auch im Kosovo zu eigenen Schulen, zur Anerkennung ihrer Sprache und nationalen Identität verhalf. Noch an der Jahreswende 1943/44 beschlossen jugoslawische und albanische Kommunisten auf der Konferenz von Bunja, daß dem Kosovo nach Wiederherstellung Jugoslawiens das Recht auf Abtrennung zugestanden werden müsse.

So viel Selbstbestimmung erwies sich freilich als illusorisch in dem Augenblick, als Tito mit Stalin brach und zwischen Jugoslawien und dem Albanien Enver Hodschas ein eiserner Vorhang herunterging. Im Kosovo wurde Serbokroatisch die Amts- und Schulsprache, Albanisch gab es nur fakultativ. Mit der Verfassung von 1974 vollzog Tito dann eine Kehrtwendung: Kosovo mit seiner albanischen Bevölkerungsmehrheit wurde autonome Provinz mit nahezu allen Rechten einer Republik. Verwaltung, die Schulen, eine Universität, selbst die Kommunistische Partei "albanisierten" sich sofort; aus Tirana wurden Lehrer und Professoren herangezogen und mit ihnen auch Hodschas Agitatoren. Eine Welle nationaler Euphorie entlud sich im März 1981 in Studentendemonstrationen in Priština, die bald in die Provinz überschwappten. Parolen wie "Kosovo – eine Republik" oder "Wir wollen ein wiedervereinigtes Albanien" tauchten auf – die "Konterrevolution", wie die Partei später befand.

Die Volksarmee mußte damals eingreifen, es gab Tote und Verwundete und mehr als tausend albanische "Nationalisten" wurden in Gerichtsverfahren abgeurteilt. Serbische Kritiker von Titos Nationalitätenpolitik nach 1974 werfen dem Begründer des neuen Jugoslawien "Beschwichtigungspolitik" gegenüber den Albanern vor; er habe sie mit Wohlstand und nationaler Eigenständigkeit ködern wollen, in Wirklichkeit aber eine Zeitbombe gelegt.

Zwei Millionen Albaner leben in Jugoslawien, drei Millionen auf der anderen Seite, im eigentlichen Mutterland. Alte Gesetze und Riten beherrschen ihr Verhalten. Im Kosovo können 4000 Albaner nicht das Haus verlassen, weil sie wegen irgendeines Streites von Blutrache bedroht sind. Mehrere tausend Hektar Land liegen aus eben diesem Grunde brach. Die Albaner bleiben am liebsten unter sich. Ob am Arbeitsplatz oder auf dem Korso (einer abendlichen Promenade in jeder Stadt) – die Albaner hängen zusammen. Die Sippe gibt ihnen Sicherheit, wenn nötig Ratschlag, aber auch Abgeschlossenheit.

Viele neue Häuser sind in den Dörfern des Kosovo in den letzten Jahren gebaut worden, fast alle von einer mannshohen Mauer umgeben; nicht selten sieht man Schießscharten. Der Islam, dem die meisten Albaner in Jugoslawien angehören, verstärkt die Tendenz zur Abschottung. Ohnehin ist der Islam in Jugoslawien deutlich im Vormarsch. 450 neue Moscheen sollen in den vergangenen Jahren gebaut worden sein, eine der größten ausgerechnet in der kroatischen Hauptstadt Zagreb – angeblich mit viel Geld Ghaddafis.

Das brisante Problem im Kosovo ist die Kommunikationslosigkeit zwischen Serben und Albanern. Die Serben sprechen in der Regel kein Albanisch, die serbischen Zeitungen berichten kaum etwas vom kulturellen und sozialen Leben der albanischen Mehrheit. Andererseits bringt Radio Pristina nur wenige Nachrichtensendungen in serbokroatischer Sprache. Die Universität Priština, an der 35 000 Studenten eingeschrieben sind, macht zwar eine Fremdsprache zur Pflicht, doch die muß nicht Serbokroatisch sein. Studenten ohne serbokroatische Sprachkenntnisse werden aber nie ein Stipendium, geschweige denn eine Anstellung in einer anderen Republik, bekommen. Sie vermehren nur das akademische Proletariat, das für nationalistische Umtriebe das beste Reservoir ist.

"Wir haben im Kosovo das Entstehen eines albanischen Gettos erlaubt", charakterisiert ein Belgrader Professor die Lage; er vergleicht sie mit den Zuständen in Südafrika. Serbische Hegemonie-Ansprüche haben den albanischen Nationalismus herausgefordert, dieser löst Manifestationen eines serbischen Nationalismus aus – der Chauvinismus der einen Nationalität schaukelt den der anderen hoch.

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Es hat der Stabilität im Kosovo wenig genützt, daß die Belgrader Bundesregierung gewaltige Budgetmittel und auch Auslandskredite dorthin gelenkt hat, einige flossen in die Infrastrukturen – so wurde Priština aus einer balkanischen Kleinstadt in ein betonschweres Verwaltungszentrum verwandelt –, andere in den Aufbau von Großprojekten der Energiegewinnung. An arbeitsintensive Kleinindustrien wurde nicht gedacht. Das hatte überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit zur Folge. 40 000 Albaner aus dem Kosovo arbeiten in der Bundesrepublik, in Österreich und der Schweiz und bringen – wie ortskundige Beobachter wissen wollen – Geld und Autos in die Dörfer – nicht aber europäisches Denken.

"Wir wollen nichts, als in Ruhe und Frieden leben", hat mir jeder Albaner, mit dem ich ins Gespräch kam, versichert. Das hebt ihre nationalen Ansprüche freilich nicht auf. Ein serbischer Gesprächspartner sah spannungsgeladene Entwicklungen voraus: "Was passiert denn, wenn die Großmächte ihr Interesse am Status quo auf dem Balkan verlieren? Die Albaner im Kosovo, in Montenegro und Mazedonien drängen auf Vereinigung mit dem Mutterland. Hätten sie Erfolg, würden sich die Griechen den südlichen und die Bulgaren den östlichen Teil Mazedoniens nehmen. Bulgarien müßte die Ansprüche der türkischen Minderheit bedienen, Rumänien die seiner Ungarn. Die Sprengung der bisherigen staatlichen Strukturen auf dem Balkan wird unausweichlich." Der Kosovo als Schlüssel für die Entwicklung Jugoslawiens und des gesamten Balkans? Es gibt wahrlich stabilere Fundamente, auf die man die Zukunft bauen kann.

Nächste Folge: Jugoslawien muß seinen Platz in Europa definieren