Die Sozialdemokraten, zuvor neun Jahre lang allein an der Macht, gewöhnten sich nur mühsam an den Gedanken, nunmehr die Senatsbank mit einem Koalitionspartner teilen zu müssen. Von der Berufung des neuen (sozialdemokratischen) Polizeipräsidenten etwa erfuhren die Liberalen aus der Zeitung. Hilflos sieht die FDP dem Geschiebe um Posten bis heute zu. "Wir sind im Filz unerfahren", räumt Ingo von Münch ein, um dann in hellem Tremolo die Pfründenwirtschaft der Hamburger SPD zu beklagen: "Das werfe ich dieser Partei vor, daß sie wirklich nur noch in diesen verfluchten Mitgliedsbuch-Kategorien denken kann. Das finde ich widerwärtig."

Münch, mokieren sich manche Sozialdemokraten, argumentiere eben vornehmlich moralisch, seine Politik sei daher etwas kurzatmig. Da agiere der liberale Wirtschaftssenator Wilhelm Rahlfs schon professioneller. In beiden Parteien haben sich die Verhältnisse merkwürdig umgekehrt. Während die Sozialliberalen um den quicken Rechtsprofessor Münch mit Kritik an der Koalition nicht hinter dem Berg halten, haben sich Wirtschaftsliberale wie der brave Rahlfs in der Regierung gemütlich eingerichtet. In der SPD hat sich die Linke mit Dohnanyi, dem Friedensstifter in der Hafenstraße, arrangiert; dafür rebelliert nun der eher rechts angesiedelte Gewerkschaftsflügel immer unverhohlener gegen die Kompromißbereitschaft des Bürgermeisters bei den Spar- und Privatisierungsplänen der FDP.

Zum Eklat kam es bei den Haushaltsberatungen. Der vom Mitte-Rechts-Lager dominierte SPD-Landesvorstand pfiff die Sozialdemokraten im Koalitionsausschuß zurück, nachdem die Genossen mit der FDP den Verkauf der Hamburger Gaswerke verabredet hatten, um das Loch im Budget zu stopfen. Am Ende wurde der Verkauf der Gaswerke doch beschlossen, gemeinsam mit der Veräußerung weiteren Staatsvermögens im Gesamtwert von 830 Millionen Mark. Die FDP sperrte sich erfolgreich gegen das Ansinnen der SPD, zur Finanzierung der Milliardenlücke zusätzliche Kredite aufzunehmen. Hamburg, mit rund 20 Milliarden Mark verschuldet, spart Der Haushalt ’88 wächst nur um 1,6 Prozent Für Dohnanyi hat sich die Koalition damit "glänzend bewährt". CDU-Oppositionsführer Hartmut Perschau glaubt dagegen, daß es ohne finanziellen Zwang mit der SPD keine Privatisierung gegeben hätte. Zur Lösung von Hamburgs Strukturproblemen habe die Koalition bisher kein Konzept entwickelt: "Was SPD und FDP politisch zustande bringen, ist nur das Allernotwendigste, um das vorzeitige Ableben der Freien und Hansestadt Hamburg zu verhindern."

Als hätten die beiden so gegensätzlichen Regierungspartner nicht schon genug Sorgen, haben sie sich nun in einen Streit verrannt, der ihr Bündnis leicht platzen lassen kann. Fünf Tage vor der Bürgerschaftswahl am 17. Mai 1987 hatte der SPD-Minderheitssenat beschlossen, die 41 600 Hamburger Wohnungen der Neuen Heimat zu übernehmen. Ausgehandelter Kaufpreis wie bei dem unglückseligen NH-Sanierer Bäcker Schiesser: eine Mark. Forderungen an die Neue Heimat von rund zwei Milliarden Mark, so rechnete der Senat damals den Bürgern vor, stünden Vermögenswerte in etwa gleicher Höhe gegenüber. "Das Verhandlungsergebnis ist eine seriöse, kaufmännisch solide Lösung", verkündete Bürgermeister Dohnanyi. "Der Senat verbürgt sich, daß er mit einer entsprechenden Mehrheit in der Bürgerschaft das ausgehandelte Konzept verwirklichen wird. Das müssen die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs wissen, wenn sie am 17. Mai ihre Wahlentscheidung treffen."

Da hatte Dohnanyi den Mund reichlich voll genommen. Denn die Mehrheit hatte er nach der Wahl nur mit den Liberalen. Die aber fragten: Wie kommen wir eigentlich dazu, den bankrotten Gewerkschaftskonzern mit den Geldern der Hamburger Steuerzahler zu sanieren? Doch da sie mitregieren wollte, gestattete sich die FDP den "ordnungspolitischen Sündenfall" (Ingo von Münch) und gab nach: Die Wohnungen sollten gekauft werden, über die Konditionen wollte man allerdings neu verhandeln. Nach zähem Hin und Her einigten sich die Koalitionäre, daß sie sich nicht einig waren, besiegelten ihr Bündnis – und stehen heute vor einem Scherbenhaufen. Jetzt behaupten Hamburgs Sozialdemokraten, der Chef der Gewerkschaftsholding BGAG Hans Matthöfer und der NH-Treuhänder Heinz Sippel, ihre Grundsatzvereinbarung habe sich stets auf den Kauf der gesamten Gesellschaft Neue Heimat Nord bezogen. Dagegen verweisen die Liberalen auf den Text der Koalitionsvereinbarung, in dem nur von Wohnungen und Grundstücken die Rede ist. "Hätte man uns vorher gesagt, Hamburg soll hundert Prozent der Buchwerte übernehmen, hätten wir von vornherein gesagt: Ohne uns!" beharrt FDP-Landeschef Robert Vogel.

Auch Ingo von Münch faßt sich entgeistert an den Kopf: "Die Neue Heimat als Gesellschaft zu übernehmen, widerspricht allen Prinzipien der Vernunft." Für den stellvertretenden FDP-Landesvorsitzenden Henning Voscherau dagegen steht fest: "Es gibt eine Vereinbarung, die eine Unternehmensübernahme vorsieht." In den Koalitionsverhandlungen habe man hinsichtlich der Neuen Heimat einen "offenen Dissens" festgestellt. Die Folge: "Der prinzipielle Unterschied zwischen ‚Das wollen wir nicht‘ und ‚Das muß gemacht werden‘ bricht in jedem Detail wieder durch." Für die Liberalen geht es indes um alles andere als um Details. Sie fühlen sich von ihren Koalitionspartnern hinters Licht geführt. Worauf soll man sich in Zukunft noch verlassen können, fragt die FDP, wenn der Koalitionsvertrag schon der ersten Probe nicht standhält.

Der Zorn der FDP ist berechtigt. Ende vergangenen Jahres hat die Neue Heimat Nord (NHN) ihre 17 000 in Schleswig-Holstein gelegenen Wohnungen an die NH-Tochter Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft (NWDS) verkauft und von der NWDS im Gegenzug deren 9000 Wohnungen auf Hamburger Gebiet übernommen. Diese Umstrukturierung der NHN, die vom SPD-Bausenator Eugen Wagner genehmigt wurde, ist der FDP laut Landeschef Robert Vogel Mitte Januar "beiläufig mitgeteilt" worden. Dabei hat der Verkauf der schleswig-holsteinischen Wohnungen weitreichende Konsequenzen. Nun würde der – im Prinzip von der FDP akzeptierte – Kauf der Hamburger Wohnungen automatisch die Übernahme der gesamten NHN bedeuten. Damit aber würde die Hansestadt alle gegen den Verkäufer bei Abschluß des Vertrages bestehenden Ansprüche übernehmen. Nach Berechnungen von FDP-Chef Vogel könnten auf Hamburg Belastungen von rund 300 Millionen Mark und künftige Haftungsverpflichtungen in nicht absehbarer Höhe zukommen. "Was ist da noch alles drin?" fragt der mißtrauisch gewordene Vogel.