Zwanzig Jahre nach den Unruhen im Land sagen die polnischen Behörden jetzt die Wahrheit

Von Daniel Passent

In Polen verknüpfen sich die jeweiligen Monatsnamen mit unvergeßlichen politischen Ereignissen. Januar steht für den Januar-Aufstand von 1863 gegen den russischen Eroberer, September für den Überfall des Hitlerreiches auf Polen; Oktober meint jenen Monat im Jahre 1956, in dem der Stalinismus beendet wurde und Wladyslaw Gomulka, das Symbol für die Hoffnungen auf Demokratisierung im Lande, an die Macht zurückkehrte. Der März 1968, der sich jetzt zum zwanzigsten Mal jährt, symbolisiert den Zusammenbruch dieser Hoffnungen und eine tiefgehende Krise. In der Welt wurde sie vor allem wegen ihrer „antizionistischen“ Kampagne bekannt, die sich gegen die Juden richtete, in Wirklichkeit jedoch komplizierter war.

Anders als in Ungarn, wo es zu Blutvergießen kam, endete der Oktober 1956 in Polen vielversprechend. Die stalinistische Unterdrückung hörte auf; Gomulka nannte viele politische und wirtschaftliche Ungereimtheiten mutig beim Namen; er sanktionierte die private Landwirtschaft; Kardinal Wyszynski kehrte aus der Verbannung zurück; das Verhältnis zur Kirche entspannte sich; und zugleich gewann Chruschtschow die Gewißheit, daß Polen ein sozialistisches Land bleiben werde. Die Staatsmacht erfreute sich in Polen so großer Unterstützung wie hernach niemals wieder.

Touristen brachten Bananen

In dem darauffolgenden Jahrzehnt jedoch rückte Gomulka immer mehr von seiner Vision eines demokratischen polnischen Sozialismus ab; schrittweise wurden die Oktober-Errungenschaften eingeschränkt, so zum Beispiel die Selbstverwaltung, die Freiheit des Wortes, die Wirtschaftsreformen und die Beziehungen zur Kirche. In Polen ging es bergab. Die Wirtschaft war außerstande, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen; man wartete immer länger auf eine Wohnung; das eigene Auto blieb ein Traum; in den Geschäften gab es nur wenige und zudem teure Waren zu kaufen. Unterdessen aber erholte sich Westeuropa immer mehr, ausländische Touristen kamen in eleganten Autos nach Polen und brachten Strumpfhosen, Bananen und Transistorradios mit.

In der polnischen Intelligenz begann es zu rumoren. Gomulka, der zunächst als ein von der Vorsehung gesandter Mann angesehen worden war, galt zunehmend als reformunwilliger Politiker mit einem letztlich beschränkten Horizont. Herausragende Ökonomen wie Michal Kalecki, Czeslaw Bobrowski, Wlodzimierz Brus, Kazimierz Laski und Ignacy Sachs sowie die Nestoren Edward Lipinski und Oskar Lange, der bekannteste von allen, traten für Veränderungen ein. Anstatt damit jedoch auf Anerkennung zu stoßen, verloren sie ihre Stellungen. Die Intellektuellen forderten, die Zensur einzuschränken, die Kultur weniger zu gängeln und mehr Papier für Bücher bereitzustellen. Den ersten öffentlichen Protest, den „Brief der 34“, unterschrieben (im Jahre 1964) so bedeutende Gelehrte wie T. Kotarbinski, L. Infeld, W. Sierpinski und E. Lipinski, die Schriftstellerin Maria Dabrowska, der Dichter und Feuilletonist Antoni Slonimski und andere. Anstatt damit jedoch auf Verständnis zu treffen, erlebten sie ein Kesseltreiben gegen sich; sie bekamen erhebliche Schwierigkeiten mit der Zensur, den Verlagen und den Paßbehörden.

Je mehr Unzufriedenheit wuchs, desto schärfere Formen nahm die offizielle Kampagne gegen Revisionisten, Antikommunisten, bürgerlich-liberale Opportunisten und verschiedene andere „-isten“ an, die augenscheinlich alle mit dem Westen unter einer Decke steckten. Begünstigt wurde dies durch die schwierige internationale Situation – die Stagnation in der Breschnew-Zeit, die Kuba-Krise, später durch den Vietnam-Krieg und den Nahostkonflikt. In der Partei prallten zwei Lager aufeinander – die Reformer, die den Oktober fortführen wollten und als Revisionisten bezeichnet wurden, und die konservativen Dogmatiker, die auf Ruhe und Ordnung pochten und deren Symbol General Moczar wurde, der Chef des Sicherheitsressorts. Gomulka fühlte sich eher dieser zweiten Strömung zugehörig, den Dogmatismus bezeichnete er als „Schnupfen“, den Revisionismus hingegen als „Grippe“. Der Erste Sekretär wurde immer einsamer, aber auch zunehmend eingekreist.

In ihrem Kampf gegen Gomulka war den Vertretern der konservativen Richtung, die in Polen bis heute nicht beim Namen genannt werden, jedes Mittel recht. Die Tatsache, daß zu den „Liberalen“ auch frühere Stalinisten gehörten, darunter ebenfalls Menschen jüdischer Herkunft, die an der Verfolgung der Soldaten der nichtkommunistischen Heimatarmee aus der Zeit der deutschen Besatzung mitgewirkt hatten und die überhaupt für den Stalinismus mitverantwortlich waren, genügte ihnen, um eine „antizionistische“ Kampagne zu entfesseln.

Das Jahr 1968 begann also in Polen mit einer allgemeinen Krise, der Richtungskampf um die künftige Entwicklung des Landes trat immer deutlicher zutage (in der Tschechoslowakei war Dub-ček bereits an der Macht, in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten breiteten sich Studentenunruhen aus). Am 30. Januar verboten die Warschauer Behörden alle weiteren Aufführungen der „Ahnenfeier“, da die antirussischen Akzente dieses Nationaldramas als antisowjetisch hätten gelten können. Daraufhin hagelte es Proteste: Studenten demonstrierten, Warschauer Literaten verabschiedeten eine Resolution über die Bedrohung der nationalen Kultur durch die Politik der Behörden. Die offizielle Presse bezeichnete all jene, die an den Auseinandersetzungen teilgenommen hatten, als Abenteurer und „Bananen-Jugend“ (zu den Protestierern gehörten auch die Kinder von langjährig aktiven Partei- und Staatsfunktionären, die häufig für die herrschenden Zustände mitverantwortlich waren). Wo es nur möglich war, stellte man ihre jüdische Herkunft heraus und dichtete ihnen „zionistische Sympathien“ an. Gomulka sprach öffentlich von der Fünften Kolonne. Verschiedene Zeitungen und pseudowissenschaftliche Abhandlungen behaupten, daß polnische „Zionisten“ mit den Revisionisten in der Bundesrepublik Deutschland zusammenarbeiteten und daß es eine gegen Polen gerichtete „Achse Bonn-Tel Aviv“ gebe.

Tausende wurden verhaftet

Dann schritt man zur Auseinandersetzung mit der aufbegehrenden Jugend, ihren Gönnern und Sympathisanten, tatsächlich aber mit jeglicher Form von Kritik, vor allem der liberalen. Mehrere tausend Demonstranten wurden übel zugerichtet, geschlagen oder verhaftet, über hundert Milizionäre verletzt; Transparente mit Aufschriften wie „Wir wollen Freiheit“ oder „Fort mit der Zensur“ vermischten sich auf offiziellen Kundgebungen und Massenversammlungen mit Parolen, die da lauteten „Studenten zurück an die Unis, Schriftsteller zurück zur Feder“ oder „Säubert die Partei von Zionisten“. Die Presse, die damals einem ehrgeizigen jungen Politiker unterstand, der sich jetzt im vorzeitigen Ruhestand befindet, wühlte in den Lebensläufen, stöberte die früheren jüdischen Familiennamen auf und deutete an, daß eine „revisionistisch-zionistische Verschwörung“ aufgedeckt worden sei, die einen „Staatsstreich“ vorbereitet habe.

Es galt die Gleichung: Revisionismus gleich Zionismus gleich Antikommunismus gleich Polenfeindlichkeit gleich Verrat. Die Kritik der linken Intellektuellen und der aufgebrachten Studenten wurde in einen Sack mit wirklicher antikommunistischer und antisowjetischer Opposition gesteckt. Ehemalige Marxisten und Kommunisten wie Wlodzimierz Brus, Jerzy Morawski, Zygmunt Brauman und Leszek Kolakowski wurden in einem Atemzug mit dem überzeugten Antikommunisten Stefan Kisielewski oder dem verdienten Liberalen Antoni Slonimski verdammt. Bekannte Politiker – der Außenminister Adam Rapacki, der heftig gegen die Säuberung in seinem Ressort protestiert hatte und der Vorsitzende des Staatsrates, Edward Ochab – traten zurück, da sie sich mit dieser Kampagne nicht abfinden konnten. Die einen wurden aus der Partei ausgeschlossen und verloren ihren Arbeitsplatz, die anderen gingen aus Protest von selbst. Für viele Menschen war es eine persönliche Tragödie.

Nachdem auch eine katholische Abgeordnetengruppe protestiert hatte, gab der damalige Premier am 10. April 1968 bekannt, daß 2700 Demonstranten festgenommen, etwa 200 Personen verhaftet und 700 Personen angeklagt worden seien. Der März 1968 endete mit dem Sieg der dogmatischen Strömung, die in Polen rund dreißig Jahre vorherrschte, von 1949 bis 1980. Die Reformgegner gewannen noch einmal die Oberhand (sehr bald, im Dezember 1970, sollten sie in einer Danziger Werft die blutigen Früchte ihrer Politik ernten).

Infolge der Säuberungen verloren viele Professoren, Minister, Vizeminister, Direktoren, Redakteure und Offiziere ihren Arbeitsplatz und ihr Parteibuch; rund 20 000 jener ohnehin nicht vielen Juden, die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik entgangen waren, weil sie sich entweder auf dem Gebiet der UdSSR aufgehalten hatten oder mit Hilfe von Polen gerettet worden waren, verließen nun das Land. Auf die freigewordenen Stellen gelangten Personen, die sich vor allem durch politische Loyalität auszeichneten. Das politische Kriterium spielte bei der Kandidatenauswahl eine immer beherrschendere Rolle. Die Zeit des „loyalen Mittelmaßes“ brach an. An den Universitäten wurden mehrere hundert promovierte Adjunkten ohne die dafür erforderliche Habilitation zu Dozenten ernannt. Damals kam die verächtliche Bezeichnung „März-Dozent“ auf. Sie übernahmen viele wichtige Posten. Ein Teil von ihnen schaffte es, sich später zu habilitieren, der andere Teil lebt bis heute von den Zinsen des damaligen Karrieresprungs.

Die antisemitischen Parolen wurden zwar alsbald leiser, zumal es dafür auch keinen rechten Bedarf mehr gab. Als sehr viel bedeutsamer erwies es sich jedoch, daß alle weitere Kritik unterdrückt wurde, das ökonomische und wirtschaftliche Denken stagnierte, die Frustration zunahm, die Freiheit eingeschränkt wurde, daß man die im Oktober 1956 eingeleitete Demokratisierung abbrach und Wladyslaw Gomulka selbst einen großen Teil seiner eigenen Errungenschaften und Verdienste zunichte machte. Alsbald sollte dieser Politiker seine nächste Tragödie erleben – nach dem Erfolg, den die Normalisierung der Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland im Dezember 1970 und der denkwürdige Besuch Willy Brandts bedeutete (das Bild von Brandts Kniefall vor dem Denkmal für die Getto-Helden wurde damals in Polen nicht veröffentlicht), wurde Gomulka von aufgebrachten Arbeitern gestürzt. Während im Jahre 1968 ein Teil der Jugend und der Intelligenz protestiert hatte, lehnten sich 1970 die Arbeiter auf. Noch viele Jahre nach dem „März“ wurden die damaligen Emigranten von den polnischen Konsulaten schikaniert, und sie hatten größere Schwierigkeiten als andere, wenn sie ihr Vaterland besuchen wollten. Heute ist das anders.

Die polnischen März-Ereignisse drückten der damaligen Jugend-Generation, und unter ihnen besonders der Intelligenz, einen tiefen Stempel auf. Heute sind sie erwachsen, stehen in der Blüte ihres Lebens und ihrer Entwicklung, was es sehr erschwerte, die ganze Wahrheit über die damaligen Ereignisse aufzudecken und darüber zu reden. Ein Teil von ihnen ging ins Ausland, die anderen blieben seit jener Zeit in der Opposition, aus linken Kritikern und Revisionisten wurden lautstarke Kritiker des Marxismus und des Sozialismus. Viele ihrer damaligen Forderungen, zum Beispiel die größere Rolle des Marktes in der Wirtschaft, weniger Zensur und mehr Demokratie, derentwegen man sie des Revisionismus bezichtigte und von ihrem Arbeitsplatz, aus der Partei und aus dem Land vertrieb, sind heute als selbstverständlich akzeptiert. Die vieljährige Verzögerung kam Polen freilich teuer zu stehen.

Nach zwanzig Jahren haben sich die polnischen Behörden nun erstmals entschlossen, die Wahrheit über den März 1968 zu sagen, was zweifellos vor allem General Wojciech Jaruzelski zu verdanken ist. Auf der Internationalen Historikerkonferenz in Jerusalem, die den polnisch-jüdischen Beziehungen gewidmet war, kündigte Professor Jozef Gierowski, Mitglied in Jaruzelskis Konsultativrat, mit Genehmigung des polnischen Staats- und Parteichefs an, Polen werde offiziell erklären, daß es sich von den im März 1968 angewandten Praktiken distanziere und den Antisemitismus sowie jede Form von Rassismus verurteile. Die Jerusalem Post vom 7. Februar 1988 nennt diese Ankündigung „revolutionär“, sie sei „mit Bewunderung und Erregung“ aufgenommen worden. In dem theoretischen Parteiorgan Nowe Drogi soll ein Artikel erscheinen, der die Politik der Behörden vor dem und während des März 1968 kritisch beurteilt.

Gewiß, viele Einzelheiten werden erst noch ans Licht kommen; auch werden wir noch deutlicher über die Praktiken und die Personen in jenem Zeitraum sprechen müssen. Doch es wird ein weißer, bislang schamhaft verborgener Fleck in unserer Geschichte getilgt. Die gegenwärtige Reformpolitik unter der Federführung Jaruzelskis wäre nicht ganz so glaubwürdig, wenn die damalige antidemokratische, anti-intellektuelle, reformfeindliche und antisemitische Kampagne nicht verurteilt worden wäre. Diese Kampagne hat Polen im In- und Ausland großen Schaden zugefügt und die ohnehin stockende Entwicklung weiter verzögert. Viele junge Menschen verloren dadurch ihren Glauben daran, daß sich die polnischen Angelegenheiten in Ordnung bringen lassen, einen Glauben, der heute so dringend gebraucht wird.

Aus dem Polnischen übersetzt von Lisaweta von Zitzewitz.