Von Marianna Butenschön

Das Moskauer Ministerium für Mineraldüngerindustrie ist der größte Umweltverschmutzer der Sowjetunion. Die leitenden Beamten dieses Ministeriums haben ein "rückständiges Bewußtsein". Sie achten "nicht gebührend" auf Verstöße der ihnen unterstellten Betriebe gegen die Umweltgesetze, und ihre Haltung gegenüber den natürlichen Ressourcen des Landes ist "unverantwortlich". Zu diesem Ergebnis kamen die beiden Ständigen Umweltkommissionen des Obersten Sowjets auf ihrer letzten gemeinsamen Sitzung im September 1987.

Vom skandalösen Wirtschaften des Düngemittelministeriums konnte sich kurz darauf auch Parteichef Michail Gorbatschow während seiner Reise auf die Kola-Halbinsel überzeugen. Dort werden wertvolle Apatiterze, aus denen Phosphatdünger gewonnen wird, so unrationell abgebaut, daß bis zu fünfzig Prozent des geförderten Rohstoffes auf Halde liegen bleiben. Das Ministerium hat für die Beiprodukte Nephelin, Tonerde, Pottasche, Soda, Titan, Zement und Fluor keine Verwendung. Daß sich über der Region auch ein "ökologisches Drama" zusammenbraut, wie die Prawda beklagte, scheint die Verantwortlichen noch weniger zu kümmern.

Sie haben nämlich ein neues Betätigungsfeld mit schlimmen Umweltwirkungen gefunden: Im Nordosten der kleinen baltischen Unionsrepublik Estland will das Düngemittelministerium noch im 12. Fünfjahrplan (1986-1990) mit dem Abbau von Phosphoriterzen beginnen. Mindestens sechs Milliarden Tonnen sollen dort lagern, und die will man in den nächsten vierzig Jahren aus der Erde holen – in Toolse am Finnischen Meerbusen im Tagebau und weiter südlich bei Rakvere im Untertagebau. 750 Millionen Rubel (2,3 Milliarden Mark) stehen dem Düngemittelministerium für das Projekt zur Verfügung. Doch was den obersten sowjetischen Dünger-Verwaltern vorteilhaft erscheint, ist für den Sowjetstaat insgesamt und erst recht für die betroffene Region eine Katastrophe: Es drohen enorme wirtschaftliche Verluste und unübersehbare Umweltschäden.

Deshalb sind die Esten geschlossen gegen die Förderung der Phosphorite, und für ihren Widerstand, den sie dank Gorbatschows Politik der Offenheit auch äußern können, haben sie handfeste Gründe: Die Förderungspläne des Moskauer Ministeriums würden ein Drittel des estnischen Territoriums, die Landschaft Virumaa, in eine Industriewüste verwandeln. Virumaa aber ist vermutlich das älteste Ackerbaugebiet Nordeuropas. Obwohl die Böden karg und empfindlich sind, nimmt der Bezirk Rakvere mit seinen 75 000 Einwohnern heute einen Spitzenplatz in der sowjetischen Milch-, Fleisch- und Getreideproduktion ein und ernährt ein Drittel der Bevölkerung Estlands, mithin eine halbe Million Menschen.

Die Förderung der Phosphorite aber würde die gesamte Wasserversorgung in Virumaa gefährden. Denn der Rohstoff lagert ausgerechnet im Hochland von Pandivere, einer Art Wasserturm Nordost-Estlands, der alle Flüsse in der Region speist und vierzig Prozent der estnischen Wasservorräte birgt. Will man das Erz fördern, dann müssen die Gruben in achtzig bis hundert Meter Tiefe trockengelegt werden. Nach Berechnungen des Hydrologen Leo Vallner müßten dafür 120 000 Kubikmeter Wasser täglich allein aus den oberen Grundwasserstockwerken herausgepumpt werden. Die Folgen: Der Grundwasserspiegel würde sinken, in einer Entfernung von bis zu 150 Kilometern würden die Brunnen austrocknen, Wasser müßte aus dem durch die Ölschieferindustrie stark verschmutzten Peipussee herangeführt, das Land künstlich bewässert werden.

Ein noch viel ernsteres Problem sieht Leo Vallner in der drohenden Verschmutzung durch die Grubenabwässer. Die sollen, weil das am billigsten ist, einfach in die Flüsse gepumpt und anschließend in die Ostsee verfrachtet werden. Die Förderung wird noch dadurch erschwert, daß 30 bis 35 Meter über den Phosphoriten bei Rakvere Ölschiefer liegt, mit dem das Düngemittelministerium nichts anfangen kann. Mit ihm würden Gruben aufgefüllt, oder er würde einfach aufgehaldet. Noch komplizierter ist die Lage in Toolse. Denn dort lagert Schwarzer Schiefer (Diktyonema) über den Phosphoriten. Ähnliche geologische Formationen gibt es in Schweden, wo der Schwarzschiefer neben anderen Schwermetallen bis zu dreihundert Gramm Uran pro Tonne enthält. Der Schwermetallgehalt des estnischen Diktyonemaschiefers ist offiziell nicht bekannt. Und das hat seine Gründe. Denn der Schwarze Schiefer, der in der Erde ungefährlich ist, fängt von selbst an zu brennen, sobald er mit Luft in Berührung kommt.